Diätplan für erfüllte Tage
Leo Nerdette

Ultimativer Diätplan für ein erfülltes Leben

Für euch, die ihr genug habt! Die ihr befürchtet, Social Media süchtig zu werden – oder seid ihr es gar schon? Also für jene, die in den nächsten Wochen alles zu tun gedenken, damit sie wieder los werden, was sie in den letzten Wochen, Monaten, Jahren in sich hineingestopft haben. Ja, für die, die ein erfülltes Leben suchen –  jenseits von Social Media, eher so im Hier und Jetzt.  Genau für dich also haben wir diesen Diätplan erstellt.

Den einzig wahren – den ULTIMATIVEN Diätplan!

Unsere erkärte Mission: Wir wollen Menschen helfen, sich von unnötigem Ballast zu befreien. Auf dass sie sich wieder freier bewegen, klarer denken und öfter freuen können!

Diätplan für schlaue Köpfe

Eines schicken wir jedoch noch voraus: Wie alle Diäten ist auch diese kein Honigschlecken! Du musst hart arbeiten und einige Durststrecken überstehen. Daher solltest du gut überlegen, ob du dich unserem Plan anschließt.

Grundsätzliche Fakten

gemeinsam begleiten

  • Dauer: Sechs Wochen. Sie reichen völlig aus, nachhaltig zu entschlacken.
  • 112prozentige Erfolgsgarantie – vorausgesetzt du hältst den Diätplan tatsächlich durch.
  • Ein klarer Diätfahrplan pro Woche, von dir selbst erstellt
  • Punktesystem für Sport, kreative Aktivitäten, Treffen mit Freunden, Real life time
  • 30-50 Prozent Steigerung des Glücksquotienten sind garantiert.

Zuerst einmal die Bestandsaufnahme

Am Beginn eines Diätplans steht eine umfassende Analyse des Ist-Zustands. Daher gilt es zunächst zu sammeln,

  1. Wie viele Stunden deiner Freizeit verbringst du online?
  2. Gliedere diese Stunden in Geräte: Smartphone, PC, Tablet, TV…?
  3. Analysiere, wie lange du welche Social Media Kanäle nutzt: Dein Hauptaugenmerk liegt auf Snapchat, Instagram, Facebook, Twitter, Pinterest, You Tube, flickr…
  4. Mache dir eine exakte Liste dazu
  5. Dieser stellst du eine andere Liste gegenüber: In ihr hältst du fest, wie viel Zeit du mit Freunden, der Familie, Sport, in der Natur, auf Reisen verbringst – ohne Fotos davon sofort zu teilen.

Hast du die Bestandsaufnahme beendet, formulierst du dein Ziel: Die Stundenanzahl, die es für dich ermöglicht, entspannt deine Freizeit zu genießen. Doch sei dir bewusst: Alles, was höher als 1-2 Stunden täglich liegt, gefährdet die Zufriedenheit eines jeden Menschen.

Was gibt es zu tun?

  1. Du folgst deinem detaillierten Wochenplan.
  2. In ihm hast du Aktivitäten mit Punkten zwischen 1-5 vorgesehen – je höher die Punktezahl, desto lieber die Tätigkeit.
  3. In einem Kalender notierst du in Stichworten, was du bewältigt hast, woran du gescheitert bist.
  4. Du zeichnest dazu, wie du dich fühlst: 🙂 oder 🙁 oder 😉
  5. Jede Woche fasst du zusammen, was du anders gemacht, was du Neues kennengelernt hast und was dir daran Freude macht.
  6. Dabei verzeichnest du, um wieviel leichter du dich fühlst.

 Woche eins – Die Umstellungsphase

ErfrischenWie bei jeder guten Diät, muss sich dein Körper erst darauf einstellen, dass der Entzug von Gewohntem droht. Daher gibt es am ersten Tag nur Gemüse ohne Fett… In unserem Fall

  • darfst du durch zwei Netzwerke scrollen, aber nicht interagieren: Kein Gefällt mir, kein Teilen, keine Kommentare. Kurz, nur schauen bzw. hören!
  • gibt es NOCH kein Zeitlimit!

Am zweiten Tag gibt es

  • nur noch Netflix, ein Computerspiel oder deinen Blog/Lieblingsblog oder Ähnliches.
  • Keine sozialen Netze!
  • Zeitlimit: 3 Stunden.

Die folgenden Tage darfst du nur noch in soziale Netze,

  1. um deinen Freunden mitzuteilen, dass du eine Diät machst und sie auf dich verzichten müssen – online zumindest. Tipp: Nutze die Gelegenheit, um gleich Termine für echte Treffen auszumachen.
  2. sie um Hilfe bittest, weil du Zuspruch brauchst.

Das Zeitlimit für alle Online-Tätigkeiten gemeinsam: Maximal 1,5 Stunden.

Aufgabe der Woche: Organisiere dich! Aus diesem Grund sind noch keine Aktivitäten geplant. Doch wir haben Beispiele, wie du dich in der plötzlich frei gewordenen Zeit beschäftigen kannst:

  • Gestalte deine Wochenpläne besonders schön.
  • Überlege detailliert, was du mit der neu gewonnenen Freizeit tun könntest. Male es dir aus!
  • Schreibe eine Liste von jenen Aktivitäten, die du immer schon machen wolltest, wozu du aber nie gekommen bist. Vergiß die Punkte nicht!
  • Telefoniere viel mit Freunden,
  • Schreib‘ Briefe – keine Mails 😉
  • Lies ein Buch oder auch zwei
  • Wenn lesen nicht so deine Sache ist: Gibt es Erzähler*innen in deiner Region? Zuhören geht immer!
  • Lausche den Geschichten deiner Familie, deines Partners, deiner Freunde!

Wenn du den Drang nach einem Blick auf dein Smartphone verspürst: Lass den Moment vorüber gehen, ohne eine Aktion gesetzt zu haben. Genieße die Stille – und widme dich deiner unmittelbaren Umgebung besonders aufmerksam.

Woche zwei bis fünf: Schrittweises entschlacken

Das Zeitlimit geht Schritt für Schritt auf 0 Minuten hinunter. Das klingt schlimmer als es ist! Du arbeitest dich ja langsam vor.

Wie du es schaffst?

Zunächst einmal ist es wichtig, konsequent zu sein: Ausreden gelten nicht – auch wenn du dir plötzlich einbildest, unbedingt noch ein Dokument in der Freizeit abarbeiten zu müssen!

Arbeit bleibt im Büro, Studium auf der Uni! Zuhause online zu arbeiten, gibt es nicht. Genauso wenig wie es erlaubt ist, länger in der Arbeit zu bleiben, nur weil du deine Online-Zeit vermisst. Die Freunde triffst du persönlich oder eben nicht!

Es gab übrigens eine Zeit vor Google Maps, SnapChat oder Facebook. Wenn du gar nicht mehr weiter weißt, frag‘ deine Eltern.

Fotoalbum Nostalgie

  • Wie haben sie in der Präcomputerzeit überlebt? Haben sie überhaupt gelebt?
  • Wie konnten sie Lokale finden, wenn ihnen Google nicht den Weg wies.
  • Woher bekamen sie ihre Bücher, als es Amazon noch nicht gab?
  • Wie beantworteten sie ihre Fragen – so ganz ohne Suchmaschine?

Überlebensnotwendig ist es jedoch für dich, Balance zu halten! Für jede Viertelstunde weniger Zeit in den den Social Media Kanälen, gibt es eine Aktivität aus deiner in der ersten Woche erstellten Liste. Du tust, was du eigentlich immer schon einmal machen wolltest!

0 Minuten. Das musst du dir vorstellen: Du kommst nach vier Wochen runter auf 0 Minuten…

Ein großes, fast rundes 0…

Die letzte Woche: So fühlt es sich an zu leben

Mit Null endet der Diätplan jedoch noch nicht.

Null ist eine Leistung, eine großartige – ja!

GitarristNur – der nächste Schritt führt dich noch weiter. Er führt weg von der Aktivität hin zur Stille. Die Seele baumeln lassen – das ist deine Aufgabe in dieser Woche, 7 Tage lang…

Nein: Du musst deine Wohnung nicht putzen. Deine Mutter besuchen? Das geht doch nächste Woche noch! Regale, Papiere, Schränke ordnen… Sorry! Nein, Das einzige, was erlaubt ist:

Ruhe, Stille, Nachdenken. Kreativ sein.

Das ist es.

Du wirst sehen: Voller kriegst du deine Tage nie mehr wieder!

Tipp: Ein Beispiel, wie es noch geht

Den kalten Entzug hat Jan Rein durchgezogen. Seit einem halben Jahr lebt er Social Media frei. Wie er damit lebt und was es ihm bis jetzt gebracht hat, lest oder hört ihr am besten selbst!

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Europäische Wildkatze 2018
Tipp

Was tun in den Ferien? Die Wildkatze 2018 kennenlernen!

Nein, sie ist kein „Tigerchen“ – eine von allen geliebte, geherzte, grau-braun-gestreifte Hauskatze. Dazu ist sie zu kräftig und vor allem zu wild. Die Wildkatze 2018 zum Wildtier des Jahres gekürt, nennt einen buschigen Schwanz mit dunklen Ringen und stumpfem, schwarzen Ende ihr eigen. Dieser bleibt buschig bis zur Schwanzspitze, anders als bei der Hauskatze. Ihr Fell wirkt verwaschen, so als wollte sich das Tier optimal seiner Umgebung anpassen, damit niemand es entdeckt.

Die Unterschiede im Aussehen der beiden sind schwer auszumachen. Viele würden sie nicht erkennen, auch wenn sie der Wildkatze  2018 über den Weg laufen. Im Zweifelsfall ist es nämlich sowieso die Hauskatze, eben das „Tigerchen“. Besonders wenn man das Tier untertags schleichen sieht.

Wildkatzen sind 1. scheu und 2. nur nachts unterwegs.

Selbst Fachleute haben Schwierigkeiten eine im Gehölz zu entdecken – selbst wenn sie wissen, wo ihr Revier ist.

Wo ist die Europäische Wildkatze zuhause?

Die Wildkatze braucht dichte Wälder für den Rückzug; liebt aber auch lichte Streuobstwiesen, feuchte Senken und Felder, in denen Schermäuse, Feldmäuse und all die anderen Mäusearten leben. 15 bis 20 Mäuse erlegt die Katze täglich – und sie frißt, was die Hauskatze verschmäht: Wühlmäuse!

Ohne Mäuse gibt es keine Wildkatze; ohne Vielfalt in Wald und Wiese gibt es keine Mäuse.

Wildkatze in Brehms TierlebenAls die klassischen Lebensräume der Wildkatzen in Deutschland gelten der Harz und Thüringer Wald, Eifel, Taunus und Hunsrück. Zusammengefasst: Die Mittelgebirge mit Mischwäldern aus Buchen, Eichen, Tannen und Kiefern, in denen auch mal ein gestürzter Baum liegen bleibt und so das abwechslungsreiche Habitat schafft, in dem die Wildkatze leben und sich vermehren kann.

Da die Wildkatze zu den gefährdeten Tierarten gehört, widmet sich das Naturschutz-Projekt Rettungsnetz Wildkatze des BUND der Aufgabe, die Wälder Deutschlands mit Korridoren und Grünbrücken wieder miteinander zu verbinden. 20.000 km sind in Deutschland vorgesehen, damit die wilden Katzen wieder wandern,  sich in noch mehr Gebieten ansiedeln können und ein genetischer Austausch stattfindet.

Unterstützung für ein so ehrgeiziges Projekt bekommt allerdings nur, wer das Tier auch sichtbar machen kann. Verständnis für die Wildkatze muss sich nämlich entwickeln können.

Dafür gibt es jetzt das Wildkatzendorf in Hütscheroda.

Wo die Wildkatze 2018 sich über Besuch freut

Mitten im Nationalpark Hainich wurde im April 2012 das Dorf für die scheuen Tiere eröffnet. Es besteht aus

  • der Wildkatzenscheune: einer alten Fachwerkscheune, die heute als modernes Informationszentrum fungiert
  • der Wildkatzenlichtung: einem naturnah gestalteten Gehege
  • dem Wildkatzenpfad: einem sieben Kilometer langen Rundwanderweg  mit dem Aussichtsturm Hainichblick.
  • dem Wildkatzenschleichpfad: ein eineinhalb Kilometer langer Rundweg durch den Wildkatzenwald mit Spielmöglichkeiten.

Nirgendwo sonst in Deutschland ist so viel Wissen über die Wildkatze versammelt.

Was aber besonders schön ist: Vier der Tiere leben dort: Carlo, Toco, Franz und Oskar 

Endlich könnt ihr sehen, wie ein Wildkatze tatsächlich aussieht, erfahren, was ein Kuder ist… und auch sonst noch allerlei lernen – über Gewohnheiten und Eigenarten dieser schönen Tiere.

Damit ihr sie nie wieder mit dem Tigerchen verwechselt!

Veranstaltungstipp: Wildkatzentag im August

Einen Familienausflug ist dieses Wildkatzendorf allemal wert – zum Beispiel nächste Woche: Da ist Tag der Katze im Wildkatzendorf. Nämlich am Mittwoch, 08.08.2018, 9 – 18 Uhr.

Ein bunter Familientag mit Kinderschminken, Aktionen und geführten Wanderungen. Oder aber ihr genießt einen abendlichen Rundgang durch die Wildkatzenscheune mit Schaufütterung bei Sonnenuntergang.

Weitere Attraktionen für die Wildkatze 2018 findet ihr hier.

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Beitragsbild von Aconcagua

Auf Reisen schreiben
Leo Nerdette

Orte, wo ich auf Reisen schreiben kann

Schreib-, Küchen- und Wohnzimmertische: Das sind die am häufigsten genannten Plätze, wenn Leute erzählen, wo sie schreiben. Österreicher runzeln da gern die Stirn: „Im Café“, sagen sie. Aber auch Cafés gibt es nicht immer.

Globetrotter müssen beim Schreiben improvisieren. Es soll Länder geben, wo es an Tischen fehlt, auch in Zügen; wo jemand, der alleine sitzt und schreibt oder liest, als „traurig“ gilt und aufgeheitert werden muss; wo Hotelzimmer so niedrig und schmal sind, dass es schwierig ist, im Bett aufrecht zu sitzen, geschweige denn dass Tisch und Stuhl vorhanden sind. Trotzdem will und muss ich auf Reisen schreiben, mich für eine oder zwei Stunden auf ein Thema konzentrieren. Bloggen, Geschichten erfinden, Gespräche notieren…

Welche Lieblingsplätze habe ich also, wenn ich unterwegs bin? An welchen Orten verbinde ich Reisen und Schreiben; tauche ich ab, weg in eine andere Welt. Höre nichts, beobachte und denke mir meinen Teil.

Lieblingsplätze?

Notlösungen, nennen es Andere. Diese Orte sind aber meine Favoriten, geordnet nach Prioritäten. Die Liste habe ich nach meinen liebsten Schreiberinnerungen erstellt.

Auf Reisen: Das Schreibplatz-Ranking

Platz 5: Im Bus/Zug oder Auto

Ich fahre gern Auto. Allein. Schlaue Menschen aber, die meinen, besser, schneller und versierter zu fahren, dürfen mich kutschieren. Und nachdem jeder einzelne, den ich kenne, davon überzeugt ist, der beste Autofahrer zu sein, genieße ich mein Leben als Beifahrerin. In Schweigen.

Wenn sich die Fahrer umsehen, um nachzusehen, warum ich so wortkarg bin, wundern sie sich. Zumindest beim ersten Mal. Wie kann es sein, dass ich auf meiner Tasche in ein Notizbuch kritzle? Es gibt doch genügend Gegend zum Beobachten, interessante Gesellschaft und dann… die Ruckelei! Aber ich schreibe und nehme nicht einmal wahr, wenn der Fahrer weiterzappt – Patty Smith durch Rap ersetzt.

Platz 4: Das Bett

Truman Capote liebte es, Sigmund Freud auch – die Reihe derer, die im Liegen schrieben, ist lang. Tintenflecke auf weißem Laken sind heutzutage ja auch kein Ärgernis mehr. Wer schreibt den noch per Hand, mit Kuli oder Feder? Wir greifen einfach zum Nachtkästchen hinüber. Dort liegt Tablet oder Laptop zum Arbeiten bereit. Wir führen ohne der Ahnväter Probleme die Tradition weiter: Im Bett entstehen Geschichten, ja sogar Romane! Das bewies schon Marcel Proust.

Das berühmteste Bett, in dem ich schrieb?  Frida Kahlos Schlaf-, Mal – und Werkstatt… Ihr Bett mussten Arbeiter in das Museum Bellas Artes tragen – mitsamt der Künstlerin. Sie konnte nicht mehr gehen, sollte und wollte der Ausstellung aber beiwohnen.

Auf der berühmten Kante saß ich Jahrzehnte später, notierte und wartete. Es dauerte eine Weile, bis sich die Menschenmenge vom Schlafzimmer in den Garten verlief.

Platz 3: Terasse mit Ausblick

Reisen und der Allgäu, GebirgspanoramaGebirgspanoramen regen die Phantasie an. Vor allem dann, wenn sie in das Licht eines Sonnenuntergangs  getaucht sind. Dafür verbringe ich schon einmal ein paar Stunden auf einer zugigen Terasse: Finger frieren, der Atemhauch rieselt fröstelnd auf das Tischtuch und der Tee vor mir wärmt schon lange nicht mehr.

„Komm schon, wir gehen!“

Nicht doch! Ein Satz geht noch, nur noch einer… warte, da fällt mir ein… nein, fallen mir zwei… oder waren es drei…

Wer auf mich wartet, kann nur hoffen, dass die Sonne bald verschwindet.

Platz 2: Des Menschen ureigene Unterlage

Für Strand, südlichere Gefilde oder die Wüste hat sich dieser Ort leider als ungeeignet erwiesen: Tablets und Laptops laufen warm. Das kann auf Oberschenkeln ziemlich ungemütlich werden.

Dafür muss man gar nicht weit reisen: Teliko Tarnovo, Bulgarien, schafft schon mal 40 Grad Celsius im Sommer. Im April heizte sich mein Tablet dermaßen auf, dass es sich von selbst ausschaltete. Gut so! Denn meine Oberschenkel rauchten…

1. Auf dem Koffer

Flughäfen, Grenzübergänge und Bahnhöfe: ein spezieller Fall. Sie haben des öfteren keine Sitzplätze. Grenzgängern und fahrendem Volk darf es nicht zu bequem gemacht werden!

Tijuana, Mexiko, Grenzübergang zu San Diego, USA, ist keine Ausnahme. Eines Nachts verweigerte der US-Zollbeamte Reisenden den Wartesaal. Der Grund: Das Computersystem sei zusammengebrochen. Wir müssen draußen warten.

Warum?

Vorschrift.

Wie lange?

So lange die Reparatur dauert.

Tijuanas Grenzübergang verlässt niemand nachts freiwillig. Selbst hartgesottene Mexikaner nicht. Wir scharrten uns um die Grenzstation, harrten der Dinge. Die meisten stehend. Von 22 Uhr bis vier Uhr morgens.

In diesen Stunden habe ich meinen Koffer schätzen gelernt! Notizbuch und Stift auch.

Ich hatte viel zu schreiben.

Und du? An welchen Orten schreibst du?

Was sind deine Lieblingsorte? Wo geht dir das Schreiben leicht von der Hand?

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Piet Grobler: Der Zauber Baum
Tipp

Piet Grobler: Vom Zauber im Baum

Mitten in Afrika steht ein Baum. Kein gewöhnlicher Baum, einer mit Früchten so groß wie Melonen, so saftig wie Granatäpfel und so samtig weich wie Mangos. Sie duften nach Himbeeren und ihr Saft schmeckt so glockenklar, dass deine Zunge ihn nie mehr vergisst. Woher ich das weiß? Schaut ihn euch doch an: Einer der bedeutendsten Illustratoren Südafrikas – Piet Grobler – hat ihn für uns im Bilderbuch Bojabi, der Zauberbaum: Eine afrikanische Fabel von Dianne Hofmeyr gemalt. Weit über die Savanne ragt dieser Baum hinaus, schon von weitem zu sehen.

Als nun einmal eine Zeit der Dürre über das Land kam, fanden die Tiere des Dschungels in der näheren Umgebung nichts mehr zu fressen. Daher beschlossen sie aufzubrechen und anderswo etwas zum Essen zu suchen. Nur der Satteste von ihnen, ihr König – der Löwe – blieb zurück und bewachte sein Revier. Die anderen Tiere aber wanderten Tag und Nacht und Nacht und Tag bis sie die Früchte unseres Baumes am Horizont in der Sonne leuchten sahen.

Macht schon! Dort gibt es etwas! Beeilt euch!

Die Gazelle, der Elefant und das Zebra freuten sich und liefen so schnell ihre Beine trugen; jeder wollte als erster beim Baum sein und sich wieder einmal richtig satt fressen. Doch nicht alle Tiere konnten mithalten: Die kleine Schildkröte zum Beispiel, die plagte sich und kam trotzdem nur langsam voran. Als sie endlich den Baum erreichte, fand sie alle Tiere schon versammelt davor. Niemand aber hatte die Früchte angerührt, denn eine riesige Python lag um den Stamm gewickelt. Der Elefant war der einzige, der keine Angst hatte.

  • Ich bin zu groß, als dass sie mich fressen kann!

So näherte er sich, fragte nach einer Frucht, aber die Python zischte:

  • Weißt du den Namen des Baumes?
  • Äh… Wunder…baum, vielleicht?
  • Ssszzzzt… du weißt ihn nicht! Sssszzzzt… nur wer den Namen weiß, darf von den Früchten kosten.

Piet Grobler: Der Zauberbaum mit Python Er versuchte es mit mehreren Namen und scheiterte. So hungerten alle Tiere weiter. Nur, dass jetzt diese Früchte über ihren Köpfen lockten. Verzweifelt überlegten die Tiere: Wie könnte dieser Zauberbaum nur heißen?

Da meldete sich die kleine Schildkröte plötzlich zu Wort.

Afrika erobert das Kinderzimmer im Nu

Wie es weiter geht? Schau es dir selbst an! Aber Vorsicht! Wer das Buch öffnet, der verwandelt das vertraute Kinderzimmer in einen anderen Ort: Python, Elefant, Zebra, Gazelle, Igel, Affe, verschiedene Vögel und die klitzekleine Schildkröte schlängeln, trampeln, kriechen, krabbeln, springen auf den Tisch, aus dem Regal und in die Kuschelecke. Afrika kommt dann nämlich zu Besuch.

Wie der Illustrator Piet Grobler diese Lebendigkeit hinkriegt? Der Künstler erinnert sich, wenn er zeichnet. Er kennt die Fauna Südafrikas von Kindheit an, denn er kommt von einer Farm in Limpopo… jener Provinz im Norden Südafrikas, wo der Krüger-Nationalpark liegt , das größte Wildschutzgebiet des Landes. Wenn jemand dort aufgewachsen ist, steckt es einem in den Knochen. Grobler:

  • Afrika – es ist mein Mutterland. Wie ich handle, alles, was ich tue, wie ich entscheide, wird diesen Kontinent spiegeln. Die Tiere, das Wetter, die Sonne, all das ist in meiner Arbeit präsent.

Ja, aber dPiet Grobler: Löwe und Zebraas ist nicht alles. Sein Geheimnis liegt tiefer, darin, wie er mit einem Bilderbuch-Auftrag umgeht.

  • Ich erzähle einfach Geschichten mit meinen Illustrationen.

Allerdings hat er dabei nicht im Kopf, für Kinder zu zeichnen. Grobler schafft Bilder für den Text, zeichnet das, was dieser verlangt. Wie er das macht?

  • Wenn ich den Text bekomme, lese ich ihn etliche Male, trage ihn einige Monate mit mir herum, lasse ihn sinken und drehe und wende ihn in meinem Kopf. Ich frage: Wie möchte dieser Text ausschauen?

Manchmal will der sich offenbar in Schale schmeißen: wie ein Löwe mit goldenem Sonnenkranz als Mähne. Als das Zebra im Buch bei dem König der Tiere auftaucht und ihn beim Dösen stört, riskiert der Löwe bloß ein müdes Auge. Die kleine Schildkröte muss später einen wesentlich wütenderen Herrscher aushalten.

Verrate ich zu viel? Eines noch:

Ausdauer ist das Thema des Buches, Wiederholen, Dranbleiben… Eigenschaften, die helfen, dass man gut in dem wird, das einen begeistert. Bojabi, der Zauberbaum ist  Buch, das Mut zum Lernen macht – und eines, das dich zum Lachen bringt.

Was alles in einem Baum steckt…

Aber das Buch steht in diesem Blogbeitrag ja eigentlich nicht im Mittelpunkt. Der Baum ist’s, der Zauberbaum mit seinen Früchten…

Grobler hat ihn schon sehr früh entdeckt und war ihm treu geblieben, hegt und pflegt ihn:

  • Seit ich mich erinnern kann, zeichne ich Bilder. In Afrika gab es nicht so viele Zeichenbücher, deshalb benutzten wir Umschläge von Vaters Post. Wir rissen sie auf und zeichneten innen.

Man kann sich vorstellen, dass da alles Mögliche entstand – in den über 80 Büchern, die der Bilderbuch-Künstler mittlerweile in der ganzen Welt illustriert hat, geht es um Tiere, Monster, um Engel, Menschen und Pflanzen. Die Motive gehen dem Vielarbeiter nie aus.

Wenn er draußen in der freien Natur keine Inspiration findet, entstehen sie in seinem Kopf: Das Vogel-ABC zum Beispiel oder Ballade vom Tod, ein Buch, das im Verlag Gerstenberg erschienen ist.

Letzteres scheint dem heiteren Wesen von Groblers Zeichnungen entgegen zu stehen.

  • Ich möchte, dass die Leute fröhlich sind, glücklich. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch Arbeit schätze, die leicht melancholisch ist oder ernster.

Leicht melancholisch? Was gibt es Ernsteres als ein Buch über den Tod? Trotzdem schafft Grobler den Spagat – sein humoristisch-heiterer Blick auf die Welt hilft ihm dabei.

Ein Blick, den der Illustrator auch einsetzt, wenn er für Erwachsene zeichnet. Das tut er nämlich ebenso wie er auf der Univeristät von Worcester, England, unterrichtet. Professor Piet Grobler bildet zukünftige Illustratoren aus – und reist dafür kreuz und quer durch die Welt.

Groblers Baum der Fantasie könnt ihr nun schon von weitem sehen, von Europa genauso wie von Lateinamerika. Seine Krone verzweigt sich auch mehr und mehr: Es treiben ständig neue Äste, Blätter, Früchte…

Die Webseite des Illustrators findet ihr hier!

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Der einzig wahre Apfelstrudel
Tipp

Rezept: Der einzig wahre, der echteste aller Apfelstrudel

Was in der kaiserlich, königlichen (k. und k.) Monarchie der Habsburger wirklich jeder wusste, heute aber gern verdrängt wird: Der Apfelstrudel kommt eigentlich nicht aus dem heutigen Österreich. Wie viele der als typisch österreichisch angesehenen Mehlspeisen! Der Apfelstrudel kommt von ganz woanders:

Damals, als Tschechien noch zur Habsburger Monarchie gehörte und die Amtssprache Deutsch war, zogen viele böhmische Frauen nach Wien, mit ihren Männern oder allein, um in der Hauptstadt Österreichs zu arbeiten. Sie verdingten sich dort als Köchinnen, Dienstmägde, Hausmädchen oder in den zahlreichen Fabriken der Stadt.

Das Erbe, das diese tüchtigen Frauen den Wienern hinterlassen haben, sind die zahlreichen Mehlspeisrezepte, für die die österreichischen Küche heute so berühmt ist.

Dazu gehört neben der Palatschinke auch der heute allseits bekannte – der Altwiener

Apfelstrudel aller Apfelstrudel

Auf eure Frage hin habe ich mich hingesetzt und notiert, was in Wien jeder weiß: Das Rezept des Altwiener Apfelstrudel für 6-8 Portionen. Damit ihr in Zukunft einen wahren, ja den echtesten aller Apfelstrudel klar erkennt. Probiert und genießt!

Zutaten für den selbstgezogenen Strudelteig

  • 200 g Mehl, glatt (Type 480)
  • 1/8 l Wasser, lauwarm
  • EL Öl
  • eventuell 1 Ei
  • Prise Salz
  • Mehl zum Stauben
  • Butter zum Bestreichen
  • Öl zum Bestreichen

Mehl kegelartig auf Arbeitsfläche häufen, oben einen Krater bilden.

Salz, Öl, (Ei) und nach und nach Wasser beigeben.

Alle Zutaten zu einem glatten Teig kneten. Teig dünn mit Öl bestreichen und zugedeckt ca. eine halbe Stunde rasten lassen.

Ein Tuch mit Mehl stauben, Teig ebenfalls mit Mehl anstauben und mit dem Nudelholz gleichmäßig ausrollen. Mit flüssiger Butter bestreichen, zugedeckt einige Minuten rasten lassen.

Den Teig mit dem Handrücken hauchdünn und gleichmäßig ausziehen, dabei beide Hände verwenden.

Zutaten für die Fülle

  • 1,5 kg säuerliche Äpfel z. B. Boskop (geschält und entkernt)
  • 20 g Sauerrahm (oder geschlagene Sahne)
  • 80 g gehackte Walnüsse
  • 150 g Kristallzucker
  • 150 g Semmelbrösel (Paniermehl)
  • 80 g Butter
  • 1 KL Zimt
  • 1 EL Vanillezucker
  • 2 EL Rum

Äpfel vierteln, in 3 mm dicke Scheiben schneiden.

Butter in Pfanne erhitzen, Semmelbrösel beigegeben, goldbraun rösten, kalt stellen.

Äpfel mit Kristall und Vanillezucker sowie Zimt, Rom und Rosinen vermengen.

Strudelteig anrollen, mit flüssiger Butter bestreichen, dünn auf bemehlten Tuch ausziehen, Ränder abschneiden. Strudelteig mit Bröselgemisch bestreuen, Äpfel darauf gruppieren, Walnüsse darüber streuen und mit Sauerrahm (Sahne) einstreichen.

Zum Schluss straff einrollen und die Enden schließen.

Auf ein gebuttertes des Backblech legen, nochmals kräftig mit flüssiger Butter bestreichen, im vorgeheizten Backofen braun backen (Backrohr Temperatur: 220 °C, Backdauer: ca. 40 min)

Mit Staubzucker bestreut, warm oder kalt servieren.

Tipp zum Ausziehen des Teigs:

1, 2, 3  – keine Hexerei: Am leichtesten lässt sich Strudelteig ausziehen, indem man ihn

  1. auf ein bemehltes Tuch mittels Nudelholz fingerdick  ausrollt,
  2. 5 min zugedeckt rasten lässt
  3. mit flüssiger Butter kräftig bestreicht

Anschließend lässt sich der Teig wunderbar ziehen.

Statt Äpfel lassen sich auch andere Obstsorten, zum Beispiel ihre Zwetschken, Trauben oder Birnen  verarbeiten. Ein Rhabarber-Strudel ist übrigens auch etwas ganz Besonderes. Ach – das Schlagobers, das sollte nicht fehlen!

Hinweis für Freunde der Vanillesoß‘: Fußbad kriegt der Strudel keins!!! 😉

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Märchen trifft auf Philosophie

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Märchen trifft auf Philosophie und Wahrheit
Tipp

Märchen trifft auf Philosophie und Wahrheit

Trifft das Märchen auf Philosophie, kommen Fragen auf – die richtig großen Fragen für besinnliche Abende.

Für jene Abende also, an denen du mit Freunden über Gott und die Welt und das Leben diskutierst. An Adventabenden, vor Glühweinständen und am Weihnachtsmarkt.

Oder du kuschelst dich in deine Flauschdecke am Sofa. Ist sowieso zu kalt, zu nass und zu dunkel draußen.

Leg dein Smartphone zur Seite. Heute lesen wir ein Buch!

Märchen trifft auf Philosophie

Wer in den deutschsprachigen Landen Sagen und Märchen liebt, weiß um den Schriftsteller Michael Köhlmeier. Er ist DER Erzähler, auf den du dich beziehen kannst, wenn du etwas zu griechische Götter, Halbgötter und dem Olymp wissen willst.

Die Gründe:

In diesem Sagen- und Märchenumfeld bewegt sich dieser österreichische Autor und Erzähler. Gut.

Was hat Konrad Paul Lissmann dort verloren?

Der Villacher ist Universitätsprofessor für „Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik“ an der Universität Wien.

2014 hat er sich aufgemacht, die Praxis der Unbildung näher zu beleuchten. Da der streitbare Essayist auf einen ironischen Verstand baut, ist diese Streitschrift polemisch, klar und durchdacht. Er spricht aus, was er vom Bologner Prozess hält und bringt es auf den Punkt. Realität pur.

Mythen und Märchen, Magie, Götter… das alles kann man sich bei ihm eigentlich nicht vorstellen.

Wenn sich zwei treffen, freut sich der Dritte

Trotzdem haben sich die beiden zu einem gemütlichen Abend zusammen gefunden: Der Dialog zwischen ihnen ist zu einem Buch geworden: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Mythologisch-philosophische Verführungen nennen die Autoren es.

Eigentlich ist es aber ein Spaziergang. Wir flanieren mit Köhlmeier und Lissmann einen Abend lang durch die Themen eines Menschenlebens: Arbeit, Macht, Lust, Schönheit, Meisterschaft…

Köhlmeier erzählt, Lissmann interpretiert

„Märchen sind alte Geschichten, bestenfall tauglich für Kinder“, mögen die einen sagen, „unrealistisch, nur zur Unterhaltung da.“

Wir hören vielleicht an einem verschneiten Samstag Nachmittag zu, weil eine gut erzählte Geschichte eben „eine gute Geschichte“ ist.

Wenn sich allerdings die Philosophie der Geschichten, der Märchen und Sagen annimmt und zeigt, was noch alles  in ihnen steckt – ja dann…

dann…

erfahren wir, was Märchen eigentlich sind:

  • Vorlagen zum Denken
  • Antwort auf Lebensfragen
  • Lebensfreude
  • Bewährte Erinnerungen
  • Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses
  • Interpretationsspielraum
  • Ein Eckchen Weisheit

Und wenn du jetzt ein klein wenig die Nase rümpfst, weil – so richtig ernst nehmen, kannst du das alles nicht –  und wenn das alles für dich bloß weihnachtlicher Zeitvertreib und eigentlich Unsinn ist:

Macht nix, du hörst ja trotzdem zu! 🙂

Denise Weyermann: Als das Märchen die Wahrheit trifft:

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Großmutter erzählt
Nebiga

Großmutter erzählt, nachts in der Stube

Dass eine Großmutter erzählt, gehört praktisch zum Berufsbild. Aber…

  • Woher kommt diese Idee?
  • Wie erzählt Großmutter
  • Was genau erwarten wir von ihr?

Vom Berufsbild der erzählenden Bäuerin

Winter ist’s, der Schnee liegt auf den Hängen und glitzert in der Dämmerung. In der Küche ist es warm, es ist gut geheizt. Die Öllampe spendet Licht. Kinder zausen Wolle, die Magd kämmt sie.

Drei Frauen sitzen an ihren Spinnrädern. Sogar die Altbäuerin hat ihres hervorgeholt. Sie bückt sich zum ersten Flachsbündel, reicht es der ersten Frau, streckt sich nach dem zweiten , gibt es der zweiten Frau, greift zum dritten und setzt sich auf einen dreibeinigen Schemel.

Die Bäuerin beginnt zu spinnen und die Frauen tun es ihr nach. Holzpantoffel klopfen dumpf auf den Boden, Spinnräder surren, Daumen und Zeigefinger ziehen den Faden…

Großmutter, bitte! Erzähl‘ uns was!

Auch die Frauen nicken zustimmend. Sie sind nach dem Mittagessen vom Nachbarhof aufgebrochen; drei Stunden dauert es, um hierher zu kommen. Sie werden die Nacht im Hof verbringen, spinnen und zuhören. Sie sind gekommen, um Wissen zu sammeln: Überliefertes oder Erlebtes über Ehe, Geburt, Krankheit, Leben, Tod und — die Liebe.

Die alte Frau aber lächelt nur stumm, dreht das Rad und zwirbelt Flachs zum Faden. Es ist als hätte sie nicht gehört. Trotzdem verstummen die Kinder. Die Magd legt ein paar Scheite in den Ofen, die in der plötzlichen Hitze knacken und  knistern. Dann räuspert sich die Bäuerin müde. „Es war einmal…“ — so fängt es an:

Großmutter erzählt

Vielleicht ist es ein Märchen, vielleicht eine Geschichte aus dem Dorf, vielleicht beides in einem. Großmutter hat sie eine Vorliebe für Märchen und Erzählstoffe, die mit ihren umtriebigen Händen Schritt halten.

Sie bevorzugt als Erzählzeit das Präteritum, verwendet gern die indirekte Rede und Wörter, die heute nicht mehr jede kennt. Während sich das Spinnrad dreht und ihre Hände beständig zwirbeln —

Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll

— spricht sie mit ruhiger, entspannter Stimme. Manchmal verweilt sie, übt sich in epischer Breite, wird monoton.

Wenn Großmutter erzählt, wird ihre Stimme manchmal brüchig. Man merkt ihr das Alter, den häufigen Gebrauch an. Doch solange es an diesem Abend Flachsbündel zu spinnen gibt, solange verstummt diese Stimme nicht.

Wie hört das Publikum zu?

Während Großmutter erzählt, sehen die Frauen und Kinder sie nie an. Sie sind in ihr Tun vertieft, spitzen jedoch ihre Ohren. Kein Wort darf ihnen entgehen! Je gebannter ihre Augen auf ihre Arbeit gerichtet sind, desto intensiver lebt ihr Geist in der Geschichte, die Großmutter erzählt.

Sie spüren die Furcht, das Erstaunen, die Liebe und Freude der Helden und Heldinnen in sich,  überlegen, inwieweit das Gesagte für sie wichtig ist. Doppelbödigkeiten und Sinnzusammenhänge wollen sie verstehen.

  • Was können sie aus der Geschichte lernen?
  • Wie sie weiter“spinnen“?

Was Großmutter weiß…

Die Altbäuerin verzichtet auf extreme Ausgestaltungen, denn diese würden ihre Zuhörerinnen zu stark in ihrer Eigentätigkeit beeinflussen. Diese sollen sich ihr eigenes Bild machen und daraus selbst erkennen, wie das Leben so spielt.

Ihre Mittel sind  indirekt: Sie erzählt die Geschichte genau so, wie Großmutter denkt, dass sie war. Und sie erwartet nicht, daß ihre Zuhörer aufhören zu arbeiten, um sich ihrer Geschichte hinzugeben.

Großmutter weiß aus Erfahrung, was Walter Benjamin in seinem Essay über das Erzählen berictet:

Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, daß ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selbst zufällt.

Bald nämlich wird eine andere erzählen: Weil die Altbäuerin erschöpft ist, weil sie bald nicht mehr sein wird.

Das ist ihr Ziel, ihre Aufgabe:

Die Geschichten sollen weiterleben, jenseits von Geburt und Tod.

Tipp zum 7. Dezember

Märchenerzähler sind so unterschiedlich wie Schneeflocken. Deshalb solltet ihr genau so viele hören, wie ihr finden könnt.

Im Advent erzählen sie übrigens überall: auf Märkten, in Schulen, beim Weihnachtsessen vom Betrieb.

Ihr habt bis jetzt noch keinen gesehen? Tja, da braucht ihr schon einen Blick dafür!

Macht euch in euren Regionalseiten schlau!

Gelegenheit zum Märchenhören in der Münchner Umgebung zum Beispiel gibt es von heute bis Sonntag in Schloß Blutenburg, Heimat der internationalen Jugendbibliothek. Besonders empfehlenswert ist das Lichterhäuschenfest am 8.Dezember, also morgen um 17. Uhr!

Beitragsbild von Fran Vesel

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Adventskalender im Fenster
Leo Nerdette

Welcher Adventskalender passt zu uns?

Adventskalender…

Oh nein! Adventkalender… so ist es richtig.

Nie und nimmer!

Und das ist erst der Anfang. Wir haben noch nicht einmal die Angebote für den diesjährigen Redaktions-Adventskalender angeschaut, schon sind wir – die Redaktion, Nebiga und ich – mitten in der Diskussion. Beide Wörter bescheren uns bei näherer Recherche eine Riesenauswahl in der Suchmaschine, aber die Tendenz neigt sich gen Adventskalender mit Fugen-s. Gemeint ist das kleine s in der Mitte.

Der Grund: „Adventskalender“ nennen Deutsche wie Schweizer jenen Kalender, an dem im Advent täglich ein Fenster/Türchen geöffnet werden darf. Nur die Österreicher fügen zwischen t und k kein s ein.

Niemals?

Na ja, bei Christkindl jedenfalls auch nicht.

Eigentlich zwängt Homo Austriacus das s immer gern dazwischen: Bei der Zugsverspätung genauso wie beim Schweinsbraten…

  • nur beim Adventkalender – da nicht.

Wie der Adventskalender sich durchsetzte

AdventskalenderWir vermuten, das hängt damit zusammen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg zum ersten Mal einen Adventskalender druckte. Und damit, dass der Münchner Verleger, Gerhard Lang, mit seinem 1903 gedruckten Kalender Im Lande des Christkinds als der Begründer des Adventskalenders gilt. Ein Jahr später veröffentlichte dann die Stuttgarter Zeitung einen Adventskalender – und schuf auf diese Weise ein saisonales Phänomen für den Massenmarkt.

Der Brauch, bebilderte oder später sogar mit Schokolade gefüllte Druckprodukte in den Räumen aufzuhängen, kommt demnach aus Deutschland. Er eroberte in konzentrischen Kreisen die deutschsprachigen Länder. Wer seine sprachliche Eigenständigkeit also bewahren wollte, musste den Brauch umbenamsen. Auch wenn es bedeutet, ein s weglassen zu müssen.

Zählhilfe in der Fastenzeit

Die protestantischen Haushalte waren diejenigen, die begannen, die Tage bis Weihnachten mithilfe einer Art Kalender zu zählen. Zunächst hängten die Lutheraner 24 Bilder nach einander an die Wand oder bastelten ihren Kindern Papierschächtelchen, die sie mit Plätzchen füllten.

Ein Schächtelchen, ein Plätzchen pro Tag – aber sonst mussten die Kinder in der Adventszeit genauso fasten wie die Erwachsenen.

Andere malten 24 Kreidestriche an die Tür. Die Kinder durften  täglich einen davon wegwischen.

Strohhalme dagegen waren der Katholiken Ding: Sie legten 24 Halme in die Krippe; abgezählt, damit sie täglich einen entfernen konnten. Das war etwas Besonderes, denn die Tage zur Vorweihnachtszeit waren ausgefüllt: Man schuftete sowieso von morgens bis abends, doch im Advent kam noch die Vorbereitung dazu.

Das Zählen der Tage war daher oft das einzige kurze Innehalten des Tages. Ein Moment der Vorfreude. Kinder wie Erwachsen dachten daran, wofür sie all die Mehrarbeit auf sich nahmen.

Christi Geburt – ja.

Aber in ihren Köpfen entstanden auch die Bilder von Gänsebraten, Rotkraut, von Kuchen, Klößen, Knödeln und Kekserl/Plätzchen.

Schuld waren natürlich ihre vom Fasten darbenden Bäuche. Die Gläubigen träumten wegen ihnen  davon, in sich hineinstopfen zu können, was sie die Tage schlachteten, schnitten, rührten, kochten, brieten, backten und verzierten.

Warum hält sich der Brauch heute noch?

Na ja, so alt ist er jetzt auch wieder nicht.

Das nicht, aber hast du schon mal gepinterestet? Oder bei Amazon nachgeschaut? Adventskalender sind überall! Es gibt kein Entkommen!

Bei Amazon zum Beispiel findet der Suchende die Adventskalender sogar in Rubriken eingeordnet, weil man sonst den Überblick verliert:

  • Schokolade und Süßigkeiten, einmal für Kinder und einmal für Erwachsene;
  • Beauty, natürlch mit Schönheitsprodukten für SIE und IHN,
  • Tee und Getränke
  • Gewürz- und Schlemmerkalender
  • Geschichten und Bilder für Groß und Klein
  • Erotik
  • Schmuck
  • Spielzeug
  • Alkoholische Getränke
  • Knabberkalender
  • Zum Selbstbefüllen
  • für Heimwerker

100 Jahre und wir können Adventskalender mit allem befüllt kriegen, was es so gibt.

adventskalender selbst gebastelt

Und für die Selbstbastler (Pinterest) gibt’s die Utensilien als Fülle noch in extra Rubriken dazu.

Adventskalender sind so hipp wie eh und je! Wir wollen nicht darauf verzichten, genauso wenig wie auf Weihnachten, auch wenn man selbst vielleicht gar nicht gläubig ist.

Das liegt an der Nostalgie. Wir wünschen die Harmonie herbei.

A geh! Die gibt’s eh nicht! Am meisten wird zu Weihnachten g’stritten!

Heißt es zumindest. Aber nicht im Advent, im Advent nicht! Da ist noch Ruhe.

Jeder Tag ein Erlebnis

Bei Gerhard Lang – damals – bestand der Adventskalender noch aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Damit den Kinder die Zeit bis zum Weihnachtsabend nicht so lang wird, sollten sie jeweils ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben.

Und wenn sie schon dabei waren, konnten sie gleich

  • die Strohsterne basteln, die noch fehlten.
  • die Großmutter anbetteln, dass sie noch eine Geschichte erzählte.
  • den Apfelnikolo und den Zwetschenkrampus basteln.
  • die Bilder malen, die sie schenken wollten.
  • die Kekse verzieren, die Muttern buk.

Jedes Fenster, jedes Türchen barg eine Reihe von Möglichkeiten, von Erlebnissen und von Erinnerungen, die der Familie blieben. Sie waren nicht bloß Schokolade.

Sie waren gemeinsam verbrachte Zeit.

Ein Adventskalender mit Schokolade kommt für die Redaktion also nicht infrage?

Nee.

Genauso wenig wie der Pfeffer- und Salz-Kalender für Gourmets nehm‘ ich an – und auch nicht der Nagellack-Adventskalender mit 24 Trendfarben.

Richtig. Wenn du mich fragst… wir können uns eh nicht für einen gekauften entscheiden. Am besten wir machen uns den Kalender selbst!

Und wie?

Das siehst du am 1. Dezember! Hier im Blog.

Schau rein!

smiley

 

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Jan Blake erzählt
Nebiga

Frau vs Mann: Wie Jan Blake erzählt

Jan Blake erzählt traditionelle Geschichten: Märchen, Sagen, Legenden. Ihre Geschichten rollen wie Lawinen über den Hang. Sie beginnen mit einem Schneeball, mit einem ganz kleinen: Zuerst schubst Blake ein Wort ins Publikum: „crick“ ruft sie und sie verlangt ein „crack“ zurück.

CRICK – crack… Nein, sie ist nicht überzeugt. Crack sagt ihr nämlich, ob und wie sehr wir die Geschichte tatsächlich hören wollen. Wir müssen den Schneeball weiter schubsen, sonst tut sich nichts…

CRICK – crack – CRICK! – CRACK!

Es war einmal…, beginnt Blake. Der Schneeball kommt doch noch ins Rollen…

Blake erzählt von der Leopardenfrau

Wenn Frauen mit ihren Männern durch die Savanne ziehen, sind die Rollen in unserer Vorstellung oft noch immer  klar verteilt: Das Baby liegt an IHRER Brust, ER geht jagen. Die Frau kocht, was er ihr bringt. Sonst aber tut sie, was er sagt. Er sorgt ja für ihre Sicherheit.

Doch Blake erzählt, wie’s ist, wenn der Mann meint, es sich mit seiner Leopardenfrau bequem zu machen.

Geschichten über Gestaltwandler sind beliebt – Tiere, die sich in Menschen verwandeln; Füchse, Wölfe, Tiger. Natürlich auch in Westafrika, in der Karibik und im arabischen Raum. Oft sind es dort die Frauen, die sich verwandeln. Aus diesen Regionen kommen die Märchen und Legenden, die Blake erzählt. Viele handeln von Frauen, die anders sind; von ihrer Stärke und dem Mut, den sie in sich tragen.

Die Leopardenfrau darf da nicht fehlen.

Wie kommt man zum Erzählen?

Eigentlich, erzählt Blake, eigentlich begann es vor dreißig Jahren. Ich war bankrott und brauchte Geld. So begann ich Geschichten zu erzählen.

Dahinter steckt ein bisschen mehr. Ihr Talent, ihre Freude und eine Neugier auf die Kultur ihrer Ahnen. Die Britin ist ein Migrantenkind – in 2. Generation, wie es so schön heißt. Die Geschichten, die sie als Kind gehört hatte, kamen aus Jamaika, aus Ghana, aus Togo… Geschichten, die mit den Sklaven über Jahrhunderte weiter gewandert waren und die schließlich ihre Eltern nach Großbritannien mitgebracht haben.

Für das Kind blieb aber unverständlich, warum die Märchen aus Ghana vertrauter waren, als die, die  englische Lehrer und Schulkameraden erzählten. Jan Blakes Entscheidung für den Beruf der Märchenerzählerin gab ihr die Möglichkeit, Wurzeln zu erforschen; über Märchen und Legenden eine fremde und doch vertraute Welt zu betreten.

In den dreißig Jahren, so erzählt Blake, wandelten sich ihre Geschichten. Suchte sie anfangs hauptsächlich, was unterhielt, erzählt sie heute Geschichten, um etwas weiter zu geben: Erkenntnis vielleicht, Lebensweisheit, Wissen… die Essenz.

Von Geben, Nehmen und dem Dialog

Geschichtenerzähler sind keine Schauspieler. Sie leben aber mit ihrem Publikum genau wie diese; das Publikum trägt sie beim Erzählen weiter. Seine Aufmerksamkeit fordert ihre Fantasie, ihr Können, ihre Stimme, ihre Fabulierkunst und ihr Körperspiel. Das Publikum gibt Stichworte, reimt mit, singt.

Wer auf seinem Stuhl sitzen bleibt, wenn Jan Blake erzählt, hat nicht verstanden. Er spürt nicht, dass er dazugehört, ein Teil ist – aktiver Teil der Geschichte. Nur mit Hilfe der Zuschauer entwickelt sie sich.

Nur gemeinsam mit dem Publikum rollt der Schneeball weiter und weiter…. auf die Herzen der Zuhörer zu; dorthin, wo die Lawine  letzendlich zerstäubt und in der Wärme schmilzt.

Das Glitzern aber bleibt zurück. Das Glitzern der Leopardenaugen!

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