Diätplan für erfüllte Tage
Leo Nerdette

Ultimativer Diätplan für ein erfülltes Leben

Für euch, die ihr genug habt! Die ihr befürchtet, Social Media süchtig zu werden – oder seid ihr es gar schon? Also für jene, die in den nächsten Wochen alles zu tun gedenken, damit sie wieder los werden, was sie in den letzten Wochen, Monaten, Jahren in sich hineingestopft haben. Ja, für die, die ein erfülltes Leben suchen –  jenseits von Social Media, eher so im Hier und Jetzt.  Genau für dich also haben wir diesen Diätplan erstellt.

Den einzig wahren – den ULTIMATIVEN Diätplan!

Unsere erkärte Mission: Wir wollen Menschen helfen, sich von unnötigem Ballast zu befreien. Auf dass sie sich wieder freier bewegen, klarer denken und öfter freuen können!

Diätplan für schlaue Köpfe

Eines schicken wir jedoch noch voraus: Wie alle Diäten ist auch diese kein Honigschlecken! Du musst hart arbeiten und einige Durststrecken überstehen. Daher solltest du gut überlegen, ob du dich unserem Plan anschließt.

Grundsätzliche Fakten

gemeinsam begleiten

  • Dauer: Sechs Wochen. Sie reichen völlig aus, nachhaltig zu entschlacken.
  • 112prozentige Erfolgsgarantie – vorausgesetzt du hältst den Diätplan tatsächlich durch.
  • Ein klarer Diätfahrplan pro Woche, von dir selbst erstellt
  • Punktesystem für Sport, kreative Aktivitäten, Treffen mit Freunden, Real life time
  • 30-50 Prozent Steigerung des Glücksquotienten sind garantiert.

Zuerst einmal die Bestandsaufnahme

Am Beginn eines Diätplans steht eine umfassende Analyse des Ist-Zustands. Daher gilt es zunächst zu sammeln,

  1. Wie viele Stunden deiner Freizeit verbringst du online?
  2. Gliedere diese Stunden in Geräte: Smartphone, PC, Tablet, TV…?
  3. Analysiere, wie lange du welche Social Media Kanäle nutzt: Dein Hauptaugenmerk liegt auf Snapchat, Instagram, Facebook, Twitter, Pinterest, You Tube, flickr…
  4. Mache dir eine exakte Liste dazu
  5. Dieser stellst du eine andere Liste gegenüber: In ihr hältst du fest, wie viel Zeit du mit Freunden, der Familie, Sport, in der Natur, auf Reisen verbringst – ohne Fotos davon sofort zu teilen.

Hast du die Bestandsaufnahme beendet, formulierst du dein Ziel: Die Stundenanzahl, die es für dich ermöglicht, entspannt deine Freizeit zu genießen. Doch sei dir bewusst: Alles, was höher als 1-2 Stunden täglich liegt, gefährdet die Zufriedenheit eines jeden Menschen.

Was gibt es zu tun?

  1. Du folgst deinem detaillierten Wochenplan.
  2. In ihm hast du Aktivitäten mit Punkten zwischen 1-5 vorgesehen – je höher die Punktezahl, desto lieber die Tätigkeit.
  3. In einem Kalender notierst du in Stichworten, was du bewältigt hast, woran du gescheitert bist.
  4. Du zeichnest dazu, wie du dich fühlst: 🙂 oder 🙁 oder 😉
  5. Jede Woche fasst du zusammen, was du anders gemacht, was du Neues kennengelernt hast und was dir daran Freude macht.
  6. Dabei verzeichnest du, um wieviel leichter du dich fühlst.

 Woche eins – Die Umstellungsphase

ErfrischenWie bei jeder guten Diät, muss sich dein Körper erst darauf einstellen, dass der Entzug von Gewohntem droht. Daher gibt es am ersten Tag nur Gemüse ohne Fett… In unserem Fall

  • darfst du durch zwei Netzwerke scrollen, aber nicht interagieren: Kein Gefällt mir, kein Teilen, keine Kommentare. Kurz, nur schauen bzw. hören!
  • gibt es NOCH kein Zeitlimit!

Am zweiten Tag gibt es

  • nur noch Netflix, ein Computerspiel oder deinen Blog/Lieblingsblog oder Ähnliches.
  • Keine sozialen Netze!
  • Zeitlimit: 3 Stunden.

Die folgenden Tage darfst du nur noch in soziale Netze,

  1. um deinen Freunden mitzuteilen, dass du eine Diät machst und sie auf dich verzichten müssen – online zumindest. Tipp: Nutze die Gelegenheit, um gleich Termine für echte Treffen auszumachen.
  2. sie um Hilfe bittest, weil du Zuspruch brauchst.

Das Zeitlimit für alle Online-Tätigkeiten gemeinsam: Maximal 1,5 Stunden.

Aufgabe der Woche: Organisiere dich! Aus diesem Grund sind noch keine Aktivitäten geplant. Doch wir haben Beispiele, wie du dich in der plötzlich frei gewordenen Zeit beschäftigen kannst:

  • Gestalte deine Wochenpläne besonders schön.
  • Überlege detailliert, was du mit der neu gewonnenen Freizeit tun könntest. Male es dir aus!
  • Schreibe eine Liste von jenen Aktivitäten, die du immer schon machen wolltest, wozu du aber nie gekommen bist. Vergiß die Punkte nicht!
  • Telefoniere viel mit Freunden,
  • Schreib‘ Briefe – keine Mails 😉
  • Lies ein Buch oder auch zwei
  • Wenn lesen nicht so deine Sache ist: Gibt es Erzähler*innen in deiner Region? Zuhören geht immer!
  • Lausche den Geschichten deiner Familie, deines Partners, deiner Freunde!

Wenn du den Drang nach einem Blick auf dein Smartphone verspürst: Lass den Moment vorüber gehen, ohne eine Aktion gesetzt zu haben. Genieße die Stille – und widme dich deiner unmittelbaren Umgebung besonders aufmerksam.

Woche zwei bis fünf: Schrittweises entschlacken

Das Zeitlimit geht Schritt für Schritt auf 0 Minuten hinunter. Das klingt schlimmer als es ist! Du arbeitest dich ja langsam vor.

Wie du es schaffst?

Zunächst einmal ist es wichtig, konsequent zu sein: Ausreden gelten nicht – auch wenn du dir plötzlich einbildest, unbedingt noch ein Dokument in der Freizeit abarbeiten zu müssen!

Arbeit bleibt im Büro, Studium auf der Uni! Zuhause online zu arbeiten, gibt es nicht. Genauso wenig wie es erlaubt ist, länger in der Arbeit zu bleiben, nur weil du deine Online-Zeit vermisst. Die Freunde triffst du persönlich oder eben nicht!

Es gab übrigens eine Zeit vor Google Maps, SnapChat oder Facebook. Wenn du gar nicht mehr weiter weißt, frag‘ deine Eltern.

Fotoalbum Nostalgie

  • Wie haben sie in der Präcomputerzeit überlebt? Haben sie überhaupt gelebt?
  • Wie konnten sie Lokale finden, wenn ihnen Google nicht den Weg wies.
  • Woher bekamen sie ihre Bücher, als es Amazon noch nicht gab?
  • Wie beantworteten sie ihre Fragen – so ganz ohne Suchmaschine?

Überlebensnotwendig ist es jedoch für dich, Balance zu halten! Für jede Viertelstunde weniger Zeit in den den Social Media Kanälen, gibt es eine Aktivität aus deiner in der ersten Woche erstellten Liste. Du tust, was du eigentlich immer schon einmal machen wolltest!

0 Minuten. Das musst du dir vorstellen: Du kommst nach vier Wochen runter auf 0 Minuten…

Ein großes, fast rundes 0…

Die letzte Woche: So fühlt es sich an zu leben

Mit Null endet der Diätplan jedoch noch nicht.

Null ist eine Leistung, eine großartige – ja!

GitarristNur – der nächste Schritt führt dich noch weiter. Er führt weg von der Aktivität hin zur Stille. Die Seele baumeln lassen – das ist deine Aufgabe in dieser Woche, 7 Tage lang…

Nein: Du musst deine Wohnung nicht putzen. Deine Mutter besuchen? Das geht doch nächste Woche noch! Regale, Papiere, Schränke ordnen… Sorry! Nein, Das einzige, was erlaubt ist:

Ruhe, Stille, Nachdenken. Kreativ sein.

Das ist es.

Du wirst sehen: Voller kriegst du deine Tage nie mehr wieder!

Tipp: Ein Beispiel, wie es noch geht

Den kalten Entzug hat Jan Rein durchgezogen. Seit einem halben Jahr lebt er Social Media frei. Wie er damit lebt und was es ihm bis jetzt gebracht hat, lest oder hört ihr am besten selbst!

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Auf Reisen schreiben
Leo Nerdette

Orte, wo ich auf Reisen schreiben kann

Schreib-, Küchen- und Wohnzimmertische: Das sind die am häufigsten genannten Plätze, wenn Leute erzählen, wo sie schreiben. Österreicher runzeln da gern die Stirn: „Im Café“, sagen sie. Aber auch Cafés gibt es nicht immer.

Globetrotter müssen beim Schreiben improvisieren. Es soll Länder geben, wo es an Tischen fehlt, auch in Zügen; wo jemand, der alleine sitzt und schreibt oder liest, als „traurig“ gilt und aufgeheitert werden muss; wo Hotelzimmer so niedrig und schmal sind, dass es schwierig ist, im Bett aufrecht zu sitzen, geschweige denn dass Tisch und Stuhl vorhanden sind. Trotzdem will und muss ich auf Reisen schreiben, mich für eine oder zwei Stunden auf ein Thema konzentrieren. Bloggen, Geschichten erfinden, Gespräche notieren…

Welche Lieblingsplätze habe ich also, wenn ich unterwegs bin? An welchen Orten verbinde ich Reisen und Schreiben; tauche ich ab, weg in eine andere Welt. Höre nichts, beobachte und denke mir meinen Teil.

Lieblingsplätze?

Notlösungen, nennen es Andere. Diese Orte sind aber meine Favoriten, geordnet nach Prioritäten. Die Liste habe ich nach meinen liebsten Schreiberinnerungen erstellt.

Auf Reisen: Das Schreibplatz-Ranking

Platz 5: Im Bus/Zug oder Auto

Ich fahre gern Auto. Allein. Schlaue Menschen aber, die meinen, besser, schneller und versierter zu fahren, dürfen mich kutschieren. Und nachdem jeder einzelne, den ich kenne, davon überzeugt ist, der beste Autofahrer zu sein, genieße ich mein Leben als Beifahrerin. In Schweigen.

Wenn sich die Fahrer umsehen, um nachzusehen, warum ich so wortkarg bin, wundern sie sich. Zumindest beim ersten Mal. Wie kann es sein, dass ich auf meiner Tasche in ein Notizbuch kritzle? Es gibt doch genügend Gegend zum Beobachten, interessante Gesellschaft und dann… die Ruckelei! Aber ich schreibe und nehme nicht einmal wahr, wenn der Fahrer weiterzappt – Patty Smith durch Rap ersetzt.

Platz 4: Das Bett

Truman Capote liebte es, Sigmund Freud auch – die Reihe derer, die im Liegen schrieben, ist lang. Tintenflecke auf weißem Laken sind heutzutage ja auch kein Ärgernis mehr. Wer schreibt den noch per Hand, mit Kuli oder Feder? Wir greifen einfach zum Nachtkästchen hinüber. Dort liegt Tablet oder Laptop zum Arbeiten bereit. Wir führen ohne der Ahnväter Probleme die Tradition weiter: Im Bett entstehen Geschichten, ja sogar Romane! Das bewies schon Marcel Proust.

Das berühmteste Bett, in dem ich schrieb?  Frida Kahlos Schlaf-, Mal – und Werkstatt… Ihr Bett mussten Arbeiter in das Museum Bellas Artes tragen – mitsamt der Künstlerin. Sie konnte nicht mehr gehen, sollte und wollte der Ausstellung aber beiwohnen.

Auf der berühmten Kante saß ich Jahrzehnte später, notierte und wartete. Es dauerte eine Weile, bis sich die Menschenmenge vom Schlafzimmer in den Garten verlief.

Platz 3: Terasse mit Ausblick

Reisen und der Allgäu, GebirgspanoramaGebirgspanoramen regen die Phantasie an. Vor allem dann, wenn sie in das Licht eines Sonnenuntergangs  getaucht sind. Dafür verbringe ich schon einmal ein paar Stunden auf einer zugigen Terasse: Finger frieren, der Atemhauch rieselt fröstelnd auf das Tischtuch und der Tee vor mir wärmt schon lange nicht mehr.

„Komm schon, wir gehen!“

Nicht doch! Ein Satz geht noch, nur noch einer… warte, da fällt mir ein… nein, fallen mir zwei… oder waren es drei…

Wer auf mich wartet, kann nur hoffen, dass die Sonne bald verschwindet.

Platz 2: Des Menschen ureigene Unterlage

Für Strand, südlichere Gefilde oder die Wüste hat sich dieser Ort leider als ungeeignet erwiesen: Tablets und Laptops laufen warm. Das kann auf Oberschenkeln ziemlich ungemütlich werden.

Dafür muss man gar nicht weit reisen: Teliko Tarnovo, Bulgarien, schafft schon mal 40 Grad Celsius im Sommer. Im April heizte sich mein Tablet dermaßen auf, dass es sich von selbst ausschaltete. Gut so! Denn meine Oberschenkel rauchten…

1. Auf dem Koffer

Flughäfen, Grenzübergänge und Bahnhöfe: ein spezieller Fall. Sie haben des öfteren keine Sitzplätze. Grenzgängern und fahrendem Volk darf es nicht zu bequem gemacht werden!

Tijuana, Mexiko, Grenzübergang zu San Diego, USA, ist keine Ausnahme. Eines Nachts verweigerte der US-Zollbeamte Reisenden den Wartesaal. Der Grund: Das Computersystem sei zusammengebrochen. Wir müssen draußen warten.

Warum?

Vorschrift.

Wie lange?

So lange die Reparatur dauert.

Tijuanas Grenzübergang verlässt niemand nachts freiwillig. Selbst hartgesottene Mexikaner nicht. Wir scharrten uns um die Grenzstation, harrten der Dinge. Die meisten stehend. Von 22 Uhr bis vier Uhr morgens.

In diesen Stunden habe ich meinen Koffer schätzen gelernt! Notizbuch und Stift auch.

Ich hatte viel zu schreiben.

Und du? An welchen Orten schreibst du?

Was sind deine Lieblingsorte? Wo geht dir das Schreiben leicht von der Hand?

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ebooks sind keine Bücher
Leo Nerdette

Weil ebooks keine Bücher sind

Liebe ebooks-Freunde,

da wollte ich einem von Euch zum Ankommen im neuen „Lebensmittelpunkt“-Land ein Buch schenken.

  • Schick mir deine Adresse, bat ich.
  • Nicht nötig, mir genügt ein Titel.

Er würde es kaufen, downloaden und lesen. Wie ebooks-Leser es eben gewohnt sind zu tun. So leicht. So gut. Damit hätte ich dann den Zweck meiner Geschenkidee erreicht. Habe ich?

Ich leitete meine Empfehlung weiter. Bei Gelegenheit würde er es sich runterladen.

Passt schon, denke ich. In der haptischen Welt ist es mit geschenkten Büchern auch nicht anders. Und doch. Irgendwie war es nicht ganz das, was ich mit meinem Geschenk sagen wollte. Es fehlte etwas… das brachte mich zum Grübeln.

Was war denn nun anders? Bücher bleiben doch Bücher, egal ob gedruckt oder digital. ebooks haben den gleichen Inhalt. Sie sagen also das Gleiche aus. Oder etwa nicht? Was bedeuten für mich die bedruckten Bände, die so schwer in der Hand liegen? Was wollte ich mit dem Geschenk sagen?

Bücher und ebooks sind Wegbegleiter

Als ich vor Jahren am Flughafen Benito Juarez stand und auf den Transport zu meiner neuen Wohnung im mir fremden Land wartete, hatte ich Kind und zwei Koffer bei mir. Je Koffer waren damals 25 Kilo erlaubt. Damals. Im Gepäck kullerten auch die Kosmetikartikel noch frei herum, zwischen ein paar Kleidungsstücken, Geschenken und – natürlich – Büchern. Vier Stück in jedem – mehr ging nicht: Nur meine Bibeln – Bücher, die ich auf gar keinen Fall missen wollte. Den Rest hatte ich trockenen Auges verlassen, fünf Kisten bereits vor Jahren in der Elternwohnung – Kinder- und Jugendbücher. Hoch oben hatte ich sie verstaut, nicht leicht wieder herunter zu holen.

Einen Teil der Bücher, die mich durch das Studium begleitet hatten, hatte ich an ein Antiquariat verkauft. Spottbillig – zwei Schilling pro Buch. Trotzdem war eine schöne Summe zusammen gekommen. Ich hatte jahrelang Bücher gesammelt wie andere Lesezeichen im Browser. Chaotisch zwar, aber immer nach meinen Vorlieben.

Zehn Kisten davon schickte ich aufs Land – zum Frische Luft-Atmen. Zu ihnen wollte ich zurückkommen. Sie hatte ich fein säuberlich in Butterbrotpapier eingewickelt, geschlichtet, fürsorglich verstaut. Eines Tages würde wir uns wiedersehen, irgendwann dann…

Hätte es damals schon ebooks gegeben, hätte ich mich nicht trennen müssen.

 

Abstand tut schon auch mal ganz gut

Frau - glücklich, freiWie ich so in der Ankunftshalle des Flughafens stand und auf einen Transport wartete, fühlte ich mich befreit, leicht, bereit für Neues. Ich war in ein Land geflogen, dessen Sprache ich nicht sprach – und war gekommen, um zu bleiben. Wie lange? Das würde sich herausstellen.

Die Bücher des Landes waren mir zunächst einmal verschlossen. Zu ihnen musste ich mir erst Zugang verschaffen: die Sprache lernen, Neues erfahren, selber denken.

Vertrauten Wegen konnte und wollte ich in den nächsten Wochen nicht folgen; zu viele Eindrücke stürzten auf mich ein. Zurück ziehen und lesen war nicht drin. Das war gar nicht üblich in diesem Land. Wer allein saß, ging oder blieb, galt als einsam, vernachlässigt, traurig – Zustände, die dem Bild der allgegenwärtigen Gastfreundschaft zuwider liefen.

Nur nachts in meinem Zimmer, nahm ich hin und wieder eine meiner vier Bibeln in die Hand, las wenige Seiten – für mehr war ich zu überwältigt.

Wenn die Sehnsucht überhand nimmt

Vier Monate später aber hatte das Gefühl von Freiheit der Neugier Platz gemacht.

Unter Arkaden büffelte ich die Landessprache anhand von Artikeln aus Magazinen. Interessant schienen alle möglichen Ressorts zu sein. Wie ein Staubsauger nahm ich alles auf: Sogar die Gespräche im Mikrobus klangen spannend. Hauptsache die Sprache stimmte.

Bücher Chaos So hortete ich ein Sammelsurium an Wissen über Dinge, Personen, Ansichten, von denen ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. In meiner neuen Heimat gehörte dies alles zum alltäglichen Umgang, jeder kannte sie – die Namen, die Geschichten, die Skandale. Niemand dachte darüber nach, woher er es wusste. Es half zu überleben, mitzureden und dabei zu sein.

Ich war mit den Wochen nach diesem Wissen hungrig geworden, wollte endlich entschlüsseln, was unter den Leuten brodelte, gesagt und verstanden wurde. Beobachten allein reichte nicht mehr.

Zwar hatte ich mir mittlerweile ein loses Geflecht an Anknüpfungspunkten geschaffen, aber das noch grobmaschige Netz war eingebettet in das alte Bezugssystem, das System eines anderen Kontinents. Eines arroganten, sich als das Zentrum der Welt empfindenden Kontinents. Das sollte sich ändern, denn Mark trat in mein Leben. Mark, der Texaner.

Bücher kommen, wenn sie willkommen sind

Mark hatte bereits zwölf Jahre lang im Land verbracht, ein Kind und lebte in Scheidung. Er brauchte einen Platz für sich. Einen, wo am Wochenende sein Kind willkommen war. Er zog bei uns ein – und mit ihm kam auch seine Bibliothek.

Hunderte Bücher in Obstkisten, gestapelt – Kunst, Sprache, Musik, Religion, Philosophie, Geschichte… es nahm kein Ende. Wir schleppten die Kisten einen Vormittag lang, stapelten Wände voll und füllten so den gut 30 Quadratmeter großen Raum, der sich bald schon als das Zentrum unseres Hauses entpuppen sollte. Denn in seinem eigenen Zimmer hätte Mark sie nicht unterbringen können, nicht, wenn er oder sein Kind sich noch bewegen wollten.

Heimat ist… wenn das richtige Buch in der Bibliothek steht

Abends saß ich am Boden, mitten in der Obstkisten-Bibliothek, und staunte eine völlig neue, doch vertraute Welt an. Ein Universum. So viele Empfehlungen, Einladungen und Möglichkeiten, den Kontinent, das Land, Denken und Leute kennenzulernen. Es machte mich neugierig und gleichzeitig unsicher. Ich brauchte etwas Vertrautes, etwas von dem ich ausgehen, den neuen Kontinent erobern konnte. Einen Anfang.

Zunächst fand ich ihn nicht. Ich versuchte es. Wirklich! Ich stellte meine Bibeln in die Obstkisten dazu – sie reihten sich ein, blieben aber fremd. Da war ein Abgrund dazwischen, ein Verbindungsglied fehlte.

Ich las ein Stückchen auf der einen Seite, ein paar Absätze auf der anderen, breitete die Bücher aufgeschlagen vor mir auf, wanderte umher, strich über die Einbände, blätterte, schnupperte, roch das Papier, suchte – suchte die Brücke, den Übergang.

An diesem Abend fand ich sie nicht. Auch Tage danach noch nicht. Ich stöberte, aber tauchte nicht wirklich ein, blieb fremd.

Bis von einem Freund der alten Welt ein Päckchen mit der Post kam. Darin lag ein kleiner roter Band der Reihe Salto vom Wagenbach Verlag: Marcos - Herr der Spiegel: Der Subcomandante trifft den Autor von Pepe Carvalho im Urwald von Chiapas des Katalanen Manuel Vázquez Montalbán. Montalbán beschreibt seine Reise zu den Nachfahren der Mayas im Bundesstaat Chiapas in Mexiko. Er erzählt, wie er, der Europäer, auf Subcomandante Marcos – militärischer Führer der indigenen Bevölkerung Chiapas – wartet, um ein langes Gespräch mit ihm zu führen.

Ein paar Stunden nur, dann war ich durch. Ich stellte das Bändchen zu den anderen Büchern. Es fügte sich, verband das Vertraute mit dem Fremden. Die Brücke war da.

Ich war angekommen, war zuhause. Genau dieses Gefühl, liebe e-books-Freunde, wollte ich weitergeben. Dieses Mal bin ich gescheitert. Beim nächsten Mal gebe ich mich nicht so leicht geschlagen. Da bin ich mir sicher!

Auf bald

Eure Leo

Globetrotter-Tipp in Sachen ebooks

Zum Unterwegs-Sein sind ebooks durchaus eine großartige Erfindung. Handlich, leicht und solange die Batterie reicht, sind sie äußerst nützlich. Wenn du folgende Punkte beachtest, wirst du sogar glücklich damit:

  • Lade vor deiner Reise nur jene Bücher herunter, die du lesen möchtest. Besondere Freude macht es, schwere Schinken runterzuladen.
  • Wenn dir eines der Bücher wirklich gut gefallen hat, leiste es dir als „echtes“ Buch für dein Bücherregal.
  • Stell dich mindestens einmal die Woche vor dieses und genieß‘ es!
  • Geh‘ regelmäßig in Buchhandlungen – ja Bibliotheken gehen auch – schmöckere und atme vor allen Dingen diese Luft ganz tief ein, die Lust zum Lesen macht.
  • Halte dir den Platz zuhause für genau diejenigen Bücher frei, die du liebst. Gelegenheitsbekanntschaften und Fehlgriffe  können im e-books-Archiv verbleiben. Regelmäßiges Ausmisten hilft.

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Carrie Mae Weems Küchentisch-Serien
Tipp

Küchentisch-Serien: Carrie Mae Weems‘ Blick ins Alltägliche

Carrie Mae Weems, Fotografin und Videokünstlerin – verewigt in der Blockbuster-Filmgeschichte:

Catwoman (Halle Berry)Was hat Carrie Mae Weems mit Catwoman zu tun? weiß nicht, wie sie mit den unzähligen Möglichkeiten eines Lebens umgehen soll.

Was werde ich mit meinem Leben anfangen? fragt sie eine Freundin.

Du kannst immer noch eine Künstlerin werden wie Carrie Mae Weems.

Eine Zeile nur in einem Dialog: Sie ist Ermutigung für Frauen, vor allem für kreative Frauen. Für diejenigen, die wie Carrie Mae Weems durchs Leben gehen, herrscht nämlich kein Mangel mehr an Ideen; sie haben die eigene Stimme gefunden, suchen im Alltäglichen das Besondere.

Was ein Küchentisch erzählt

Die Stärke von Carrie Mae Weems ist ihr Blick.

Er verwandelt das, was jede Frau kennt; etwas, das „gewöhnlich“, Teil ihres Alltags ist, bekommt eine eigene Geschichte, eine Existenz.

Wie oft sitzen wir am Küchentisch? Täglich, zwei, dreimal – mindestens. Wir sitzen oft und meistens auch gern in der Küche, dem gemütlichsten Platz unseres Zuhauses.

Wie oft aber denken wir tatsächlich an ihn, den Tisch? Überlegen wir uns jemals, was er im Laufe der Jahre erlebt? Welche Geschichten könnte er erzählen?

In den Küchentisch-Serien  (Kitchen Tables Series) lässt Carrie Mae Weems den Tisch erzählen, was Zusammenleben mit den Jahren bedeutet. Die Künstlerin fotografiert, was täglich vorgeht, was auf ihm und um ihn herum geschieht. Dadurch sagt sie auch ohne Worte viel.

Die Kitchen Tables Series seien Resultat eines Umzugs in eine Kleinstadt.

Carrie Mae Weems: Ich habe damals viel darüber nachgedacht, was es bedeutet, eine eigene Stimme zu entwickeln.

Ihre Fotografien waren eine Art Antwort darauf, was sie sich selbst fragte. Sie sollen zeigen, was ihrer Meinung nach eine eigene Stimme ausmacht. Was braucht es, um sie als eigene zu erkennen?

Sie muss allgemeingültig sein,

… darf nicht bloß eine Stimme für afroamerikanische Frauen sein

Deshalb schaut Weems bis heute allen Frauen ins Leben.

Warum Frauen die eigene Stimme vergessen

Mit acht Jahren ist den meisten Mädchen klar, dass ihre Stimme zählt. Sie haben ein Wörtchen mitzureden, wenn es um sie selbst geht. Sie wissen also um ihre Pläne, ihre Vorlieben, ihre Zukunft – vertrauen ihrem Ausdruck, vertreten ihre Überzeugungen.

Leider vergessen die meisten Mädchen diese Stimme im Laufe der Pubertät – andere, vermeintlich wichtigere Fragen verdrängen sie.

  • Was denken die Andere von mir?
  • Was kommt bei Jungs an?
  • Bin ich zu dick?
  • Esse ich das Richtige?
  • Mag mich die Gruppe?

Die eigene Stimme verschwindet oft mit all diesen Fragen. Um sie wieder zu finden, brauchen Frauen brauchen oft viel Zeit.

Carrie Mae Weems zeigt ihnen, wie sie sich selbst schneller wiederfinden: Mit einem Blick auf das Besondere im Alltäglichen.

Dafür muss eine Frau nicht einmal weit gehen. Es reicht der Weg zum Küchentisch.

Mehr von Carrie Mae Weems im Internet:

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Beitragsbild von www.gratisography.com

Frau Holle lässt es schneien
Leo Nerdette

Warum schneit es so wenig, Frau Holle?

Der Pfad zu Frau Holle fordert Überwindung. Auch ich musste springen – vom Brunnenrand in unbekannte, schwarze Tiefe.

Die alte Dame erklärte es mir: Würde ich mich weigern, könne ich das Interview vergessen. Ihr Zuhause sei eben unten! Sie käme selten nach oben und wenn, dann hätte sie Besseres zu tun als mit Journalisten zu sprechen. Besonders im Winter.

Die Rauhnächte kommen bald und ich weiß sowieso nicht, wo mir der Kopf steht.

Mir blieb also nichts Anderes übrig. Ich bin ins Unfaßbare gesprungen… und praktisch sofort in Ohnmacht gefallen.

Ihr wollt wissen, was mir bei meinem Sprung passiert ist?

Tut mir leid, so genau weiß ich es nicht. Mein Mikro rauscht zuerst eine Weile, danach zwitschern Vögel, summen Bienen und ich höre einen Plumps. Irgendwas ist auf eine weiche Unterlage gefallen, denn es plumpste gedämpft. Das war ich, vermute ich.

Bei Frau Holle in der Welt ganz unten

Denn als ich wach wurde, roch ich zuerst einen Hauch von Hyazinthen und Gras, gebackenes Brot und den feinen Duft eines blühenden Holunderstrauchs. Ich öffnete die Augen und sah sie sofort.

Frau Holle saß vor ihrem Haus auf der Sonnenbank und hielt einen Ast voller Holunderblüten in der Hand. Ich war erleichtert. Es war nur eine weißhaarige Frau mit roten Wangen und einem Zwinkern in den faltigen Augenwinkeln. Sie entsprach nicht einem einzigen der Schreckensbilder, die mir gezeichnet wurden: mit riesengroßen, spitzen Zähne zum Beispiel, wirrem Haar und mit strengem Geruch.

Vor mir lehnte jedoch eine adrette, alte Dame. Ihre Haare hatte sie aufgesteckt, der Kragen ihrer Bluse schien frisch gestärkt. Umstände machte Frau Holle jedoch keine.

Fangen wir gleich an, ich habe nicht viel Zeit!

Tja dann, Frau Holle – äh – bekannt sind Sie ja durch die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm geworden. Diese beiden Märchenforscher haben das Märchen Frau Holle in den Kinder- und Hausmärchen veröffentlicht. Wie leben Sie mit diesem Ruhm?

Hier herunten? Nicht anders als zuvor.

Hat sich gar nichts verändert?

Doch, wenn du so fragst! Ich kriege nicht mehr viel Besuch, eigentlich verirren sich höchstens Medien hierher. Hängt das mit diesem Buch zusammen?

Ähem…

Wer glaubt noch an Märchen?

Ich fürchte, das muss an etwas Anderem liegen, Frau Holle. Das Buch war eher gute Publicity.

Was? Mit dieser alten Geschichte? Was ist mit dem Jungen, der mir auch geholfen hat? Jakob, ja Jakob vom Wanderzirkus. Von dem könnt ihr erzählen. Aber nein, ihr wiederholt diese Geschichte von den Grimms wieder und wieder, wie eine Schallplatte, die einen Kratzer hat. Ach nein, ich vergesse immer… heute hört keiner mehr Schallplatte, heute streamt ihr.

Über Jakob gibt es einen Film. Kennen Sie den noch nicht? Dadurch wurden Sie auch solchen Menschen bekannt, Frau Holle, die nicht lesen. Eigentlich müssten sie Ihnen die Bude einrennen. Schon allein für ein Selfie!

Selfies… Solche Menschen kommen mir nicht ins Haus!

Aber…

Bettenmachen bei Frau HolleIch sehe sie ständig. Kaum schüttele ich die Kissen, stürzen sie aus dem Haus, springen unter den Schneeflocken herum, knipsen, knipsen und knipsen. Vor diesem Baum, hinter jenem Strauch, unter dem Denkmal und auf dem Weihnachtsmarkt. Mit Mütze, Felljacke und in Schals gemummelt. Zehn Minuten vielleicht, höchstens! Danach gehen sie ins Haus.

Was stört Sie daran? Die Menschen freuen sich doch, Frau Holle!

Mir  ziehen sie den letzten Nerv. Ich mag nicht mehr. Die Kissen sind schwer, ich bin alt. Ich schüttele sie zwar, werde aber so schnell müde. Früher haben die Menschen Schneemänner gebaut, sind herumgetollt, Schi gefahren, Eis gelaufen, haben eine Schneeballschlacht gemacht – was weiß ich. Stundenlang! Das war Freude – die Freude, die mir Energie gab.

Vielleicht holen Sie sich doch wieder Hilfe, Frau Holle. Damit Sie besser schütteln können.

Weißt du, wie Hilfe heute aussieht? Die wischt mehr im Handy herum als meinen Boden. Ganz zu schweigen von den Kissen. Wenn sich alle schon bei meinen Verschnaufpausen beschweren, dass es so wenig schneit! Nein, nein… kennst du vielleicht jemanden ohne Smartphone?

 Puh… leider, Frau Holle. Mir fällt niemand ein!

Und dann bin ich neben dem Brunnen aufgewacht. Neben mir das Handy, einen verkohlten Laib Brot und den Ast eines Hollunderbusches. Frau Holle hatte wirklich wenig Zeit.

Tipps für den 13. Dezember

1. Wie wäre es, wenn du heute Abend eine Schneeflocke zeichnest?

Oder hättest du lieber eine Vorlage für deine Kinder? Mit diesem Mandala haben sie sicherlich Spaß beim Ausmalen.

2. Mit kleineren Kinder, die sich schon so auf das Spielen im Schnee freuen: Bastle den Schnee einfach selber!

3. Zu Weihnachten spielt es wie jedes Jahr den Film Frau Holle im Fernsehen. Im ZDF am 23. 12. 2017 um 13.45 Uhr. Weitere Sendetermine gibt es hier.

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Unterirdische Stadt Buchhaim
Tipp

Die unterirdische Stadt von Buchhaim

Menschen leben oberhalb der Erde, sie bauen seit Generationen höher und höher. Es ist, als würden Luft und Ausblick uns nach oben treiben, als könnten wir gar nicht hoch genug kommen und weit genug sehen. Das Oben einer Stadt gibt ein Gefühl von Freiheit: Danach sehnen wir uns. Das Unterhalb ist weniger verlockend: Von den Leitungen, der Kanalisation, den Katakomben, Schächten und U-Bahn-Röhren sprechen wir kaum. Die unterirdische Stadt existiert, aber eher als Gegenspieler von jener da oben.

Wir dulden sie, wissen aber kaum etwas über sie. Unterirdische Städte bleiben oft unerwähnt, viele sogar unerforscht. Deutlich wird das, wenn wir mit ihnen konfrontiert sind.

Die Leser zum Beispiel, die das im November erschienene „Comic-Buch“ von Walter Moers erstanden haben – den ersten Teil seiner zweiteiligen Graphic Novel „Die Stadt der Träumenden Bücher“.

In ihm spielt die unterirdische Stadt von Buchhaim die Hauptrolle; der Teil der berühmten Bücher-Stadt, der für Bücherjäger und Dichter am ergiebigsten ist.

Im Januar erscheint dann Teil 2 des Comics. Ideal also für Geschenkejäger und  all diejenigen, denen normalerweise an den letzten Tagen vor Weihnachten immer noch ein Präsent fehlt:

  • Teil 1 eignet sich als handfestes Geschenk für Heiligabend,
  • die Vorbestellung von Teil 2 lässt sich gleich miterledigen – als Geschenksverlängerung.

Auf diese Weise hält die Freude beim Beschenkten länger an ?.

Farbenfroh: Hildegunst und seine Abenteuer

Stadt der träumenden BücherMit seinem Roman „Die Stadt der träumenden Bücher hatte Moers, der Comiczeichner und Erfinder von „Käpt’n Blaubär“ und dem „Kleinen Arschloch“, einen Riesenerfolg. Er schuf eine eigenwillige Welt – eine, in der Saurier leben, die der Kultur des Dichtens frönen. Man sagt, Moers erklärte mit diesem Buch seine Liebe an das Lesen.

Im Roman steigt der Protagonist, Dichtersaurier Hildegunst von Mythenmetz, also in die unterirdische Stadt von Buchhaim – in die Katakomben, Kammern, Kathedralen-Räume. Er erkundet die Schattenwelt und findet Buch- und Dichtkunst.

Vom Dunkel, das nicht mehr los lässt

Bücherliebhaber und Leseratten fallen dieser Unterwelt zum Opfer: Sie verschwinden für Tage oder Wochen, ganz egal wie schön die Sonne oben auch scheint – und nicht alle kommen blinzelnd hervorgekrochen, wenn es zu essen gibt.

Sie verirren sich mit Hildegunst von Mythenmetz in den Labyrinthen, suchen Gänge, Räume und Bücher… und genauso wie der Erzähler verlieren sie sich in der Geschichte von Schutz, Flucht und Wissen. Die unterirdische Stadt birgt fast mehr Leben als die oben.

Genau diese unterirdische Stadt hat Moers über mehrere Jahre hinweg gemeinsam mit dem Illustrator und Comiczeichner Florian Biege jetzt in eine Graphic Novel übertragen. In Farbe und mit Perspektive. Fachlich gesprochen – „mit Tiefe“. Wer den Roman kennt, ist verblüfft, wie Orte, Räume und Figuren sich dadurch verändern.

Hildegunst in der Oberstadt

Eine unterirdische Stadt im Teamwork geschaffen

Um die besondere Lebhaftigkeit zu erreichen, die selbst eingefleischte Comicgegner zu einem vorsichtigen „Schon gut gemacht!“ verführt, war Teamarbeit nötig. Manchmal arbeiteten nur Moers und Biege an der Umwandlung, manchmal aber auch noch mehr Leute.

Vor jedem ausgearbeiteten Bild gab es das Szenario von Moers – er arbeitete den Text um und erstellte für jede Seite eine Skizze mit Bleistift, die schon direkt mit Sprechblasen versehen war.

Danach folgte Biege. Er schuf eine Computerskizze, um den groben Aufbau des Bildes zu klären. Von diesem Entwurf ausgehend, besprachen die beiden jeden Schritt einzeln. Auf diese Weise koordinierten sich die beiden und gelangten schließlich zum fertigen Bild.

Das dauert. Zahlt sich aber aus!

Tipp für den 6. Dezember

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Liebeskummer so still
Leo Nerdette

So still kann Liebeskummer sein

Eine Geschichte über Liebeskummer? Ist das erzählenswert? Die Zeit heilt ja alle Wunden und der Wald ist bekanntlich voller Bäume… Wenn Familie und Freunde raten, sind solche Sätze leicht gesagt.

Doch es gibt Liebeskummer, der klebt an der Seele wie Kaugummi. Er zieht Fäden, selbst wenn der Grund dafür schon lange vergangen ist.

Der Zug teilt die Dämmerung

Er steht mitten in der verschneiten Landschaft. Leichte Schneeflocken umwirbeln ihn: Sie bleiben nicht am Boden haften.

Zoom –  die Kamera zieht die beleuchteten Fenster näher. Wir sehen hinein: Reisende schlafen, lesen, wischen eine Seite nach der anderen in ihrem iPad.

Die Tochter schmiegt ihre türkis besockten Füße an die Oberschenkel der ihr gegenüber sitzenden Mutter. Halb verschwindet sie im blauen Überzug der Sitze, gemütlich gekuschelt, Quartettkarten in der Hand. Sie mustert diese aufmerksam, wobei sie leicht mit der Zungenspitze zwischen den Lippen hin und her wandert.

„Ich habe 2.480 Kubikzentimeter Hubraum“, sagt die Mutter und blickt auf die oberste Karte ihres Stapels.

Sie schickt einen auffordernden Blick hinüber zu ihrem Kind; ihre linke Augenbraue hebt sich kurz; die rechte Hand streckt sie fordernd aus.

„Gemein“, hört sie aus der gegenüberliegenden Ecke, grinst zufrieden und packt das Kartenpärchen, das sie gewonnen hat, zur Seite auf den kleinen Tisch unter dem Fenster.

Mit einem Blick auf die nächste Karte ruft sie: „24.600 Euro Neupreis!“

„Hah“, kontert die Tochter, „58.650 Euro. Die gehört mir!“

Jetzt winkt das Kind erwartend, nimmt die Karte entgegen und legt sie gemeinsam mit ihrer auch auf einen Stapel neben sich. Verglichen mit dem ihrer Mutter ist dieser höher.

PING

Die Mutter wendet den Kopf, kurz nur, kontrolliert jedoch gleich wieder ihre Karten.

PING

Zweimal hintereinander? Grund genug, die Karte mit dem Deckblatt nach oben auf den Tisch zu legen. Sie kramt im Leinenrucksack neben ihr. Ein Duft von Wurst und Käse zieht zu den mitreisenden Nachbarn.

Sie hangelt ein rosa Smartphone heraus, tippt auf das Display.

„Nina“, erklärt sie ihrem Kind und liest:

Liebeskummer!

Er versteht mich nicht.

Das Kind scheint sie nicht gehört zu haben:

„7,2 Sekunden Beschleunigung“, sagt es und stupst die Mutter mit ihren Zehen.

„Warte mal, ich muss antworten.“

Die beiden Daumen rasen übers Display:

Warum verstehen, sollte er dich nicht bloß lieben?

Schließlich legt sie das Smartphone auf den geöffneten Rucksack, aber so, dass sie es im Blick behalten kann. Leicht streicht sie über die Zehen des Kindes und wendet sich wieder den Karten zu; wiegt den Kopf.

„Hmm, hast du meine Karte angeschaut?“, fragt sie misstrauisch.

„Natürlich nicht! Mach schon, Mama!“

„4,6 Sek…“

PING

Ich will doch nur…

Die Mutter schielt verstohlen zum Handy hinüber.

„Was ist jetzt wieder?“ stöhnt das Mädchen. „Mama!“

PING

…, dass er mich so liebt, wie ich ihn

„4, 6 Sekunden“, beendet die Mutter ihren Satz. Irgendwie lustlos. Sie schielt zum Smartphone. Abwesend reicht sie dem Kind die Karte, während sie das Gerät mit der anderen Hand hochhebt. Sie tippt:

😮

Wenn eine zu viel ist

„423 PS…“ – Stille – „Mama!“

Ungeduldig klopfen Zehen auf die Oberschenkel der Mutter, bis schließlich die Fußsohlen treten.

„Bin ja eh schon da!“

Die Mutter reißt ihre Augen vom Display los.

„Lass mich nachsehen…“, sagt sie, „ja, 226 PS!“

Die Tochter nimmt die Karte wieder entgegen, legt sie zur anderen und überlegt gerade, welche Eigenschaft sie nehmen soll…

PING

Das Kind verdreht die Augen.

Hey, nimm mich ernst, bitte. Ich bin ein Desaster!!!!!!

„Weißt du was?“, entscheidet die Mutter. „Wir machen Schluß. Sagen wir, du hast gewonnen! Dein Stapel ist sowieso höher.“

Entschlossen schiebt sie den Kartenstapel vom Tisch unter denjenigen in ihrer Hand und stopft alles in die Plastikschachtel des Quartetts.

„Och“, murmelt das Kind noch – ungehört.

Was ist passiert?

Er trifft seine Kumpels.

Ja und? – Oh, ich verstehe. Er hat ein Leben.

Aber eines ohne mich!!!!

Langsam zieht das Mädchen die türkis besockten Füße zurück. Es setzt sich gerade.

Ein leichter Geruch von Zimt und Vanille weht zur gegenüberliegenden Seite, von Omas Keksen von heute morgen. Die Mutter merkt nichts, ist vertieft in ihr Gespräch.

Als der Zug endlich doch noch anfährt, fischt das Kind sein Smartphone aus der Hosentasche.  Lustlos sucht es ein anderes Spiel.

Apps gibt es ja genug.

Tipp für den 5. Dezember

adventAm  heutigen Feierabend – bei Kerzenlicht, mit Glühwein und Keksen:

Vergiß dein Handy einfach! Irgendwo…

Stell es aber vorher noch stumm! 😉

Auch andere Geräte kommen heute am besten nicht mehr zum Einsatz.

  • Wer Kinder und/oder Freunde zu Besuch hat , könnte die Lücke mit einem Tischspiel füllen. Vielleicht packt ihr sogar das Lieblingsspiel aus! Wann hast du das letzte Mal Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt – Halma oder Mühle?
  • Du sitzt heute allein auf dem Sofa? Macht nix, nimm Stift und Papier und zeichne, wem du aller was schenken möchtest. Musik hören ist erlaubt, ohne Kopfhörer!

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Matchmaking vs Online Dating
Leo Nerdette

Matchmaking vs Online Dating: So sieht’s jemand vom Fach

Online Dating ist IN: Tinder zum Beispiel, die Wisch&Weg-App für Dating-Begeisterte zwischen 18 und 35 Jahren, aber auch Singlebörsen wie friendscout, zoosk, neu.de – und wie sie nicht alle heißen. Vielen Partnersuchenden bleibtjedoch eine Frage: Was führt eher zum Ziel? Matchmaking – Heiratsvermittlung also – oder Online Dating ? Ein Interview  mit der berühmtesten Heiratsvermittlerin der amerikanischen Literatur:

  • Online Dating vs Matchmaking?
  • Was ist die wichtigste Zutat beim Online Dating?
  • Wie man ein gutes Profil gestaltet?
  • Warum Matchmaker – sprich Heiratsvermittler – Online-Dating lieben?

„Großartig, ich lerne so viele Männer kennen wie nie“, schwärmt die Freundin. Schnell, unkompliziert und – vielleicht wird sogar etwas Dauerhaftes d’raus, hofft sie. „Online Dating? Hast du das denn tatsächlich not?“, fragt die Schwester skeptisch. Die Mutter verdreht die Augen: „Männer übers Internet treffen – bist du wahnsinnig? Da ziehst du ja alle Spinner an.“

Soll ich jetzt oder soll ich nicht? Ist Matchmaking besser als Online Dating?

Selbstversuche von Journalistinnen helfen auch nicht weiter: Sie sind nach einer, maximal zwei Wochen beendet; die Schreiberlinge skizzieren mit wenigen Strichen entweder ein euphorisches oder aber ein düsteres Bild, und verlassen die Szene wieder. In&Out – eine Art Blitzkriegtaktik. Deshalb geben Online-Dating-Artikel denjenigen, die sich ernsthaft um einen neuen Partner bemühen,  wenig hilfreiche Tipps. Womit die Suchenden tatsächlich konfrontiert sind, bleibt in der Regel im Dunkeln.

Wie ist es nun? Matchmaking oder doch lieber Online-Dating?

Um ernsthaft Suchenden eine professioneMatchmaking Koryphäelle Einschätzung mitzugeben, braucht es eine Expertin. Eine Frau, die im kleinen Finger mehr Erfahrung hat, als wir in unserem Leben je sammeln könnten. Darf ich vorstellen:

Dolly. Dolly Gallagher Levi – Heiratsvermittlerin, Krampfadern-Redukteurin, Strumpfwaren-Verkäuferin, Gitarren- und Mandolinenlehrerin… ja Dolly ist weltberühmt; sie hat den New Yorker Geschäftsmann, Horace Vandergelder, dazu gebracht, die einzig Richtige zu heiraten und nebenbei noch drei weitere, glückliche Literatur-Ehen gestiftet.

Schön, dass Ihr Agent Thornton Wilder dieses Gespräch doch noch ermöglichte. Sie sind eine umtriebige Person, wie ich erfahren durfte. Herzlich willkommen Frau Levi!

Vielen Dank, Kindchen! Ich freue mich, hier zu sein.

Frau Levi, was denken Sie, wie hilfreich wäre Tinder für den Selfmade-Mann Horace Vandergelder bei seiner Frauensuche gewesen?

(Dolly schaut verdutzt, lacht laut auf, verschluckt sich, lacht weiter und kramt schließlich in ihrem Handtäschchen. Sie tupft sich mit einem Taschentuch die Tränen von den Wangen) Der Witz… der ist… also der ist wirklich gelungen. Horace und… Tinder…

Voraussetzung: Kenne dich selbst

Eigentlich war das jetzt kein Witz. Glauben Sie denn nicht, dass gerade eine Online-Dating-App für die Vielbeschäftigten und Erfolgreichen ideal ist?

(Dolly setzt sich aufrecht, immer noch lachend) Na, wenn Sie das tatsächlich ernst meinen, Kindchen, dann muss ich Ihnen wohl die Frage Punkt für Punkt beantworten.

horace

  1. Horace Vandergelder mag ein guter Kaufmann sein, aber wenn’s um eher romantische Gefühlsdinge geht, ist er… hmm wie sage ich es… tja da ist er etwas unbeholfen… Gefühle überfordern ihn, ja sie überfordern ihn sehr. Er kennt seine kaum und die anderer achtet er gering. Da braucht es schon ein zartes Händchen und nicht eine mit menschlichen Gefühlen unvertraute App, um ihn zu einer Heirat zu kriegen.
  2. Außerdem ist er eitel und hält sich grundsätzlich für den wichtigsten Menschen auf Erden. Er würde ein Foto einstellen, das ihn pompös, altväterlich und antiquiert erscheinen ließe. Einfach deshalb, weil er genau diese drei Eigenschaften als jene ansieht, die ihn unwiderstehlich machen. Der Mann wollte sich die Haare färben, um mit jüngeren Männern mithalten zu können! Gleichzeitig posiert er in Verbandsuniformen! Der ist zu allem fähig, sag ich Ihnen. Da darf man sich keinen Illusionen hingeben. Horace dürfte man auf gar keinen Fall ohne Aufsicht auf die Damenwelt loslassen!
  3. Überraschung beim Online DatingDas schiere Angebot an Mädchengesichtern würde ihn heillos verwirren. Er hatte schon mit nur einem Angebot von drei Frauen seine liebe Not. Was meinen Sie, wie er auf hunderte Fotos reagieren würde? Die Qual der Wahl ist ja eine der größten Herausforderungen online.

Nein, nein – Horace ist für Tinder nichts,  vielleicht für eine Singlebörse wie friendscout oder zoosk. Aber selbst bei diesen beiden sehe ich nahezu unüberwindliche Probleme.

Online-Dating ist höchstens ein Hilfsmittel

Halten Sie demnach nichts von Online Dating? Ist es in Ihren Augen vergebliche Liebesmüh?

Aber ganz und gar nicht. Denken Sie nur an den indischen Mythos von Shiva und Parvati, dem göttlichen Ehepaar schlechthin. Die beiden brauchten am Anfang auch Gott Karma und dessen Pfeil, um überhaupt zusammen zu kommen. Völlig wurscht, wie meine österreichische Mutter sagen würde, ob Inserate, eine Heiratsvermittlerin oder ein Freund – viele brauchen Hilfe, wenn’s um so etwas Essentielles geht, wie eine lebenslange Partnerschaft.

Online-Dating ist ein Hilfsmittel, eine Initialzündung. Doch beim Wichtigsten lässt die App dann allein. Sie ist wie Gott Karma, der als Asche verweht, bevor die Werbephase des göttlichen Paares beginnen kann. Ich dagegen begleite den gesamten Prozess. Das ist Matchmaking in Reinkultur, das hilft beim Wichtigsten.

Was ist denn das Wichtigste?

Die Wahl, Kindchen, die Wahl! Die Entscheidung, welcher der oder welche die Richtige ist. Das sollte wir niemals aus den Augen verlieren.

Singlebörsen, Partnervermittlungen oder Casual-Dating: Wo finde ich ihn denn, den Richtigen?

Tja, das hängt davon ab, was Sie wollen und wer Sie tatsächlich sind. Dann kommt noch dazu, wie Andere Sie wahrnehmen sollen. Das ist eine der großen Schwierigkeiten beim Online-Dating: Selbst- und Fremdwahrnehmung – zwei Perspektiven, die Sie im Auge haben müssen. Nehmen Sie Mrs Molloy – Sie würde sich eindeutig in Tinder stürzen, zumindest eine zeitlang. Sie denkt, sie will Abenteuer, Erfahrungen sammeln, das Drama – nicht den sicheren Hafen der fixen Beziehung.

Und so wird sie versuchen, sich verrucht zu präsentieren. Ob sie das schafft, wage ich zu bezweifeln. Dafür ist sie schon zu lange in ihrem Hutladen eingesperrt. Die Abenteurer, die sie sucht, werden sie vermutlich ignorieren, weil die sich nämlich nach einem ruhigen Hafen sehnen. Die haben meistens schon genug Abenteuer hinter sich. Die Möchtegern-Abenteurer, die selbst die Sehnsucht nach einem aufregenden Leben in sich tragen, zieht sie bei Tinder dagegen an. Aber da muss sie durch; Online Dating ist halt auch ein ständiges Lernen.

Profil: Wer ich bin und wen ich will

Woran erkenne ich denn ein gutes Profil, eines mit Potential?

An der Ehrlichkeit. Das heißt jetzt nicht, dass Sie rückhaltlos ein ganzes Leben drin unterbringen sollen. Nein. Aber ein gutes Profil zeigt, wer Sie sind – Ihre Persönlichkeit. Wie Sie sich sehen. Was Sie mögen. Ein oder zwei liebenswerte Macken. Manche Portale fragen danach, da können Sie sich leiten lassen.

Dann aber berücksichtigt ein gutes Profil, wen Sie ansprechen wollen. Sind Sie eine gute Köchin, wollen aber lieber bekocht werden? Ziemlich unsinnig, hineinzuschreiben, dass Sie gut kochen können. So locken Sie genau diejenigen an, die bekocht werden wollen.

Horace zum Beispiel wollte eine bescheidene Haushälterin… gut… er hat sie auch von mir nicht bekommen (Dolly hüstelt grinsend)… aber auf das Popanz-Profil, mit dem er sich sicherlich präsentiert hätte, wäre ihm vermutlich auch keine bescheidene Haushälterin reingefallen. Die Frage beim Profil-Erstellen ist also nicht nur, wer Sie sind. Sie müssen sich auch fragen, wen Sie wollen und wie das Profil auf so eine Person wirkt. Fragen Sie sich: Werde ich meiner Zielgruppe gerecht?

Besonders schwierig ist es, mich selbst anzupreisen.

Ja tatsächlich, mit diesem Aspekt kämpfen vor allem Frauen. Es ist immer noch gesellschaftlich verpönt zu sagen, für wie gut man sich selbst hält oder welche großen Leistungen man vollbracht hat… Ich verstehe nicht, dass sich in all den Jahren noch nicht mehr getan hat.

Männer kennen da erfahrungsgemäß weniger Skrupel – naja… es kommt trotzdem meistens ziemlich eitel rüber. Ich selbst bin da direkt – beim Matchmaking preise ich ja jemanden anderen an, unterstreiche die Vorzüge und rede die Schwächen klein.

Im Profil sollte Eigenlob subtiler sein, versteckter. Das braucht Fingerspitzengefühl – und gerade das hat nicht jeder. (lacht in der Erinnerung versunken) Nein wirklich nicht!

Was sind beim Profil so richtige Don’ts?

Hmm, lassen Sie mich nachdenken… also, was für beide Geschlechter gilt, was  gar nicht geht:

  • Fotos mit Sonnenbrillen: Die Augen sind wichtig. Zumindest ein Foto sollte sie zeigen.
  • Gefälschte Fotos
  • Fotos, auf denen man die Person kaum erkennen kann
  • Nackte Oberkörper (Männer), tiefe Ausschnitte (Frauen) und andere exotische Einblicke, außer man ist bloß auf ein Abenteuer aus. Auf diese Weise macht man sofort klar, dass da nichts Tiefergehendes gewünscht ist.
  • Fotos im Bad- oder Schlafzimmer (ditto)
  • Mit materiellen Gütern protzen, außer man will eine Beziehung, die auf Materiellem aufbaut.
  • Beziehungsmüll. Der sollte ja schon längst vergessen sein! Besonders beliebt: Eine Liste von schlechten Eigenschaften, die man nicht duldet (Expartner)
  • Detaillierte Beschreibungen, wer einen überhaupt anschreiben darf. Das finde ich oft bei Profilen von gefragten Männern, aber ich habe auch ein paar Kundinnen, die denken, diese Direktheit kommt gut an.
  • Allgemeine Zurechtweisungen.
  • Ein Motto das zeigt, wie sehr man mit dem Leben hadert
  • und alles, was „Zuviel“ ist: zu viel Sport, zu viel Häuslichkeit, zu viel Erotik… Das erzählt vor allem eines: Wie unsicher man ist.

Im Grunde ist es einfach: Versetzen Sie sich beim Erstellen hin und wieder einmal in die Lage Ihres Wunschpartners. Würde der/die sich angesprochen fühlen, wenn sie/er das Profil mit anderen Augen betrachten?

Online Dating: Wer es wirklich liebt…

Geeinsam Matchmaking und Online DatingJetzt haben Sie mich neugierig gemacht: Warum haben Sie sich dem etwas verrufenen Beruf der Partnervermittlung zugewandt? Sie hätten doch auch Psychologie unterrichten können.

Ach, Sie schmeicheln mir… (zwinkert kokett) Psychologie ist nichts für mich, ist mir zu ernst. Sehen Sie, so wie es ist, ist mir das Leben nie interessant genug! Ich bin Künstlerin, ich unternehme etwas, verändere, gestalte… habe hier die Finger im Spiel und da die Finger im Spiel – ich liebe das, denn es ist äußerst amüsant.

Aber Online-Dating Portale machen Sie doch bald arbeitslos!

Das glauben Sie?

Ich bin doch selbst in all den Portalen, suche mir da meine neuen Klienten. Verzweifelte, die herausgefunden haben, was Online Dating tatsächlich bedeutet: Einen ungeheuren Zeitaufwand!

Niemand hat den Frauen vorher erzählt, dass sie anfangs mit bis zu hundert Mails konfrontiert sind, bei denen sie oft nicht wissen, was sie antworten sollen. Dass sie unzählige Profile durcharbeiten müssen, um geeignete Kandidaten zu finden. Außerdem bleibt noch die Frage, wie eine Frau einen Favoriten anspricht, der ja noch gar nicht weiß, dass er ihr gefällt. Und wenn er es weiß: Vielleicht ist er zu schüchtern auf sie zuzugehen.

Oder Männer: Sie haben keine Ahnung, wie sie eine Kandidatin ansprechen sollen. Ihre „Hallo schöne Frau“- oder „Na du“-Versuche beziehungsweise „Hi, liebst du Schmusebären“-Mails sind bereits mehrfach gescheitert. Ganz zu schweigen davon, dass nach der ersten Kontaktaufnahme weiterhin eine soziale und emotionale Kompetenz gefragt ist, die nicht jedem gegeben ist.

Ja, da gibt es jede Menge Arbeit für mich und sie wird täglich mehr! Nichts hat sich geändert. Ich mache das, was ich bisher auch schon gemacht habe: Den Leuten zu erklären, dass das Leben geschieht, während wir andere Pläne machen. Und sie ganz nebenbei liebevoll zum richtigen Partner zu schubsen.

Frau Levi, vielen Dank für das offene Gespräch!

Oh, Kindchen, es war mir ein Vergnügen!

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Ganesha will eine Frau
Nebiga

Weil Ganesha eine Frau will…

Ganesha musste seine Eltern überlisten, um heiraten zu können. Sie – und auch seinen Bruder. Dass es ihm tatsächlich gelang, verdankte er vor allem sich selbst. Obwohl…

So richtig klar wurde es ihm erst, als seine Mutter lachte.

Ganesh Chaturthi

Wenn Indien feiert, dann feiert es ordentlich. Zum Geburtstagsfest von Lord Ganesha aber tobt das Land: Städte beben unter tanzenden Füßen, Mauern zittern, Echos hallen durch die Straßen. In Städten, wie Varanasi im Norden des Landes, sausen Geräusche und Gerüche durch die Gassen, prallen gegen die Gemäuer der Tempel genauso wie gegen die Kartonwände neuer Siedlungen. Die Töne der heiligen Gesänge aber folgen den Hauptadern, ducken sich unter den Rufen der Straßenhändler und dem Hupen der Mopeds hindurch, schlängeln sich weiter durch die modrige Hitze der Altstadt bis hin zu den berühmten Ghats, rollen über die Steintreppen und landen schließlich in den Fluten des Ganges.

Varanasi, älteste Stadt und Mittelpunkt des Kosmos, ist Ganeshas Vater, Gott Shiva, geweiht. Tausende Pilger ziehen jedes Jahr in die Stadt, um diesem nahe zu sein. Deshalb gibt es mehr als 200 Tempel. An Ganesh Chaturthi leuchten sie alle – die großen, berühmten genauso wie die kleinen, die versteckt in einer Sackgasse im Strassengewirr der Altstadt auf die Passanten lauern.

Vor einem dieser unscheinbaren Tempel hockt ein Junge auf einer Treppe, fünfzehn Jahre alt – vielleicht sechzehn. Sibi sitzt gleich neben einem Loch in der Mauer, früher einmal ein Fenster, heute die Lücke, die auf einen spärlich bewachsenen Platz führt: den Einheimischen Tempel, den Touristen das Innere einer Tempelruine, deren Mauern mit schreiend bunten Bildern beklebt und mit Girlanden verziert sind. Aufgeschichtete Steine ersetzen Bänke und  auf einem  Steinblock in der Mitte steht ein Opferteller und Kupferpfanne, aus der Weihrauch steigt.

Letzte Sonnenstrahlen fallen durch die Mauerlücke auf die Treppe; sie färben den Holzteller goldorange, der vor dem Jungen platziert ist. Auf ihm ist eine Pyramide Reistaschen – modak – gestapelt. Wer direkt davor steht, dem weht feiner Zimt- und Kokosduft in die Nase. Sibi zeigt immer wieder auf die Süßigkeiten und schreit:

Kauft modak! Geht nicht weiter ohne! Kokos mit einem Hauch Zimt, wie Ganesha es liebt. Drei Stück und schon steht ihr in seiner Gunst. Kauft modak! Drei Stück nur fünf Rupien!

Er hat kein leichtes Spiel, sich gegen  das Geplauder der Gläubigen durchzusetzen: Doch manche schenken den Reistaschen tatsächlich einen nachdenklichen Blick, einige greifen sogar in die Hosentasche, werfen ein paar Münzen hin und kaufen. Sibi ist erst gezwungen zu schweigen, als die Trommeln und Gebete einsetzen. Gegen diesen Lärm kommt er nicht mehr an.

 

Ganesha, bunter ElefantengottGanesha

entferne die Hindernisse Herr,

Verkörperung der Weisheit, Gott des Urklangs, Herr des Ursprungs und Wurzel des Seins!

gewähr uns Glück, gib Vertrauen

du, der du modak in Händen hältst!

Oh Elefantenköpfiger,

Gegrüßt seist Du!

Die Gläubigen außerhalb der Ruinenmauern buhlen ebenso laut um Ganeshas Gunst wie die am Platz im Inneren. So jedenfalls kommt es Sibi vor. Die dicken Mauern dämpfen den Lärm kaum. Dazu kommt, dass sich die Betenden  gegenseitig vorwärts, hin zum Einlass schieben; sie drängen dorthin, wo die Trommeln am lautesten den Rhythmus der Gebete vorgeben; wo der Tempelpriester im Singsang vorbetet. Neben ihm wartet ein katha darauf, endlich anfangen zu können. Der aus Bombay eingeflogene Erzähler ist für die meisten die wahre Attraktion des Abends.

Die Nacht über wird er erzählen.

Deshalb eilen mehr Menschen als sonst in den Freilufttempel. Allein um den katha zu hören – seine Geschichten, seine Gesänge.

Ganesha Elefant Bild schwarzGanesha wollte heiraten! Er fand, er war alt genug dazu und bat deshalb seine Mutter, ihm eine Frau zu suchen. Parvati gefiel der Vorschlag. Sehr sogar! Doch Ganeshas Bruder, Skanda, schmollte.

Bin nicht ich euer Erstgeborener, tapfer und flink, erprobt in vielen Kämpfen. Ich kenne die Welt, führe die Kriege, schütze die Grenzen. Ich verdiene eine Begleiterin, eine Braut. Such zuerst mir eine, bevor du Ganesha eine gibst. Das ist mein Recht. Für ihn spielt es keine Rolle, wie lange es dauert. Er kann warten! Ich aber nicht!

Ihr seht: Sogar in göttlichen Familien gibt es Probleme. Parvati hatte ihre Söhne gleich lieb. Wem also sollten sie den Wunsch zuerst erfüllen? Skanda, dem Älteren, oder doch lieber Ganesha, der ja zuerst gefragt und erklärt hatte, für eine Beziehung bereit zu sein. So bescherte Ganeshas einfache Bitte schlaflose Nächte.

Von einem der gehen will…

Die Trommeln verstummen, die Gebete auch. Ein Straßenhund will sich zwischen die Gläubigen innerhalb der Mauern zwängen. Doch so mager er auch ist, er findet keine Fleckchen mehr für sich. An der Mauerlücke staut sich eine Menschentraube – und immer noch stoßen weitere Neugierige dazu. Keiner will die Geschichten  verpassen, alle wollen sie lauschen.

An diesen Wartenden rempelt sich ein etwas älterer Junge vorwärts. Er duckt, schubst und schiebt sich an jenen vorbei, die in seinem Weg stehen. Eigentlich hält er nur dann, um etwas zu entgegnen, wenn sich jemand beschwert. Bald hockt er sich neben Sibi nieder.

Wie lange sitzt du schon hier?

Zwölf modak lang. So viel hab ich verkauft.

Davon weiß Mutter nichts, oder?

Natürlich nicht! Aber wer opfert schon so viel von dem Zeug? Drei reichen ja auch. Es schadet nichts, wenn ich ein bisschen verdiene. Jede Rupie zählt jetzt.

Du willst wirklich gehen?

Was bitte hält mich hier?

Familie? Freunde? Indien! Hier ist alles vertraut. Dort wird nichts so sein, wie du’s gewohnt bist.

Sibi grinst zufrieden. Doch bevor er etwas entgegnen kann, zischt jemand…

Schscht… Seht! Er hebt die Hände, seht, er verneigt sich…

Wie sieht er aus? Was hat er an?

Drei Tage Bart?

Oha, der ist ja kugelrund

Grau, er ist grau!

Was tut er jetzt? Hat er schon angefangen?

Hey kann jemand hören? Gebt weiter, was er sagt…

Wie? Was…?

Ach seid doch still!!!

Ganesha Elefanten BildDie rettende Idee kam Parvati morgens in jener Stunde, da Augen sehen, Ohren hören und Körper fühlen, aber der Geist träumt. Die Stunde eben, in der die Illusion der Welt am durchlässigsten ist. Sie weckte ihren Mann: Sollte sie es wirklich wagen? Würde es nicht zu schwer für sie selbst? Shiva brummelte nur. Da müsse sie durch. Es wären ja Jungs, sagte er und rief seine Söhne.

Ganesha und Skanda ließen sich nicht zweimal bitten, ahnten sie doch, dass ein Richtspruch bevorstand. Sie traten im feinsten Staat vor ihre Eltern hin.

Parvati hielt die Hand ihres Mannes, als sie sprach:

Ich suche einem von euch eine Frau. Demjenigen nämlich, der als erstes zurückkommt, nachdem er die Welt umrundet hat.

Kaum hatte er es vernommen, lief Skanda los. Er sprang auf sein Reittier – in seinem Fall ein Pfau – und verschwand bald am Horizont.

„Na toll“, murmelte dagegen Ganesha. Er dachte an sein Reittier: Eine Maus. Dann betrachtete er seinen Bauch… Abwarten und Tee trinken! – schien ihm die bessere Idee zu sein.

Und so kam es, dass der Weise, Vyasa, Lord Ganesha zuhause vorfand, als er dessen Hilfe brauchte.

 …. und von einem, der bleibt

Sibi lehnt sich weit zur Seite, nahe an das Ohr seines Bruders.

Siehst du, Jaimyn. Skanda macht es genau richtig! Schnell weg, die Chance nutzen… Google, Apple, Microsoft – Im Silicon Valley liegt meine Zukunft, sagt Onkel, nicht hier.

Aber alles ist doch da! Indien braucht uns doch auch. Dringend sogar! Wozu weggehen? Ob du hier studierst oder dort… Was kann das schon für einen Unterschied machen?

Onkel meint, es liegt an der Ausbildung. Wer in USA das Kodieren lernt, hat ausgesorgt. Komm doch mit, für dich ist es sicher auch besser…

Ich? Ach nee…

Warum nicht?

Der Weihrauch vom Altar durchsetzt mittlerweile die Luft, kratzt im Hals, juckt in der Nase. Selbst Sibi niest. Der Erzähler räuspert sich und richtet seinen Turban.

Lord GaneshaVyasa, der Weise, barg Verse in seinem Kopf. 100 000 um genau zu sein. Sie wollte er niedergeschrieben wissen. Er wollte dem indischen Volk das längste und vollständigste Gedicht der Welt schenken: das Mahabharata. Ein Gedicht über die Welt. Alles sollte darin zu finden sein – und was darin nicht erwähnt war, sollte es auch sonst nirgends geben.

Doch der Weise hatte Angst. Was, wenn er es nicht rechtzeitig beenden konnte? Seine letzten Jahre nicht ausreichten, um all die Verse niederzuschreiben? Deshalb suchte er Lord Ganesha und beugte sein Haupt.

Hilf mir zu schreiben, oh Herr! Beseitiger der Hindernisse

Das geht jetzt nicht. Es würde mich zu sehr aufhalten, Vyasa. Ich muss die Welt umrunden.

Ohne dich schaffe ich es aber nicht! Soll Indien wegen dir ohne mein Gedicht bleiben?

Hmm… Na gut, aber mach schnell! Wir haben nicht viel Zeit. Ich schreibe, auf keinen Fall jedoch warte ich auf dich. Diktiere durch! Kein Halt, kein Nachdenken…

Einverstanden. Eine Bedingung habe aber auch ich: Du musst den Sinn von dem verstehen, was du schreibst.

Und Ganesha schrieb. Während sein Bruder, Skanda, die heiligen Stätten der Welt aufsuchte – die Stadt Uruk zum Beispiel, den griechischen Berg Athos, Jerusalem, Tibet und die heilige Pilgerstadt Mekka – während der also pilgerte, notierte Ganesha Alles. So schnell schrieb er, dass sein Stift nach kurzer Zeit entzweisprang. Damit er nicht innehalten musste,  brach er seinen Stoßzahn ab und verwendete von nun an diesen.

Vyasa hatte seine liebe Not, mit dem Gott Schritt zu halten. Verzweifelt griff er zur List, den Sinn seiner Verse hinter Bildern zu verstecken. Das verlangsamte Ganesha ein bisschen: Er musste ja die Bedeutung erst finden.

Zur gleichen Zeit, als Skanda die heiligen Stätten endlich alle abgeklappert, die anderen Götter gegrüßt und Kerzen angezündet hatte, kam in Indien auch der Elefantenköpfige zu einem Ende. Vyasa verstummte.

Ganesha legte die beschriebenen Pergamente vor ihn. 100 000 Verse waren geschrieben.

Ihm aber knurrte der Magen.

Ich sollte noch etwas essen, bevor ich aufbreche. Mit leerem Bauch reist es sich nicht gut!

Geld, Ruhm oder Glück?

Im und um den Tempel herum ist es plötzlich still. Der katha schweigt. Die Augen geschlossen, denkt er nach – und kein Zuhörer regt sich. Niemand wagt, den Bann des Geschichtenerzählers zu brechen. Sie warten auf das Luftholen des Erzählers, um selbst auch wieder atmen zu dürfen.

Nur Jaimyn bewegt sich. Er greift rasch vor, schnappt sich eine Reistasche vom Teller  – und Sibi: Der versucht die Hand seines Bruders weg zu schlagen; er flüstert:

Hey, ich will die noch verkaufen.

Ah geh‘, auf die eine kommt es jetzt auch nicht an.

Auf jede Rupie kommt es an. Nur, wenn du genug Geld hast, hast du Erfolg. Ich will Erfolg! Hier verdienst du nichts, in Kalifornien schon. 

Die können dich doch dort gar nicht verstehen – und du verstehst auch nicht. Schau Onkel an. Schau doch hin! Klar, er spricht Englisch, aber sein Hindi stimmt nicht mehr. Er ist komisch. Er gehört hier nicht mehr dazu – und dort ist er auch nicht daheim.

Er kann etwas erzählen. Mehr als wir.

Nacht ist es geworden. Die feuchte, schwere Luft hinterlässt Tropfen auf der Stirn der Gläubigen. Ihre Spuren schimmern in den staubigen Gesichtern.

Aaaaauuuuummmm, summt plötzlich der katha

Ganesha Elefant Bild grünAls hätte er die Gedanken Ganeshas gehört, beschloss Kubera, Gott des Reichtums, zu einem Fest einzuladen. Zu diesem Fest sollte auch Ganesha kommen; einem Fest so rauschend, so üppig, so umwerfend, dass die Gäste noch Ewigkeiten davon erzählen sollten. Kubera war überzeugt, alle beeindrucken zu können.  Was heißt „beeindrucken“? Überwältigen wollte er seine Gäste.

Die Tische im goldenen Palast bogen sich: Alles, was es in der Welt zu essen gibt, fand man dort: Frittierte Heuschrecken genau so wie zart gebratenen Lammrücken, Mangocreme wie gebackenes Eis, Rote-Beete-Salat wie geeiste Gurke. Es würde noch eine Woche für ganz Alakapuri, seine prächtige Königsstadt reichen, wenn alle Gäste satt waren, dachte Kubera und war zufrieden. Doch hatte er nicht mit Ganeshas Appetit gerechnet.

Während Skanda in der Welt von Krieg zu Krieg zog, kämpfte und siegte, aß Ganesha. Was im Palast an Speisen zu finden war, vertilgte er. Als Kubera schließlich zugab, dass er nichts mehr auftischen konnte, hielt das den Elefantenköpfigen kaum auf. Er machte sich über Geschirr, Möbel und Zierrat her; er fraß fast den gesamten Palast und fast ganz Alakapuri.

Ich habe nichts mehr, Ganesha. Hör auf zu essen!

Doch Ganesha war noch zu hungrig. Er drohte Kubera selbst zu verschlingen. Erschrocken rannte dieser zu Ganeshas Vater.

Oh, glückverheißender Shiva, hilf! Dein Sohn wird nicht satt!

Nicht satt? Was kommst du zu mir? Schick ihn zu seiner Mutter!

In der Tat genügte es, beiläufig zu erwähnen, wie hervorragend die Gottmutter kochte… Ganesha ließ sofort von Kubera ab. Sehnsüchtig trottete er zu Parvati, die ihm modak gab – und war endlich wieder satt. Sein Bauch fühlte sich wohlig warm und rund an.

Was ihn so freute, dass er um seine Eltern tanzte.

Und Skanda?

Nachdem der letzte Friede  ausgehandelt war, vollendete ER seine Runde um die Welt.

Als der Hunger gestillt ist

Sibi tippte seinem Bruder an die Schulter. Er grinste.

Skanda kommt nicht zurück. Wer braucht schon die eine Frau? Frauen gibt es überall.

Er kommt. Du wirst sehen. Er will eine Familie, eine Frau von hier. Auch Onkel lässt Mutter eine für ihn suchen. Nur eine Hindu gibt ihm das, was er braucht. Sie weiß nämlich, wo ihr Platz ist.

Trommelwirbel unterbricht. Denn wenn Ganesha tanzt, drehen sich selbst die Gläubigen im Kreis, umrunden ihre Nachbarn. Dass sie mehr schieben als leichtfüßig tanzen, stört keinen. Die Musik, das begleitende Heulen der Straßenhunde und das Stampfen der Füße übertönt schließlich alles, was noch geflüstert hat.

Ganesha Elefant Bild OrnamentDick ist der kleine Gott, eigentlich kugelrund. Seine Beine sind plump und grob. Trotzdem wirbelt Ganesha herum, springt und folgt der Musik in seinem Kopf. Ganeshas Füße verbreiten seine Freude, sein Wohlbehagen, sein Glück über Gebirge, Wiesen, Flüsse, über Städte, Höfe und Sand. Den Menschen füllte sich das Herz mit Mut, Ideen und Auswegen. So lange tanzte er, bis eine der Wildgänse über den Köpfen der heiligen Familie schnatterte:

Herrin, oh Parvati, freu dich… Skanda ist bald zurück!

Da hielt Ganesha plötzlich still.

Staubig war sein Bruder, verschwitzt und abgekämpft. Der Pfau war schon vor Meilen erschöpft zusammengebrochen. Trotzdem trat Skanda unverzüglich vor seine Eltern hin.

Such mir jetzt eine Frau, Mutter! Ich habe sie verdient.

Wie Ganesha das Recht auf eine Frau verhandelt

Sibi runzelt die Stirn. Diese Wendung der Geschichte behagte ihm nicht.

Na, wenigstens muss Onkel nicht bleiben. Die Frau geht einfach mit ihm mit und gut ist’s.

Und was ist, wenn sie nicht will?

Bei der Vorstellung verdreht Sibi die Augen. Wer hat jemals von einer Frau gehört, die nicht das tut, was ihr Mann sagt? Er wischt den Gedanken zur Seite.

Du sagst selbst, eine Inderin weiß, wo ihr Platz ist.

Jaimyn schweigt, aber der katha summt. Im Licht der Öllampe nimmt man ihn und die Trommler verschwommen wahr. Alle anderen verschluckt die Nacht. So still ist es, dass er seine Stimme kaum mehr erheben musst.

dekorierter Elefant: GaneshaGanesha war mit der Forderung seines Bruders ganz und gar nicht einverstanden. Skanda hätte sich die Frau nicht verdient. Er sei ja viel zu spät zurückgekommen.

Bevor der erschöpfte Skanda vor Wut über seinen Bruder herfallen konnte, trat Parvati dazwischen.

Warum zu spät, Ganesh? Du hast dein Zuhause überhaupt nicht verlassen.

Was soll ich da draußen? Habe ich euch nicht dreimal umtanzt. Dreimal, bevor Skanda eintraf. Und wer, wenn nicht ihr, repräsentiert meine Welt.

Und genau das war der Moment. Jener Moment als Parvati lachte.

Brüder können triumphieren – so kriegen das andere Menschen gar nicht hin. Jaimyn ist keine Ausnahme. Er führt aufreizend langsam eine weitere Reistasche zum Mund und sieht Sibi dabei in die Augen. Sagen muss er nichts.

Parvati suchte ihrem Zweitgeborenen also eine Frau – daraus wurden schließlich sogar drei: Buddhi – die Weisheit, Siddhi – die Klugheit und Riddhi – der Reichtum. Aber auch Skanda ging nicht leer aus. Er bekam die Schwestern Devesena und Valli – die Macht des Handelns und die Macht des Willens. Wie es dazu letztendlich kam, das ist eine noch ganz andere Geschichte, schloss der katha – wohl wissend, dass er diese ganze Nacht hindurch erzählen würde.

Und die Reistaschen?

Sibi verkauft in dieser Nacht keine mehr. Irgendwie ist er auf den Geschmack gekommen – und die allerletzten drei legen er und Jaimyn morgens früh um fünf Uhr auf den Opferteller am Altar. Zur allerletzten Geschichte, zu der im Morgengrauen.

Die Zahl zum Märchen: 70 000 Computerspezialisten verlassen jährlich die indischen Universitäten. Das deckt kaum die nationale Nachfrage. Der überdurchschnittlich hohe Exodus hochgebildeter Söhne und so mancher Tochter in die westlichen Industriestaaten – allen voran USA und Europa – macht Indien schwer zu schaffen.

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