Jan Blake erzählt
Nebiga

Frau vs Mann: Wie Jan Blake erzählt

Jan Blake erzählt traditionelle Geschichten: Märchen, Sagen, Legenden. Ihre Geschichten rollen wie Lawinen über den Hang. Sie beginnen mit einem Schneeball, mit einem ganz kleinen: Zuerst schubst Blake ein Wort ins Publikum: „crick“ ruft sie und sie verlangt ein „crack“ zurück.

CRICK – crack… Nein, sie ist nicht überzeugt. Crack sagt ihr nämlich, ob und wie sehr wir die Geschichte tatsächlich hören wollen. Wir müssen den Schneeball weiter schubsen, sonst tut sich nichts…

CRICK – crack – CRICK! – CRACK!

Es war einmal…, beginnt Blake. Der Schneeball kommt doch noch ins Rollen…

Blake erzählt von der Leopardenfrau

Wenn Frauen mit ihren Männern durch die Savanne ziehen, sind die Rollen in unserer Vorstellung oft noch immer  klar verteilt: Das Baby liegt an IHRER Brust, ER geht jagen. Die Frau kocht, was er ihr bringt. Sonst aber tut sie, was er sagt. Er sorgt ja für ihre Sicherheit.

Doch Blake erzählt, wie’s ist, wenn der Mann meint, es sich mit seiner Leopardenfrau bequem zu machen.

Geschichten über Gestaltwandler sind beliebt – Tiere, die sich in Menschen verwandeln; Füchse, Wölfe, Tiger. Natürlich auch in Westafrika, in der Karibik und im arabischen Raum. Oft sind es dort die Frauen, die sich verwandeln. Aus diesen Regionen kommen die Märchen und Legenden, die Blake erzählt. Viele handeln von Frauen, die anders sind; von ihrer Stärke und dem Mut, den sie in sich tragen.

Die Leopardenfrau darf da nicht fehlen.

Wie kommt man zum Erzählen?

Eigentlich, erzählt Blake, eigentlich begann es vor dreißig Jahren. Ich war bankrott und brauchte Geld. So begann ich Geschichten zu erzählen.

Dahinter steckt ein bisschen mehr. Ihr Talent, ihre Freude und eine Neugier auf die Kultur ihrer Ahnen. Die Britin ist ein Migrantenkind – in 2. Generation, wie es so schön heißt. Die Geschichten, die sie als Kind gehört hatte, kamen aus Jamaika, aus Ghana, aus Togo… Geschichten, die mit den Sklaven über Jahrhunderte weiter gewandert waren und die schließlich ihre Eltern nach Großbritannien mitgebracht haben.

Für das Kind blieb aber unverständlich, warum die Märchen aus Ghana vertrauter waren, als die, die  englische Lehrer und Schulkameraden erzählten. Jan Blakes Entscheidung für den Beruf der Märchenerzählerin gab ihr die Möglichkeit, Wurzeln zu erforschen; über Märchen und Legenden eine fremde und doch vertraute Welt zu betreten.

In den dreißig Jahren, so erzählt Blake, wandelten sich ihre Geschichten. Suchte sie anfangs hauptsächlich, was unterhielt, erzählt sie heute Geschichten, um etwas weiter zu geben: Erkenntnis vielleicht, Lebensweisheit, Wissen… die Essenz.

Von Geben, Nehmen und dem Dialog

Geschichtenerzähler sind keine Schauspieler. Sie leben aber mit ihrem Publikum genau wie diese; das Publikum trägt sie beim Erzählen weiter. Seine Aufmerksamkeit fordert ihre Fantasie, ihr Können, ihre Stimme, ihre Fabulierkunst und ihr Körperspiel. Das Publikum gibt Stichworte, reimt mit, singt.

Wer auf seinem Stuhl sitzen bleibt, wenn Jan Blake erzählt, hat nicht verstanden. Er spürt nicht, dass er dazugehört, ein Teil ist – aktiver Teil der Geschichte. Nur mit Hilfe der Zuschauer entwickelt sie sich.

Nur gemeinsam mit dem Publikum rollt der Schneeball weiter und weiter…. auf die Herzen der Zuhörer zu; dorthin, wo die Lawine  letzendlich zerstäubt und in der Wärme schmilzt.

Das Glitzern aber bleibt zurück. Das Glitzern der Leopardenaugen!

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Lesereise nach Bulgarien
Tipp

Buchtipp: Lesereise nach Bulgarien

Manchmal genügt eine Lesereise und du glaubst, mit den Menschen in einem Land völlig vertraut zu sein. Wem das passiert, ist an einen Autor geraten, der das Land und seine Leute liebt. Bulgarien hat zwei wunderbare Fürsprecher in der deutschsprachigen Autorenzunft. Einer davon ist Thomas Magosch. Er schickt uns auf eine Lesereise, die den alltäglichen Absurditäten Bulgariens Stimme und Gesicht verleiht.

Wenigstens eine Lesereise nach Bulgarien

Ganz am Rand Europas gelegen, war es immer schon ein Reiseland. Das hat sich nicht geändert. Nach Bulgarien im Sommer an das Schwarze Meer zu fahren, heißt sich mit tausenden Touristen den Strand zu teilen. Party, Bier und Liebeständeleien auch. Russisch, Deutsch und Englisch – alles sprudelt durcheinander. Bulgarisch bekommt man an den Goldstränden weniger zu hören. Braucht es ja auch nicht – mit der Schrift hat der ein bis zwei Wochen bleibende Tourist eh genug zu tun. Wer kann schon kyrillisch entziffern?

Wem es zuzuhören lohnt

Thomas Magosch aber hat im Herzland des Balkan ein paar Jahre verbracht. Mit seiner Familie und allein bereiste er Bulgarien, fuhr nicht nur an den Goldstrand, sondern auch nach Targowischte, Kowatschewitza, Melnik, Sofia und Verniko Tarnowo. Auf seinen Reisen sprach er mit Musikern, Taxifahrern, Mönchen, Hausmeistern und Wahrsagern; mit Menschen, die etwas Geschichten, Legenden zu erzählen und auch sonst einiges zu sagen haben. Magosch porträtiert, fragt nach, hört zu und zeichnet das Miteinander.

Lesen, lauschen, kennenlernen

Drei Frauen läuten die Glocken der Nemski-Kathedrale in Sofia, hoch oben im Turm. Unter ihnen die wahrscheinlich älteste Glöcknerin der Welt. Ihr Blick ist einer von vielen. Einer, der nichts beschönigt, nichts verheimlicht und nichts mehr allzu wichtig nimmt. Nur eines…

Alles beginnt und endet mit den Glocken!

sagt sie, und trotzdem trägt sie keine Uhr. Auf eine Minute mehr oder weniger kommt es nicht an.

Mein Tipp: Thomas Magosch: Bulgarien: Das gebrauchte Zepter am goldenen Sandstrand  

 

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Nebiga

Energie aufladen für den Endspurt!

Ein Moment zum Energie aufladenBevor es richtig losgeht mit meinem Märchen, brauchen wir noch einen Moment: Wir müssen unbedingt Energie aufladen.

Mit Fasching haben wir nämlich nicht gerechnet, als wir die 28 Days of Blogging Challenge angenommen haben. Die Redaktion hat uns auch nicht erinnert. Was uns jetzt in Schwierigkeiten bringt.

Bleibt heute die Frage: Wie bringen wir uns doch noch in die richtige Stimmung zum Schreiben? Noch 4 Tage!

Wie können wir Energie aufladen?

Unsere Antwort: Eine Partie Blödelscrabble…

Die können wir nur empfehlen!

Scrabble am Computer geht auch. Manche sagen, es macht einen Ticken weniger Spaß, aber wir sind keine Experten.

Wir wissen nur eins: Lachen macht den Kopf leicht…

Bei dieser Gelegenheit auch ein Dankeschön an alle, die überhaupt ermöglicht haben, täglich zu bloggen.

Unser ganz besonderer Dank gilt unserem Scrabblepartner! Er meinte auch heute noch:

Ihr schafft das!

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Falschmeldungen erkennen
Leo Nerdette

Wie erkennst du Falschmeldungen?

Sie geistern als Fakenews durch die mediale Welt: Falschmeldungen. Angeblich sind sie besonders häufig in den digitalen Medien anzutreffen – vor allem in den sozialen Netzen. Eine solche Falschmeldung heißt seit Beginn des Internets Hoax.

Sie muss nicht einmal mit einer Absicht dahinter im Netz gelandet sein. Es reicht, dass irgendjemand etwas behauptet, von dem er überzeugt ist, aber sich nicht die Mühe macht, es mit Fakten zu belegen. Weil Falschmeldungen auch eifrig geteilt werden, also schon mal „viral“ gehen, überzeugen sie andere.

Warum sind Fakenews in aller Munde?

Donald Trump bezeichnet grundsätzlich alles als Falschmeldung, was ihm jetzt medial nicht so in den Kram passt. Er beendet gern seine Twitter-Kommentare mit „Fakenews“. In USA werfen sich zurzeit die Medien und Trump gegenseitig vor, Lügner zu sein.

Eine ähnliche Taktik schwappt über manche Politiker auch nach Deutschland. Und die Medien versuchen sich dagegen zu wehren.

Bleibt die Tatsache: Falschmeldungen kommen immer wieder vor. Wir erkennen sie aber oft nicht.

Daher sollten wir uns in den sozialen Netzen den folgenden Fragen stellen:

  • Woran sehen wir Normalsterbliche, dass der Post von einem Freund ein Hoax ist?
  • An welchen Kriterien erkennen wir, ob in dem Post auch die Fakten stimmen?
  • Wann sollten wir einen Post melden, auch wenn ein Freund ihn geteilt hat?

Ein Verein kämpft gegen Falschmeldungen

Falschmeldungen entlarven, verdrehte Inhalte klarstellen, auf Nutzerprobleme reagieren – das ist mittlerweile eine Leben füllende Tätigkeit: Ein Verein mit Sitz in Wien hilft, Falsches von Fakten unterscheiden zu lernen. Die private Initiative mimikama beschäftigt  zwei hauptberufliche Fake-Aufklärer und 17 Ehrenamtliche in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. 100 bis 120 Falschmeldungen bearbeiten sie täglich.

Sie wissen daher ganz genau, wie wir Fakenews erkennen können: Hier sind ihre Tipps!

Wenn du trotzdem unsicher bist, ob du den einen Post weiterleiten sollst:

Das gelungenste Werkzeug des Vereins ist Hoaxsearch, die Suchmaschine für Fakes im Internet.

Mit ihr sollten wir viral gehen!

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Auf der Suche nach Wahrheit
Leo Nerdette

Wer sich heute auf die Suche begibt…

Die Suche nach Wahrheit? Wer sucht heute noch nach Wahrheit?

In den Tagen von #Fakenews weiß keiner mehr, was wahr ist: Derjenige, der am lautesten schreit, bekommt Recht. Derjenige, der mächtig ist und seine Interessen mit allen Mitteln – auch mit Lügen – durchsetzen will, bestimmt.

Dieser Mechanismus funktioniert zurzeit in Ungarn, in der Türkei, in Syrien, in den USA… überall dort, wo sich totalitäres Denken durchzusetzen beginnt.

Plötzlich tauchen Begriffe auf wie „postfaktisch“, wie „alternative Perspektiven“ oder „Tatsachen mit Spielraum“.

Wahrheit… die eine Wahrheit gibt es nicht, sagen die Leute. Es kommt eben auf die Perspektive an, aus der man etwas sieht. Es gibt so viele verschiedene Sichtweisen… wer kann schon wissen, was wirklich wahr ist? Wozu also sollte ich mir die Mühe machen, es herauszufinden.

Jeder, der so argumentiert, vergisst diejenigen, die sich tatsächlich auf die Suche nach einer möglichst allgemein gültigen Wahrheit begeben. Menschen, die ihr Leben dafür geben. Für etwas, das bloß ein Konstrukt ist – aber eben ein gültiges – Menschen, die sich auf die Suche nach Wahrheit machen.

Und sie bezahlen teuer, damit wir diese Wahrheit bekommen.

Wieviel Angst kostet Wahrheit?

Als sich die Lifttüre öffnete, entdeckte die Nachbarin ihre Leiche. Zwei Kugeln steckten in der Brust, eine in der Schulter und eine im Kopf.

Anna Politkovskaja rechnete mit ihrer Ermordung. Sie hatte Angst, lebte ständig mit ihr.

2005 sagte sie auf einer Konferenz zur Pressefreiheit:

Manchmal zahlen Menschen mit ihrem Leben, wenn sie laut sagen, was sie denken; manchmal sogar, wenn sie mir Informationen weitergeben. Ich bin nicht die einzige, die in Gefahr ist.

2001 floh sie zum ersten Mal aus Angst nach Wien: Ein Polizeibeamter wollte Rache nehmen. Politkovskaja hatte ihn beschuldigt, für Gewalttaten in Tschetschenien verantwortlich zu sein.

Lange hielt es sie jedoch nicht; sie kehrte wenige Monate später wieder nach Moskau zurück.

Trotz der Bedrohung… trotz der Angst um ihr Leben. Trotz der Anschläge, die sie überlebt hatte.

Ihre Freunde sprechen von mindestens neun.

Sie hätte sich ihr Leben leichter machen können: Als US-amerikanische Staatsbürgerin hätte sie sich eigentlich nicht darum kümmern müssen, wie Russlands Wahrheit aussieht.

  • Was also trieb sie zurück?
  • Was ließ sie im Gegensatz zu vielen anderen keine „Wahrheit“  akzeptieren, die einem Großteil der Betroffenen die Stimme nimmt?

Wie Demokratie erlischt

In ihrem posthum erschienen Russischen Tagebuch macht Politkovskaja den Anfang vom Ende an einem Ereignis fest. Ihr gilt es als das Ende der Demokratie in Russland: Die Geiselnahme von Beslan.

beslanb_2007_09_01Am 1. September 2004 um 9:30 Uhr stürmte eine Gruppe von Geiselnehmern die Mittelschule Nr. 1, in der Schüler im Alter von sieben bis 18 Jahren unterrichtet wurden.

Der 1. September ist in ganz Russland Schulbeginn, an dem die Erstklässler in Anwesenheit der Eltern und zukünftigen Mitschüler feierlich begrüßt werden. Oft kommen ganze Familien, um der Zeremonie beizuwohnen.

Drei Tage später beendeten russische Einsatzkräfte die Geiselnahme, indem sie das Gebäude stürmten. Dabei starben Kinder wie Erwachsene. Soweit lässt sich sagen, dass sich die Darstellungen gleichen.

Dann aber begann ein mühsames Ringen, um das, was wa(h)r.

Politkovskaja machte sich auf, Hintergründe zu erfahren. Sie wollte zeigen, was bevorsteht, wenn sich autokratische Machtmenschen politisch durchzusetzen verstehen.

Nur eine gründliche Suche zählt

Der Journalistin war bewusst: Sie würde nicht annähernd an die Wahrheit herankommen, wenn sie in ihrem Moskauer Büro blieb und offiziellen Kundmachungen lauschte.

Sie brach auf – mit drei harten Broten, drei Wanderstecken und drei Paar eisernen Schuhen, wie es in einem der beliebtesten russischen Märchen heißt, dem Märchen Das Federchen des Finist Hellfalke. In ihm sucht das schöne Mädchen ihren Geliebten Finist – den Phönix, der alle 500 Jahre aus der Asche wiedergeboren wird.

Für Politkovskaja bedeutete diese Suche vor allem Recherchearbeit vor Ort:  Jedes noch so kleine Stückchen Information offizieller Stellen musste überprüft werden.

  • Waren es nun 130 (offiziell) oder doch über 1000 Geiseln, wie Zeugen berichteten?
  • Die Anzahl der Geiselnehmer schwankte erheblich, man einigte sich schließlich auf mindestens 32.
  • Waren tatsächlich Araber unter ihnen, wie Armee und OMON-Spezialeinheiten durchsickern ließen?
  • Oder waren es ausschließlich Tschetschenen, wie die Betroffenen behaupteten.
  • Sogar die Zahl der Toten war umstritten: 331 nannten die Behörden, 394 wurden allein in einem Krankenhaus gezählt, 900 vermuteten Hilfsorganisationen.

Politkovskajas Ohr galt dem Erlebten

Was Politkovskaja für all jene, die behaupteten, die Wahrheit zu kennen, so gefährlich machte, war ihr Wissen darum, dass diese behauptete Wahrheit ohne die Stimme der Betroffenen gar nicht wahr sein kann; dass behauptete Tatsachen auch das Skelett für ein anderes Konstrukt – der Propaganda – bilden können.

Sie hörte Müttern zu, die ihre Kinder verloren hatten, Vätern, die mit diesen weinten; spürte die Trauer, die Angst und die Wut über die Verdunkelungstaktik der zuständigen Behörden. Diese Eltern wollten wissen, wie ihre Kinder gestorben waren. Doch die Behörden speisten sie mit Worthülsen ab.

Die Wahrheit stand auch für Politkovskaja nicht unveränderlich und absolut da.

Aber es gehörten Fixpunkte dazu, die nicht beiseite gewischt werden konnten: Geschehnisse in Russland, die zur Geiselnahme geführt haben. Verantwortlichkeiten. Zusammenhänge und auch aufgestaute Gefühle. In Tschetschenien, im ganzen Land.

All das versuchte die Journalistin zu benennen, in Worte zu fassen, um ihre Wahrheit möglichst wahr werden zu lassen. Wohl wissend, dass wir, die Leser, dem Gesagten nur vertrauen können, wenn sie ihre Arbeit gut machte. Ihr Phönix sollte nicht so schnell wieder sterben!

500 Jahre Leben wollte sie ihm geben.

Ihr eigener Tod ist dazwischen gekommen.

Und Finist?

Finist ist endgültig davon geflogen

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Bibliotheken für Märchenforscher
Nebiga

5 Bibliotheken für Märchenforscher

Für Märchenforscher genügt Wikipedia leider nicht; für sie sind Bibliotheken eher das Mittel der Wahl. Der Vorteil ist, dass heute niemand mehr unbedingt einen Lesesaal aufsuchen muss. Die Buchbestände sind in einem über das Internet zugängliche Bibliothekskatalog (Online Public Access Catalog – OPAC) gelistet; im Idealfall sind die Bestände verschiedenen Bibliotheken miteinander verbunden. In Bayern zum Beispiel gehören viele Bibliotheken zu einem großen Verbund, darunter auch die für meine Recherchen zwei wichtigsten.

Bayrische Bibliotheken im Verbund

1. Bayrische Staatsbibliothek (Stabi)

Für Superlative im eigenen Porträt kann ich mich eher nicht begeistern. Wer sich selbst dermaßen lobt wie die alterwürdige Stabi, ist mir eigentlich suspekt. Die 1558 als Hofbibliothek von den Wittelsbachern gegründete Bibliothek sieht sich aber trotz des Selbstlobs realistisch: Sie ist

  • die ERSTE Adresse – zumindest für Märchenforscher und Erzähler
  • eine innovative Kraft im Bereich digitaler Dienste – Einschränkung: Was Bibliotheken anbelangt
  • sie hat sich im Laufe der Jahre zum Schatzhaus kulturellen Erbes entwickelt.

In der guten, alten Stabi schlummert nämlich eine riesige Sammlung von Märchen aus aller Welt!

Wermutstropfen gibt es allerdings auch einen: Du musst einen Bibliotheksausweis besitzen, wenn du all diese Schätze erkunden willst d. h. einmal will die Stabi dich persönlich sehen. Aber die Mühe lohnt sich.

2. Internationale Jugendbuchbibliothek

Mindestens einen ganzen Tag plane ich ein, wenn ich in Schloss Blutenburg recherchieren will. Gott sei Dank lässt sich vieles online vorab bestellen, aber eben nicht alles. Was die Fahrt dahin entschädigt? Die Bücherschätze liegen in einem Burgzimmer, in dem du auch recherchierst – Märchengefühle inklusive.

Ein paar Zahlen in Richtung Kinder- und Jugendbuch: In der Internationalen Jugendbibliothek schlummern mehr als 600.000 Kinder- und Jugendbüchern in über 130 Sprachen aus vier Jahrhunderten. Dazu gehören

  • etwa 67.000 Bücher mit Erscheinungsjahr vom 16. Jahrhundert bis 1950,
  •  30.000 Titel internationaler Fachliteratur,
  • 30 laufende Fachzeitschriften,
  • 4.400 Plakate
  • 40.000 Einheiten Dokumentationsmaterial

Warum das für jemanden, der Märchen für Erwachsene bearbeitet, wichtig ist?

Märchen gelten vielen heute als Kinderkram, in der Internationalen Jugendbibliothek schlummern deshalb Märchen aus aller Welt, oft in der Originalprache. Außerdem finde ich neue Ideen, wie man Märchen umwandeln kann, kann entspannen und jeweils eine Ausstellung in den Burggängen zu Buchillustrationen genießen.

Wenn es rasch gehen muss

3. Münchner Stadtbibliothek

Die Münchner Stadtbibliotheken gehören nicht zum Verbund. Aber: Die haben ein Blog! Seit Mai 2016 bloggt die Bibliothek schon. Social Media habe ich bei der Stabi vergeblich gesucht, dort habe ich nur aktuelle Meldungen gefunden. Die oben zitierte innovative Kraft beschränkt sich also eher auf die Online-Bestände.

Was ich an den Münchner Stadtbibliotheken noch mag: In jedem Stadtviertel gibt es eine und alle Bibliotheken hängen zusammen. Der Weg für das einmalige, persönliche Erscheinen ist deshalb gar nicht weit. Bei mir liegt eine gleich um die Ecke. Jedes Mal, wenn ich in München umzog, zog ich unbewusst in die unmittelbare Nähe einer Stadtbibliothek. In den Präsenzabschnitt der Bibliothek – für Magazine, Zeitungen und Nachschlagewerke – springe ich daher schnell nach der Arbeit, wenn ich etwas brauche. Sonst geht so gut wie alles online.

Für die Nostalgie…

Als ich studierte, waren 90 Prozent der Zeit damit ausgefüllt, von einer Bibliothek zur nächsten zu fahren. Diejenige, die wir am meisten besuchten, hatte die größte Auswahl an Büchern.

Ok, ich geb’s zu… der Katalog war noch Zettelkasten. Schscht!

Wenn ich es also richtig nostalgisch haben möchte, fahre ich nach Wien. In die

4. Österreichische Nationalbibliothek

Zettelkasten hat sie keinen mehr.

Streife ich durch die renovierten Räume, beeindruckt mich, wie sich alles verändert hat: Kein Lesesaal mit schweren grünen Vorhängen! Keine kleine Funzel, unter der alle Studenten dem Schlummer erlagen, der sie unweigerlich im muffigen Lesesaal überfiel. Alles ist modern: der digitale Katalog, Reihen von Computern, große Glasflächen und  lichtdurchflutete Lesesäle.

Das häßliche triste Grün ist freundlichem Orange gewichen.

Nur eines ist beim Alten geblieben: Die Handschriften darf allein der Aufseher mit weißen Handschuhen vor dir blättern, während du mit Bleistift notierst. Im Extrasaal, auf Holzpanälen, im abgedämmerten Licht.

Wo Erzähler wie im Märchen leben

Nächste Station: Dinkelsbühl. Dinkelsbühl?

Ja. Auf eine Streuobstwiese in Dinkelsbühl. Dort gibt es allerdings keine öffentlich zugängliche Bibliothek, dafür einen Schatz – einen Bücherschatz. Nach Dinkelsbühl stellte die Goldmund Erzählakademie das

5. Bienenwagen-Wohnmobil

In dieser liebevoll gestalteten Bibliothek in einem Bienenwagen, finden Mitglieder des Vereins Goldmund unzählige Bücher zu Märchen, Mythen und dem mündlichen Erzählen. Gedacht ist er als „Erzähl-Lese-Rückzugsort“.

Ein Märchenparadies zum Mieten und Wohnen!

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Kokette, die alte Lady
Nebiga

Kokette, alte Lady

Kinderlachen macht sie aus, die alte LadyKinderlachen. Das ist das erste, das du hörst, wenn du durch die Straßen gehst. Verliebte laufen an dir vorbei, Frauen mit Hunden, rauchende und tratschende Freunde, kaum Schulkinder oder Studenten, dafür Nonnen und vereinzelt Touristen. Es ist kurz vor Mittag, die Universität und die Schulen sind voll, die Straßen noch verhältnismäßig ruhig. Das Grün um dich herum leuchtet.  Du fühlst die Freude all überall, siehst Schachspieler, Flieder, küssende Paare und die gleißende Sonne auf dem kupfernen Dach der Kirche.  Veliko Tarnovo, die schöne, die versteckte und natürlich auch die ruhmreiche Stadt. Sie ist nicht mehr die Jüngste, doch sie legt Wert darauf, gepflegt zu sein. Ihr buntes Kleid entspricht nicht der diesjährigen Mode, auch nicht der vom letzten Jahr und an manchen Stellen ist es verschlissen. Aber es ist noch schick.

IMG_0707Veliko Tarnovo selbst nimmt das alles und sich selbst nicht allzu ernst, nicht mehr. Dazu hat die alte Lady zu viel erlebt. Die Machtspiele der einzelnen Städte macht sie schon lange nicht mehr mit, sie interessieren nicht. Immerhin war sie 200 Jahre lang selbst einmal Hauptstadt, war Sitz des ruhmreichen Geschlechts der Assen. Ihre Burg Zarawez beherrscht noch das Bild, zeugt von dieser vergangenen Zeit, genauso wie das historische Museum. Veliko Tarnovo war im Mittelalter das kulturelle Zentrum der Bulgaren, die Universität Kyrill und Method ist aus dieser Zeit noch übrig.

1393 eroberten und zerstörten die Osmanen die Stadt, worauf die Bevölkerung in den Widerstand ging – deshalb nennt man Veliko Tarnovo, die alte Lady, noch immer „die Rebellische“. Die Dame initiierte etliche bulgarische Aufstände; die Stadt war Heimat des bulgarischen Freiheitskampfes gegen die Osmanen. Heute nennen Besucher sie „Die Alte Hauptstadt“, obwohl Bulgarien im Laufe der Geschichte insgesamt vier Hauptstädte hatte – was die Kinder pflichtbewusst aufsagen können.  Ihren Status hat Veliko Tarnovo, die ergraute Dame, also schon vor Jahrzehnten an Sofia abgeben müssen.

Trotzdem spürst du noch den alten Geist in ihren Steinen; das Selbstbewusstsein und die Leichtigkeit einer in die Jahre gekommenen Schönheit, einer Frau, die sich gehalten hat, einer Lady durch und durch. In ihrer Jugend heiß umkämpft, dreht sich „das Mädchen“ in ihr heute noch kokett, zwinkert dir zu, lockt dich, nur um sich dann Anderem zuzuwenden. „Streng dich an“, heißt das: „Ganz so leicht bin ich nicht zu haben!“ Sie hat ihren jugendlichen Charme behalten, die Lady! „Umwirb mich, lauf mir nach!“, kokettiert sie. Das graue Haar hochgesteckt, die Füße jedoch in Stöckelschuhen wie eh und je.

Und ich laufe – auf und ab, Treppen rauf und wieder runter, Berge hoch, Straßen entlang, über Brücken und Tunnel…

IMG_0591Veliko Tarnowo dreht sich im Licht, glitzert und verschwindet im Schatten, hinter einer Säule; plötzlich strahlt ein Graffiti, wechselt sich ab mit verstaubten Schaufenstern und verwaisten Türen. Dabei zeigt sich die Stadt, lockt dich und lässt dich staunen. Irgendetwas ist immer – die Burg, unzählige Parks, die Häuser am Berghang, Lichtspiele, aber vor allem ihre Freude, ihre Freude am  Sein…

Wie liebenswert sie doch ist!

Und sie weiß es, weiß es ganz genau.

©SComm Intercultural