Online Dating kurz gefasst
Leo Nerdette

5 Gründe, warum Online Dating nicht funktioniert

Alle elf Minuten… Die knallroten Plakate des Online Dating Portals, das Singles jeden Alters kennen, strahlen mir entgegen. Eines nach dem anderen, überlebensgroß. Sie säumen meinen Weg in die Stadt und täglich scheinen es mehr zu werden.

Attraktive Models lächeln von der Wand – mehr Frauen als Männer natürlich. Die Plakate wirken gut, schaffen Vertrauen.

„Ein seriöses Dating Portal“, denkt der Passant. „Vielleicht finde ich dort endlich den ersehnten Partner!“

Mir aber vergiften die Plakate den Morgenspaziergang ins Büro genauso wie abends die Fahrt zu Freunden. Denn Online Dating bringt mehr durcheinander, als wir gemeinhin denken.

Es tut nicht gut. Warum ist das so?

1. Verlieben oder Partner – was jetzt?

Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über…

JA UND? Heißt das, dass Suchende sich mit diesem Portal schneller verlieben als anderswo?

Eine Million registrierte Mitglieder gibt der Portalbetreiber an, ein Jahr hat aber immer noch nur 525.600 Minuten.  Verlieben sich also pro Jahr 47.781 Singles. Ist das schneller? Schneller als was?

Nein, nein, nein, das ist nicht gemeint.

Gemeint ist, dass alle elf Minuten die Hormone rasen und ein Single Schmetterlinge im Bauch hat. Aha!

Ist das im (realen) Leben seltener? In Deutschland leben insgesamt 16, 8 Millionen Alleinstehende, wie oft verliebt sich denn nun einer/eine davon – so ganz ohne Dating App?

Wenn ich von mir ausgehe: Die Schmetterlinge flattern schon, wenn ich jemanden ansprechen soll, den ich toll finde. Reagiert sie/er zugewandt und nett, bin ich verliebt. Kurzfristig. Ich bilde es mir jedenfalls ein.

Doch die meisten Singles haben völlig etwas Anderes im Blick, wenn sie sich bei einem Online-Dating Portal anmelden. Sie sehnen sich nach Liebe, Beziehung und einem erfüllten Leben.

das sehnen nach glückMit genau diesen Sehnsüchten spielt Online Dating. Die Werbeplakate machen das deutlich. Perfid ist, dass für unser Kopfkino ein Satz genügt, der nichts aussagt und den wir mit nichts vergleichen können; kombiniert mit einem Bild von einem Model und dem knalligen Hintergrund. Den Rest reimen wir uns selbst zusammen:

  • Das Portal hilft mir, den/die Richtige/n zu finden
  • Die schaffen sicher schneller, was ich bisher nicht konnte
  • Das erleichtert meine Beziehungssuche, die Suche nach Zweisamkeit, nach Glück.

Zur Sicherheit lächelt Model vom Plakat, die unterschiedlich aussehen, damit die Werbung den Geschmack von möglichst vielen Singles trifft. Das unbewusste Sehnen löst ja nur jemand aus, der uns gefällt – und das schafft er/sie bei Menschen jeden Alters. Je mehr Models, desto größer die Zielgruppe.

2. Online Dating erhöht die Auswahl

Das ist doch gut! Je mehr Auswahl, desto besser das Ergebnis. Da finde ich bestimmt den/die Richtige .

Dieses Argument ist laut Statista der am häufigsten genannte Grund, warum Online Dating zunehmend beliebter wird. Leider ist es ein Trugschluß. Eine große Auswahl führt

  • zu innerer Lähmung. Wir können uns nicht mehr entscheiden.
  • zu schlechteren Entscheidungen. Der Auswahlstress ist so groß, dass das Gehirn sich nur nach einem einzigen Kriterium orientiert.

Dieses Phänomen bezeichnet die Psychologie als Auswahl-Paradox. Auf den Partnerschafts-Seiten zeigt sich das folgendermaßen:

Männer wissen zwar genauso gut, welche Eigenschaften ihre Traumfrau haben soll, wie jene Frauen, die Listen über ihre Traummänner führen, doch vergessen sie auf einem Flirtportal diese Ideen. Es zählt letztendlich nur ein einziges Kriterium: Die Attraktivität.

Wie Parship- und Elitepartner-Gründer, Arne Kahlke, in einem Interview in Magazin Die Zeit erzählt, finden Männer jeden Alters Frauen zwischen 20 und 30 am attraktivsten. Deshalb tummeln sie sich verstärkt in dieser Altersgruppe. Es spielt für viele von ihnen daher keine Rolle, ob sie aufgrund ihrer Erfahrungen, Wünsche und Lebensumstände mit Frauen anderen Alters besser zusammen passen würden.

Wenn wir Frauen jetzt glauben, wir wären weiser in unseren Entscheidungen, entäuscht die Praxis. Passiert einem Kandidaten nämlich ein Rechtsschreibfehler, ist das für viele von uns schon ein Ausschließungsgrund. Wie es scheint suchen wir mehrheitlich nach einem Akademiker mit Orthografiekenntnissen.

Tatsächlich ist es auch so: Frauen streben überdurchschnittlich oft nach dem gebildeten Ernährer. Dies hat eine Langzeit-Studie über das Verhalten von Online-Daterinnen herausgefunden. Und das, obwohl sie sich  selbst schon längst bestens versorgen können und eigentlich jemand wollen, der verständnis-, humor- und rücksichtsvoll ist. Würde nicht das evolutionstechnisch begründete Wahlkriterium „Ernährer“ den Ausschlag geben, würden wir uns für denjenigen entscheiden, der unser Leben bereichert.

3. Unterstützt sozial gestörtes Verhalten

Wer online Partner sucht, kann sich nicht wehren. Passt dem Gegenüber etwas nicht, bricht es häufig den Kontakt ohne Erklärung ab und wendet sich neuen Kandidaten zu. Es gibt ja so viele.

Online gilt das als „normales“ Verhalten.

Der Kommunikationsabbruch schwingt unangenehm nach, besonders dann wenn man nicht weiß, warum die/der Andere schweigt. Auf Dauer beeinträchtigt er sogar uns im realen Leben. Nach einigen Abbrüchen weigert sich unser Selbstbewusstsein , draußen in der Welt Leute anzusprechen, weil es von vornherein mit Ablehnung rechnet.

Verletzendes soziales Verhalten – massenhaft und täglich ausgeführt  – wird nicht menschenfreundlicher, weil es alle tun und viele es für normal erklären. Es verändert über die Jahre die soziale Kompetenz einer Gesellschaft.

4. Die Fehler hat der Andere

Die Suche scheitert, wieder und wieder… woran es liegt? Wir haben kaum Zeit, uns zu fragen. Sollten wir einmal innehalten und an uns zweifeln, schieben wir die „Fehler“ flott hinüber zum Anderen. Es wartet ja schon das nächste Profil, der vielversprechende Chat, ein tolles Foto.

Fehlertoleranz, Lachen über Missverständnisse, längeres Beobachten, ob eine Gewohnheit hinter schlechtem Benehmen steckt oder eher eine einmalige Verkettung von Umständen schuld daran ist – das alles findet online kaum Platz.

Je länger man in solchen Online-Dating-Plattformen Mitglied ist, desto abgestumpfter wird man. Ein neues Mitglied beantwortet anfangs noch alle Mails, doch nach einer Weile geht ihm die Luft aus. Nach einigen Wochen fängt die Selektion bei den Profilen an. Erst wenn alles passt, wird geantwortet.  Irgendwas findet sich immer:

Hat das witziges Motto nicht verstanden? Weg. Zu große Ohren? Weg. Zu viele Selfies in der Galerie? Weg. Einen Meter 70 groß? Weg. Kurze Haare? Lebt 200km weit weg? Entspricht nicht exakt dem, was du dir vorgestellt hast? Wegwegweg…

Perfektionismus hat nichts damit zu tun, den richtigen Partner für eine erfüllte Beziehung zu bekommen. Für genau die Beziehung, wie ich sie mir in meinen einsamen Stunden ausmale. Manchmal gleicht diese übrigens jener, die schon vor einiger Zeit zu Ende gegangen ist.

Nein, Perfektionismus ist meine eigene Weigerung voranzugehen. Online Dating hält mich davon ab hinzusehen, wie es zum Scheitern des Kennenlernens kam. Es liegt ja am Anderen. Ich muss nur den/die Richtige/n finden.

5. Online Singlebörsen fressen Zeit

Uhren bestimmen Mann„Vielbeschäftigt wie ich bin, bleibt mir wenig Zeit, einen Partner in der realen Welt zu suchen. Für mich ist Online Dating ideal.“

Ist es nicht.

Die Zeit, die es braucht, um durch Profile zu klicken, Nachrichten zu schreiben und nachzudenken, was witzig, interessant und verführerisch klingt, genau diese Zeit braucht es, sich mit jemanden beim Bäcker, in der Mittagspause, in der Bahn oder beim Sport zu unterhalten.

„Keine Zeit“ ist die beliebteste Ausrede unserer Zeit – für Unaufmerksamkeit, Rücksichtslosigkeit und die Angst unter Leute zu gehen. Manchmal haben wir tatsächlich viel zu tun, aber das hat wenig Bedeutung. Um jemanden kennen zu lernen, müssen wir einzig und allein neugierig und offen sein.

Das sind wir nicht immer gleich nach einer gescheiterten Beziehung – und manchmal auch dann nicht, wenn wir denken, wir wären schon bereit für eine neue. Online Dating hilft uns, die Augen zuzuhalten, damit wir da nicht so genau hinsehen.

Wir tummeln uns täglich im Portal. Anstatt ein erfülltes Leben zu genießen und Leute kennen zu lernen, führen wir uns ständig vor, was „fehlt“ und bilden uns ein, es online zu finden. Das gehört zur virtuellen Illusion.

Aber XYZ hat sofort den Partner fürs Leben gefunden!

Versteh mich nicht falsch: Ich weiß, dass man mit Online Dating Erfolg haben kann. Ich behaupte auch nicht, dass offline alles einfacher ist und wir digital ignorieren sollen. Nur ist Leben und Partnerschaft zu kostbar, um auf ein Online Dating Portal zu setzen.

Zukunft des Online Datings?

Matthew Hussey, DER Dating-Coach in USA, bezweifelt ebenfalls die Nützlichkeit der Online-Dating Portale, obwohl er und seine Kundinnen keineswegs digitalabstinent leben. Er träumt die Entwicklung im Dating-Business deshalb weiter.

Schau dir an, was die Zukunft bringt… 😉

Und schreib mir! Was hast du für Online Dating Erfahrungen gemacht?

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Märchen trifft auf Philosophie und Wahrheit
Tipp

Märchen trifft auf Philosophie und Wahrheit

Trifft das Märchen auf Philosophie, kommen Fragen auf – die richtig großen Fragen für besinnliche Abende.

Für jene Abende also, an denen du mit Freunden über Gott und die Welt und das Leben diskutierst. An Adventabenden, vor Glühweinständen und am Weihnachtsmarkt.

Oder du kuschelst dich in deine Flauschdecke am Sofa. Ist sowieso zu kalt, zu nass und zu dunkel draußen.

Leg dein Smartphone zur Seite. Heute lesen wir ein Buch!

Märchen trifft auf Philosophie

Wer in den deutschsprachigen Landen Sagen und Märchen liebt, weiß um den Schriftsteller Michael Köhlmeier. Er ist DER Erzähler, auf den du dich beziehen kannst, wenn du etwas zu griechische Götter, Halbgötter und dem Olymp wissen willst.

Die Gründe:

In diesem Sagen- und Märchenumfeld bewegt sich dieser österreichische Autor und Erzähler. Gut.

Was hat Konrad Paul Lissmann dort verloren?

Der Villacher ist Universitätsprofessor für „Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik“ an der Universität Wien.

2014 hat er sich aufgemacht, die Praxis der Unbildung näher zu beleuchten. Da der streitbare Essayist auf einen ironischen Verstand baut, ist diese Streitschrift polemisch, klar und durchdacht. Er spricht aus, was er vom Bologner Prozess hält und bringt es auf den Punkt. Realität pur.

Mythen und Märchen, Magie, Götter… das alles kann man sich bei ihm eigentlich nicht vorstellen.

Wenn sich zwei treffen, freut sich der Dritte

Trotzdem haben sich die beiden zu einem gemütlichen Abend zusammen gefunden: Der Dialog zwischen ihnen ist zu einem Buch geworden: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Mythologisch-philosophische Verführungen nennen die Autoren es.

Eigentlich ist es aber ein Spaziergang. Wir flanieren mit Köhlmeier und Lissmann einen Abend lang durch die Themen eines Menschenlebens: Arbeit, Macht, Lust, Schönheit, Meisterschaft…

Köhlmeier erzählt, Lissmann interpretiert

„Märchen sind alte Geschichten, bestenfall tauglich für Kinder“, mögen die einen sagen, „unrealistisch, nur zur Unterhaltung da.“

Wir hören vielleicht an einem verschneiten Samstag Nachmittag zu, weil eine gut erzählte Geschichte eben „eine gute Geschichte“ ist.

Wenn sich allerdings die Philosophie der Geschichten, der Märchen und Sagen annimmt und zeigt, was noch alles  in ihnen steckt – ja dann…

dann…

erfahren wir, was Märchen eigentlich sind:

  • Vorlagen zum Denken
  • Antwort auf Lebensfragen
  • Lebensfreude
  • Bewährte Erinnerungen
  • Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses
  • Interpretationsspielraum
  • Ein Eckchen Weisheit

Und wenn du jetzt ein klein wenig die Nase rümpfst, weil – so richtig ernst nehmen, kannst du das alles nicht –  und wenn das alles für dich bloß weihnachtlicher Zeitvertreib und eigentlich Unsinn ist:

Macht nix, du hörst ja trotzdem zu! 🙂

Denise Weyermann: Als das Märchen die Wahrheit trifft:

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Unterirdische Stadt Buchhaim
Tipp

Die unterirdische Stadt von Buchhaim

Menschen leben oberhalb der Erde, sie bauen seit Generationen höher und höher. Es ist, als würden Luft und Ausblick uns nach oben treiben, als könnten wir gar nicht hoch genug kommen und weit genug sehen. Das Oben einer Stadt gibt ein Gefühl von Freiheit: Danach sehnen wir uns. Das Unterhalb ist weniger verlockend: Von den Leitungen, der Kanalisation, den Katakomben, Schächten und U-Bahn-Röhren sprechen wir kaum. Die unterirdische Stadt existiert, aber eher als Gegenspieler von jener da oben.

Wir dulden sie, wissen aber kaum etwas über sie. Unterirdische Städte bleiben oft unerwähnt, viele sogar unerforscht. Deutlich wird das, wenn wir mit ihnen konfrontiert sind.

Die Leser zum Beispiel, die das im November erschienene „Comic-Buch“ von Walter Moers erstanden haben – den ersten Teil seiner zweiteiligen Graphic Novel „Die Stadt der Träumenden Bücher“.

In ihm spielt die unterirdische Stadt von Buchhaim die Hauptrolle; der Teil der berühmten Bücher-Stadt, der für Bücherjäger und Dichter am ergiebigsten ist.

Im Januar erscheint dann Teil 2 des Comics. Ideal also für Geschenkejäger und  all diejenigen, denen normalerweise an den letzten Tagen vor Weihnachten immer noch ein Präsent fehlt:

  • Teil 1 eignet sich als handfestes Geschenk für Heiligabend,
  • die Vorbestellung von Teil 2 lässt sich gleich miterledigen – als Geschenksverlängerung.

Auf diese Weise hält die Freude beim Beschenkten länger an ?.

Farbenfroh: Hildegunst und seine Abenteuer

Stadt der träumenden BücherMit seinem Roman „Die Stadt der träumenden Bücher hatte Moers, der Comiczeichner und Erfinder von „Käpt’n Blaubär“ und dem „Kleinen Arschloch“, einen Riesenerfolg. Er schuf eine eigenwillige Welt – eine, in der Saurier leben, die der Kultur des Dichtens frönen. Man sagt, Moers erklärte mit diesem Buch seine Liebe an das Lesen.

Im Roman steigt der Protagonist, Dichtersaurier Hildegunst von Mythenmetz, also in die unterirdische Stadt von Buchhaim – in die Katakomben, Kammern, Kathedralen-Räume. Er erkundet die Schattenwelt und findet Buch- und Dichtkunst.

Vom Dunkel, das nicht mehr los lässt

Bücherliebhaber und Leseratten fallen dieser Unterwelt zum Opfer: Sie verschwinden für Tage oder Wochen, ganz egal wie schön die Sonne oben auch scheint – und nicht alle kommen blinzelnd hervorgekrochen, wenn es zu essen gibt.

Sie verirren sich mit Hildegunst von Mythenmetz in den Labyrinthen, suchen Gänge, Räume und Bücher… und genauso wie der Erzähler verlieren sie sich in der Geschichte von Schutz, Flucht und Wissen. Die unterirdische Stadt birgt fast mehr Leben als die oben.

Genau diese unterirdische Stadt hat Moers über mehrere Jahre hinweg gemeinsam mit dem Illustrator und Comiczeichner Florian Biege jetzt in eine Graphic Novel übertragen. In Farbe und mit Perspektive. Fachlich gesprochen – „mit Tiefe“. Wer den Roman kennt, ist verblüfft, wie Orte, Räume und Figuren sich dadurch verändern.

Hildegunst in der Oberstadt

Eine unterirdische Stadt im Teamwork geschaffen

Um die besondere Lebhaftigkeit zu erreichen, die selbst eingefleischte Comicgegner zu einem vorsichtigen „Schon gut gemacht!“ verführt, war Teamarbeit nötig. Manchmal arbeiteten nur Moers und Biege an der Umwandlung, manchmal aber auch noch mehr Leute.

Vor jedem ausgearbeiteten Bild gab es das Szenario von Moers – er arbeitete den Text um und erstellte für jede Seite eine Skizze mit Bleistift, die schon direkt mit Sprechblasen versehen war.

Danach folgte Biege. Er schuf eine Computerskizze, um den groben Aufbau des Bildes zu klären. Von diesem Entwurf ausgehend, besprachen die beiden jeden Schritt einzeln. Auf diese Weise koordinierten sich die beiden und gelangten schließlich zum fertigen Bild.

Das dauert. Zahlt sich aber aus!

Tipp für den 6. Dezember

Das Geschenk in letzter Minute: Jetzt bestellen!

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Goldmund Erzählfest
Tipp

Kunde vom Goldmund Erzählfest

Die Zutaten sind denkbar einfach: Sechs Erzähler, sieben Geschichten, ein Publikum. Etwas Musik kommt noch dazu und eine kahle Bühne mit einem grün-weichem Teppich. Einem, der nachgibt, wenn man darauf steht, geht und erzählt. Ach ja, bevor ich die Gewürze vergesse: und viele, viele Schlüssel. Daraus rührt die Goldmund Erzählakademie ihr Goldmund Erzählfest.

Goldmund Erzählfest

Wenn einer was erzählen kann… dann hören wir ihm zu. Sind still, lauschen, staunen, zweifeln, zaudern, lachen, weinen, schämen und fürchten uns mit der Geschichte. Wir schippern in der Nordsee, versuchen eine goldene Schraube loszuwerden, verstecken einen Silberlöffel im losen Brett des Bodens, lieben Emma und Fritz soooo sehr. Wir wundern uns, wer den besten Platz im Himmel bekommt und fragen, wo die eine, bestimmte Eiche steht. Wir leben mit – mit den Geschichten, die uns einer erzählt. Manche Geschichten öffnen Herzen…

Bei Erwachsenen ist das nicht anders als bei Kindern. Nur bei Kindern lächeln wir, wie still es plötzlich wird, wenn die Kindergärtnerin im Erzählkreis eine Geschichte erzählt. Wie Kinder, die sonst eher zurückgezogen sind, mitmachen und nachfragen oder solche, die gewöhnlich herumtoben, darauf warten, wie es weiter geht. Doch die Erwachsenen warten auch: auf die Pointe, auf die nächste Wendung, den verblüffenden Ausgang.

Das macht das Goldmund Erzählfest zum Fest! Es ist ein Reigen für unsere Sinne, jede Geschichte ein Tanz, jeder Erzähler ein Freund oder eben jemand, dem wir gerne lauschen.

Aber auch ein Erzählwettstreit

Erzählwettbewerb deshalb, weil die Geschichten um die Gunst des Publikums werben.  Unter PoetrySlams schlich sich das schon in der Antike bekannte Format in die heutige Gedicht- und Liederszene. Das zweimal im Jahr stattfindende Goldmund Erzählfest wirft wie damals aber keine Gedichte in die Menge, sondern eben in Bilder gemalte Geschichten.

Wer das Goldmund Erzählfest besucht, erhält zwei kleine Schlüsselchen. Die Schlüsselchen zu ihrem/seinen Herzen. Die beiden Erzähler, die sie/ihn mit ihren Geschichten am meisten berührt haben, bekommen diese dann in der Pause. Wer am meisten Schlüsselchen erhält, erzählt die Gute-Nacht-Geschichte!

Gestern im Stemmerhof

Das dieswinterliche Goldmund Erzählfest läutete gestern ganz pünktlich den Advent ein:  Jetzt ist ja traditionell die Zeit für Geschichten- und Märchen. Aber ganz ehrlich…

Wie sehr spielt das Erzählen von Geschichten heute noch eine Rolle?

Am besten du fragst das gestrige Publikum! Warte – wart“… kommst du nicht zu Wort?

Tja… nichts ist so anregend, wie auf dem Nachhauseweg zu erzählen, was so berührend, so beeindruckend, befremdlich oder aufregend war. An diesen Geschichten.

Welchen?

Na also, da war einmal…

Tipps für den 2. Dezember

Der Erzählwettstreit – hausgemacht: Heute lade spontan Freunde ein! Sicherlich gibt es bei dir irgendwo ein Märchenbuch: Grimms Kinder- und Hausmärchen zum Beispiel oder die Kunstmärchen von Hans Christian Andersen. Wenn nicht, weil die Bücher in deinem Haus gerade erst im Kaffee ertrunken oder gar ausgewandert sind, bediene dich hier. Such dir eines aus und gib allen davon eine Kopie. Jede/r bekommt zehn Minuten, dann erzählt ihr es reihum. Vorgabe: Nicht länger als 7 Minuten stehen dafür zur Verfügung. Wenn alle durch sind, prämiert ihr den Erzähler, der euer Herz erwärmt hat. Dazu gibt es Kekse und Glühwein- und viel Gesprächsstoff!

  1. Variante: Lege Papier, Stifte und Malutensilien bereit. Du erzählst bzw. liest ein noch nicht so bekanntes Märchen vor. Jede/r wählt danach eine Szene, eine Figur aus und malt sie in maximal 15 Minuten. Danach präsentiert sie/er sein Bild und begründet, warum sie/er gerade diese Szene, diese Figur ausgesucht hat. Auch hier wählt ihr den Schlüssel zu eurem Herzen. Zum Malen vergiss die Musik nicht!
  2. Variante: Spielt Scharade! Die Vorgabe: Die Wörter dürfen nur aus der Märchenwelt stammen. Sind nur Erwachsene in der Runde und kennen sie ihre Märchen, gilt es, nicht nur die Wörter zu erraten, sondern auch das Märchen, aus dem es stammt.
Jan Blake erzählt
Nebiga

Frau vs Mann: Wie Jan Blake erzählt

Jan Blake erzählt traditionelle Geschichten: Märchen, Sagen, Legenden. Ihre Geschichten rollen wie Lawinen über den Hang. Sie beginnen mit einem Schneeball, mit einem ganz kleinen: Zuerst schubst Blake ein Wort ins Publikum: „crick“ ruft sie und sie verlangt ein „crack“ zurück.

CRICK – crack… Nein, sie ist nicht überzeugt. Crack sagt ihr nämlich, ob und wie sehr wir die Geschichte tatsächlich hören wollen. Wir müssen den Schneeball weiter schubsen, sonst tut sich nichts…

CRICK – crack – CRICK! – CRACK!

Es war einmal…, beginnt Blake. Der Schneeball kommt doch noch ins Rollen…

Blake erzählt von der Leopardenfrau

Wenn Frauen mit ihren Männern durch die Savanne ziehen, sind die Rollen in unserer Vorstellung oft noch immer  klar verteilt: Das Baby liegt an IHRER Brust, ER geht jagen. Die Frau kocht, was er ihr bringt. Sonst aber tut sie, was er sagt. Er sorgt ja für ihre Sicherheit.

Doch Blake erzählt, wie’s ist, wenn der Mann meint, es sich mit seiner Leopardenfrau bequem zu machen.

Geschichten über Gestaltwandler sind beliebt – Tiere, die sich in Menschen verwandeln; Füchse, Wölfe, Tiger. Natürlich auch in Westafrika, in der Karibik und im arabischen Raum. Oft sind es dort die Frauen, die sich verwandeln. Aus diesen Regionen kommen die Märchen und Legenden, die Blake erzählt. Viele handeln von Frauen, die anders sind; von ihrer Stärke und dem Mut, den sie in sich tragen.

Die Leopardenfrau darf da nicht fehlen.

Wie kommt man zum Erzählen?

Eigentlich, erzählt Blake, eigentlich begann es vor dreißig Jahren. Ich war bankrott und brauchte Geld. So begann ich Geschichten zu erzählen.

Dahinter steckt ein bisschen mehr. Ihr Talent, ihre Freude und eine Neugier auf die Kultur ihrer Ahnen. Die Britin ist ein Migrantenkind – in 2. Generation, wie es so schön heißt. Die Geschichten, die sie als Kind gehört hatte, kamen aus Jamaika, aus Ghana, aus Togo… Geschichten, die mit den Sklaven über Jahrhunderte weiter gewandert waren und die schließlich ihre Eltern nach Großbritannien mitgebracht haben.

Für das Kind blieb aber unverständlich, warum die Märchen aus Ghana vertrauter waren, als die, die  englische Lehrer und Schulkameraden erzählten. Jan Blakes Entscheidung für den Beruf der Märchenerzählerin gab ihr die Möglichkeit, Wurzeln zu erforschen; über Märchen und Legenden eine fremde und doch vertraute Welt zu betreten.

In den dreißig Jahren, so erzählt Blake, wandelten sich ihre Geschichten. Suchte sie anfangs hauptsächlich, was unterhielt, erzählt sie heute Geschichten, um etwas weiter zu geben: Erkenntnis vielleicht, Lebensweisheit, Wissen… die Essenz.

Von Geben, Nehmen und dem Dialog

Geschichtenerzähler sind keine Schauspieler. Sie leben aber mit ihrem Publikum genau wie diese; das Publikum trägt sie beim Erzählen weiter. Seine Aufmerksamkeit fordert ihre Fantasie, ihr Können, ihre Stimme, ihre Fabulierkunst und ihr Körperspiel. Das Publikum gibt Stichworte, reimt mit, singt.

Wer auf seinem Stuhl sitzen bleibt, wenn Jan Blake erzählt, hat nicht verstanden. Er spürt nicht, dass er dazugehört, ein Teil ist – aktiver Teil der Geschichte. Nur mit Hilfe der Zuschauer entwickelt sie sich.

Nur gemeinsam mit dem Publikum rollt der Schneeball weiter und weiter…. auf die Herzen der Zuhörer zu; dorthin, wo die Lawine  letzendlich zerstäubt und in der Wärme schmilzt.

Das Glitzern aber bleibt zurück. Das Glitzern der Leopardenaugen!

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Lesereise nach Bulgarien
Tipp

Buchtipp: Lesereise nach Bulgarien

Manchmal genügt eine Lesereise und du glaubst, mit den Menschen in einem Land völlig vertraut zu sein. Wem das passiert, ist an einen Autor geraten, der das Land und seine Leute liebt. Bulgarien hat zwei wunderbare Fürsprecher in der deutschsprachigen Autorenzunft. Einer davon ist Thomas Magosch. Er schickt uns auf eine Lesereise, die den alltäglichen Absurditäten Bulgariens Stimme und Gesicht verleiht.

Wenigstens eine Lesereise nach Bulgarien

Ganz am Rand Europas gelegen, war es immer schon ein Reiseland. Das hat sich nicht geändert. Nach Bulgarien im Sommer an das Schwarze Meer zu fahren, heißt sich mit tausenden Touristen den Strand zu teilen. Party, Bier und Liebeständeleien auch. Russisch, Deutsch und Englisch – alles sprudelt durcheinander. Bulgarisch bekommt man an den Goldstränden weniger zu hören. Braucht es ja auch nicht – mit der Schrift hat der ein bis zwei Wochen bleibende Tourist eh genug zu tun. Wer kann schon kyrillisch entziffern?

Wem es zuzuhören lohnt

Thomas Magosch aber hat im Herzland des Balkan ein paar Jahre verbracht. Mit seiner Familie und allein bereiste er Bulgarien, fuhr nicht nur an den Goldstrand, sondern auch nach Targowischte, Kowatschewitza, Melnik, Sofia und Verniko Tarnowo. Auf seinen Reisen sprach er mit Musikern, Taxifahrern, Mönchen, Hausmeistern und Wahrsagern; mit Menschen, die etwas Geschichten, Legenden zu erzählen und auch sonst einiges zu sagen haben. Magosch porträtiert, fragt nach, hört zu und zeichnet das Miteinander.

Lesen, lauschen, kennenlernen

Drei Frauen läuten die Glocken der Nemski-Kathedrale in Sofia, hoch oben im Turm. Unter ihnen die wahrscheinlich älteste Glöcknerin der Welt. Ihr Blick ist einer von vielen. Einer, der nichts beschönigt, nichts verheimlicht und nichts mehr allzu wichtig nimmt. Nur eines…

Alles beginnt und endet mit den Glocken!

sagt sie, und trotzdem trägt sie keine Uhr. Auf eine Minute mehr oder weniger kommt es nicht an.

Mein Tipp: Thomas Magosch: Bulgarien: Das gebrauchte Zepter am goldenen Sandstrand  

 

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Nebiga

Energie aufladen für den Endspurt!

Ein Moment zum Energie aufladenBevor es richtig losgeht mit meinem Märchen, brauchen wir noch einen Moment: Wir müssen unbedingt Energie aufladen.

Mit Fasching haben wir nämlich nicht gerechnet, als wir die 28 Days of Blogging Challenge angenommen haben. Die Redaktion hat uns auch nicht erinnert. Was uns jetzt in Schwierigkeiten bringt.

Bleibt heute die Frage: Wie bringen wir uns doch noch in die richtige Stimmung zum Schreiben? Noch 4 Tage!

Wie können wir Energie aufladen?

Unsere Antwort: Eine Partie Blödelscrabble…

Die können wir nur empfehlen!

Scrabble am Computer geht auch. Manche sagen, es macht einen Ticken weniger Spaß, aber wir sind keine Experten.

Wir wissen nur eins: Lachen macht den Kopf leicht…

Bei dieser Gelegenheit auch ein Dankeschön an alle, die überhaupt ermöglicht haben, täglich zu bloggen.

Unser ganz besonderer Dank gilt unserem Scrabblepartner! Er meinte auch heute noch:

Ihr schafft das!

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Falschmeldungen erkennen
Leo Nerdette

Wie erkennst du Falschmeldungen?

Sie geistern als Fakenews durch die mediale Welt: Falschmeldungen. Angeblich sind sie besonders häufig in den digitalen Medien anzutreffen – vor allem in den sozialen Netzen. Eine solche Falschmeldung heißt seit Beginn des Internets Hoax.

Sie muss nicht einmal mit einer Absicht dahinter im Netz gelandet sein. Es reicht, dass irgendjemand etwas behauptet, von dem er überzeugt ist, aber sich nicht die Mühe macht, es mit Fakten zu belegen. Weil Falschmeldungen auch eifrig geteilt werden, also schon mal „viral“ gehen, überzeugen sie andere.

Warum sind Fakenews in aller Munde?

Donald Trump bezeichnet grundsätzlich alles als Falschmeldung, was ihm jetzt medial nicht so in den Kram passt. Er beendet gern seine Twitter-Kommentare mit „Fakenews“. In USA werfen sich zurzeit die Medien und Trump gegenseitig vor, Lügner zu sein.

Eine ähnliche Taktik schwappt über manche Politiker auch nach Deutschland. Und die Medien versuchen sich dagegen zu wehren.

Bleibt die Tatsache: Falschmeldungen kommen immer wieder vor. Wir erkennen sie aber oft nicht.

Daher sollten wir uns in den sozialen Netzen den folgenden Fragen stellen:

  • Woran sehen wir Normalsterbliche, dass der Post von einem Freund ein Hoax ist?
  • An welchen Kriterien erkennen wir, ob in dem Post auch die Fakten stimmen?
  • Wann sollten wir einen Post melden, auch wenn ein Freund ihn geteilt hat?

Ein Verein kämpft gegen Falschmeldungen

Falschmeldungen entlarven, verdrehte Inhalte klarstellen, auf Nutzerprobleme reagieren – das ist mittlerweile eine Leben füllende Tätigkeit: Ein Verein mit Sitz in Wien hilft, Falsches von Fakten unterscheiden zu lernen. Die private Initiative mimikama beschäftigt  zwei hauptberufliche Fake-Aufklärer und 17 Ehrenamtliche in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. 100 bis 120 Falschmeldungen bearbeiten sie täglich.

Sie wissen daher ganz genau, wie wir Fakenews erkennen können: Hier sind ihre Tipps!

Wenn du trotzdem unsicher bist, ob du den einen Post weiterleiten sollst:

Das gelungenste Werkzeug des Vereins ist Hoaxsearch, die Suchmaschine für Fakes im Internet.

Mit ihr sollten wir viral gehen!

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Auf der Suche nach Wahrheit
Leo Nerdette

Wer sich heute auf die Suche begibt…

Die Suche nach Wahrheit? Wer sucht heute noch nach Wahrheit?

In den Tagen von #Fakenews weiß keiner mehr, was wahr ist: Derjenige, der am lautesten schreit, bekommt Recht. Derjenige, der mächtig ist und seine Interessen mit allen Mitteln – auch mit Lügen – durchsetzen will, bestimmt.

Dieser Mechanismus funktioniert zurzeit in Ungarn, in der Türkei, in Syrien, in den USA… überall dort, wo sich totalitäres Denken durchzusetzen beginnt.

Plötzlich tauchen Begriffe auf wie „postfaktisch“, wie „alternative Perspektiven“ oder „Tatsachen mit Spielraum“.

Wahrheit… die eine Wahrheit gibt es nicht, sagen die Leute. Es kommt eben auf die Perspektive an, aus der man etwas sieht. Es gibt so viele verschiedene Sichtweisen… wer kann schon wissen, was wirklich wahr ist? Wozu also sollte ich mir die Mühe machen, es herauszufinden.

Jeder, der so argumentiert, vergisst diejenigen, die sich tatsächlich auf die Suche nach einer möglichst allgemein gültigen Wahrheit begeben. Menschen, die ihr Leben dafür geben. Für etwas, das bloß ein Konstrukt ist – aber eben ein gültiges – Menschen, die sich auf die Suche nach Wahrheit machen.

Und sie bezahlen teuer, damit wir diese Wahrheit bekommen.

Wieviel Angst kostet Wahrheit?

Als sich die Lifttüre öffnete, entdeckte die Nachbarin ihre Leiche. Zwei Kugeln steckten in der Brust, eine in der Schulter und eine im Kopf.

Anna Politkovskaja rechnete mit ihrer Ermordung. Sie hatte Angst, lebte ständig mit ihr.

2005 sagte sie auf einer Konferenz zur Pressefreiheit:

Manchmal zahlen Menschen mit ihrem Leben, wenn sie laut sagen, was sie denken; manchmal sogar, wenn sie mir Informationen weitergeben. Ich bin nicht die einzige, die in Gefahr ist.

2001 floh sie zum ersten Mal aus Angst nach Wien: Ein Polizeibeamter wollte Rache nehmen. Politkovskaja hatte ihn beschuldigt, für Gewalttaten in Tschetschenien verantwortlich zu sein.

Lange hielt es sie jedoch nicht; sie kehrte wenige Monate später wieder nach Moskau zurück.

Trotz der Bedrohung… trotz der Angst um ihr Leben. Trotz der Anschläge, die sie überlebt hatte.

Ihre Freunde sprechen von mindestens neun.

Sie hätte sich ihr Leben leichter machen können: Als US-amerikanische Staatsbürgerin hätte sie sich eigentlich nicht darum kümmern müssen, wie Russlands Wahrheit aussieht.

  • Was also trieb sie zurück?
  • Was ließ sie im Gegensatz zu vielen anderen keine „Wahrheit“  akzeptieren, die einem Großteil der Betroffenen die Stimme nimmt?

Wie Demokratie erlischt

In ihrem posthum erschienen Russischen Tagebuch macht Politkovskaja den Anfang vom Ende an einem Ereignis fest. Ihr gilt es als das Ende der Demokratie in Russland: Die Geiselnahme von Beslan.

beslanb_2007_09_01Am 1. September 2004 um 9:30 Uhr stürmte eine Gruppe von Geiselnehmern die Mittelschule Nr. 1, in der Schüler im Alter von sieben bis 18 Jahren unterrichtet wurden.

Der 1. September ist in ganz Russland Schulbeginn, an dem die Erstklässler in Anwesenheit der Eltern und zukünftigen Mitschüler feierlich begrüßt werden. Oft kommen ganze Familien, um der Zeremonie beizuwohnen.

Drei Tage später beendeten russische Einsatzkräfte die Geiselnahme, indem sie das Gebäude stürmten. Dabei starben Kinder wie Erwachsene. Soweit lässt sich sagen, dass sich die Darstellungen gleichen.

Dann aber begann ein mühsames Ringen, um das, was wa(h)r.

Politkovskaja machte sich auf, Hintergründe zu erfahren. Sie wollte zeigen, was bevorsteht, wenn sich autokratische Machtmenschen politisch durchzusetzen verstehen.

Nur eine gründliche Suche zählt

Der Journalistin war bewusst: Sie würde nicht annähernd an die Wahrheit herankommen, wenn sie in ihrem Moskauer Büro blieb und offiziellen Kundmachungen lauschte.

Sie brach auf – mit drei harten Broten, drei Wanderstecken und drei Paar eisernen Schuhen, wie es in einem der beliebtesten russischen Märchen heißt, dem Märchen Das Federchen des Finist Hellfalke. In ihm sucht das schöne Mädchen ihren Geliebten Finist – den Phönix, der alle 500 Jahre aus der Asche wiedergeboren wird.

Für Politkovskaja bedeutete diese Suche vor allem Recherchearbeit vor Ort:  Jedes noch so kleine Stückchen Information offizieller Stellen musste überprüft werden.

  • Waren es nun 130 (offiziell) oder doch über 1000 Geiseln, wie Zeugen berichteten?
  • Die Anzahl der Geiselnehmer schwankte erheblich, man einigte sich schließlich auf mindestens 32.
  • Waren tatsächlich Araber unter ihnen, wie Armee und OMON-Spezialeinheiten durchsickern ließen?
  • Oder waren es ausschließlich Tschetschenen, wie die Betroffenen behaupteten.
  • Sogar die Zahl der Toten war umstritten: 331 nannten die Behörden, 394 wurden allein in einem Krankenhaus gezählt, 900 vermuteten Hilfsorganisationen.

Politkovskajas Ohr galt dem Erlebten

Was Politkovskaja für all jene, die behaupteten, die Wahrheit zu kennen, so gefährlich machte, war ihr Wissen darum, dass diese behauptete Wahrheit ohne die Stimme der Betroffenen gar nicht wahr sein kann; dass behauptete Tatsachen auch das Skelett für ein anderes Konstrukt – der Propaganda – bilden können.

Sie hörte Müttern zu, die ihre Kinder verloren hatten, Vätern, die mit diesen weinten; spürte die Trauer, die Angst und die Wut über die Verdunkelungstaktik der zuständigen Behörden. Diese Eltern wollten wissen, wie ihre Kinder gestorben waren. Doch die Behörden speisten sie mit Worthülsen ab.

Die Wahrheit stand auch für Politkovskaja nicht unveränderlich und absolut da.

Aber es gehörten Fixpunkte dazu, die nicht beiseite gewischt werden konnten: Geschehnisse in Russland, die zur Geiselnahme geführt haben. Verantwortlichkeiten. Zusammenhänge und auch aufgestaute Gefühle. In Tschetschenien, im ganzen Land.

All das versuchte die Journalistin zu benennen, in Worte zu fassen, um ihre Wahrheit möglichst wahr werden zu lassen. Wohl wissend, dass wir, die Leser, dem Gesagten nur vertrauen können, wenn sie ihre Arbeit gut machte. Ihr Phönix sollte nicht so schnell wieder sterben!

500 Jahre Leben wollte sie ihm geben.

Ihr eigener Tod ist dazwischen gekommen.

Und Finist?

Finist ist endgültig davon geflogen

Fotocredit

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Bibliotheken für Märchenforscher
Nebiga

5 Bibliotheken für Märchenforscher

Für Märchenforscher genügt Wikipedia leider nicht; für sie sind Bibliotheken eher das Mittel der Wahl. Der Vorteil ist, dass heute niemand mehr unbedingt einen Lesesaal aufsuchen muss. Die Buchbestände sind in einem über das Internet zugängliche Bibliothekskatalog (Online Public Access Catalog – OPAC) gelistet; im Idealfall sind die Bestände verschiedenen Bibliotheken miteinander verbunden. In Bayern zum Beispiel gehören viele Bibliotheken zu einem großen Verbund, darunter auch die für meine Recherchen zwei wichtigsten.

Bayrische Bibliotheken im Verbund

1. Bayrische Staatsbibliothek (Stabi)

Für Superlative im eigenen Porträt kann ich mich eher nicht begeistern. Wer sich selbst dermaßen lobt wie die alterwürdige Stabi, ist mir eigentlich suspekt. Die 1558 als Hofbibliothek von den Wittelsbachern gegründete Bibliothek sieht sich aber trotz des Selbstlobs realistisch: Sie ist

  • die ERSTE Adresse – zumindest für Märchenforscher und Erzähler
  • eine innovative Kraft im Bereich digitaler Dienste – Einschränkung: Was Bibliotheken anbelangt
  • sie hat sich im Laufe der Jahre zum Schatzhaus kulturellen Erbes entwickelt.

In der guten, alten Stabi schlummert nämlich eine riesige Sammlung von Märchen aus aller Welt!

Wermutstropfen gibt es allerdings auch einen: Du musst einen Bibliotheksausweis besitzen, wenn du all diese Schätze erkunden willst d. h. einmal will die Stabi dich persönlich sehen. Aber die Mühe lohnt sich.

2. Internationale Jugendbuchbibliothek

Mindestens einen ganzen Tag plane ich ein, wenn ich in Schloss Blutenburg recherchieren will. Gott sei Dank lässt sich vieles online vorab bestellen, aber eben nicht alles. Was die Fahrt dahin entschädigt? Die Bücherschätze liegen in einem Burgzimmer, in dem du auch recherchierst – Märchengefühle inklusive.

Ein paar Zahlen in Richtung Kinder- und Jugendbuch: In der Internationalen Jugendbibliothek schlummern mehr als 600.000 Kinder- und Jugendbüchern in über 130 Sprachen aus vier Jahrhunderten. Dazu gehören

  • etwa 67.000 Bücher mit Erscheinungsjahr vom 16. Jahrhundert bis 1950,
  •  30.000 Titel internationaler Fachliteratur,
  • 30 laufende Fachzeitschriften,
  • 4.400 Plakate
  • 40.000 Einheiten Dokumentationsmaterial

Warum das für jemanden, der Märchen für Erwachsene bearbeitet, wichtig ist?

Märchen gelten vielen heute als Kinderkram, in der Internationalen Jugendbibliothek schlummern deshalb Märchen aus aller Welt, oft in der Originalprache. Außerdem finde ich neue Ideen, wie man Märchen umwandeln kann, kann entspannen und jeweils eine Ausstellung in den Burggängen zu Buchillustrationen genießen.

Wenn es rasch gehen muss

3. Münchner Stadtbibliothek

Die Münchner Stadtbibliotheken gehören nicht zum Verbund. Aber: Die haben ein Blog! Seit Mai 2016 bloggt die Bibliothek schon. Social Media habe ich bei der Stabi vergeblich gesucht, dort habe ich nur aktuelle Meldungen gefunden. Die oben zitierte innovative Kraft beschränkt sich also eher auf die Online-Bestände.

Was ich an den Münchner Stadtbibliotheken noch mag: In jedem Stadtviertel gibt es eine und alle Bibliotheken hängen zusammen. Der Weg für das einmalige, persönliche Erscheinen ist deshalb gar nicht weit. Bei mir liegt eine gleich um die Ecke. Jedes Mal, wenn ich in München umzog, zog ich unbewusst in die unmittelbare Nähe einer Stadtbibliothek. In den Präsenzabschnitt der Bibliothek – für Magazine, Zeitungen und Nachschlagewerke – springe ich daher schnell nach der Arbeit, wenn ich etwas brauche. Sonst geht so gut wie alles online.

Für die Nostalgie…

Als ich studierte, waren 90 Prozent der Zeit damit ausgefüllt, von einer Bibliothek zur nächsten zu fahren. Diejenige, die wir am meisten besuchten, hatte die größte Auswahl an Büchern.

Ok, ich geb’s zu… der Katalog war noch Zettelkasten. Schscht!

Wenn ich es also richtig nostalgisch haben möchte, fahre ich nach Wien. In die

4. Österreichische Nationalbibliothek

Zettelkasten hat sie keinen mehr.

Streife ich durch die renovierten Räume, beeindruckt mich, wie sich alles verändert hat: Kein Lesesaal mit schweren grünen Vorhängen! Keine kleine Funzel, unter der alle Studenten dem Schlummer erlagen, der sie unweigerlich im muffigen Lesesaal überfiel. Alles ist modern: der digitale Katalog, Reihen von Computern, große Glasflächen und  lichtdurchflutete Lesesäle.

Das häßliche triste Grün ist freundlichem Orange gewichen.

Nur eines ist beim Alten geblieben: Die Handschriften darf allein der Aufseher mit weißen Handschuhen vor dir blättern, während du mit Bleistift notierst. Im Extrasaal, auf Holzpanälen, im abgedämmerten Licht.

Wo Erzähler wie im Märchen leben

Nächste Station: Dinkelsbühl. Dinkelsbühl?

Ja. Auf eine Streuobstwiese in Dinkelsbühl. Dort gibt es allerdings keine öffentlich zugängliche Bibliothek, dafür einen Schatz – einen Bücherschatz. Nach Dinkelsbühl stellte die Goldmund Erzählakademie das

5. Bienenwagen-Wohnmobil

In dieser liebevoll gestalteten Bibliothek in einem Bienenwagen, finden Mitglieder des Vereins Goldmund unzählige Bücher zu Märchen, Mythen und dem mündlichen Erzählen. Gedacht ist er als „Erzähl-Lese-Rückzugsort“.

Ein Märchenparadies zum Mieten und Wohnen!

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