Muse unterwegs
Leo Nerdette

Leben heute: Was macht denn eine Muse so?

Künstler*innen ohne Muse sind arm dran, heißt es. Aber ehrlich – wozu lässt sich heutzutage eine Muse überhaupt gebrauchen? Was macht die so?

Naja, das kommt darauf an: Am besten ich erzähle euch einmal von Finn…

Finn trägt einen abgetragenen Hut von Tom Waits und ist wie der Sänger „leptosom“: Ein Spargelzacken mit dem Gesicht eines Rauhaardackels.

Er fährt Rad und mit ihm seinen Regenschirm spazieren. Ich stelle mir gern vor, wie er den Schirm zusammenrollt und mit einem Klettverschluss am Oberrohr befestigt; über das er mit einer fließenden Bewegung sein rechtes Bein schwingt und ins Pedal tritt, um los zu fahren.

Beobachtet habe ich ihn dabei noch nie, denn Finn fährt Rad wie andere Porsche – rasend: Er taucht unerwartet auf und genauso verschwindet er wieder. Sein Gefährt röhrt nur nicht. Ihn zu halten ist unmöglich; ihn dazu zu kriegen zurückzukehren, wahrscheinlicher. Launisch ist er, fordert Aufmerksamkeit und zappelt herum, wenn er mich küsst.

Aber wie er riecht! Einmal an ihm geschnuppert und schon begrüßt mich ein Augustmorgen im Wald. Was so gar nicht zu ihm passt, weil Finn ein Stadtgott ist – durch und durch: Röhrenjeans, Sakko und Fliege inbegriffen. Es grenzt an ein Wunder, dass er mich auf dem Land so oft besucht.

Er genieße die Ruhe, sagt er. Welche Ruhe? Wenn ER da ist, habe ICH keine. Finn ist nämlich meine Muse, ein Musiker seines Fachs.

Was es bedeutet, wenn die Muse ein Mann ist

  • Das kann nicht sein!
Musen-Sarkophag

„Musensarkophags“ (2. Jahrhundert n. Chr.), gefunden an der Via Ostense, heute: Louvre, Paris

rief ich mit zwölf aus, als er mir erklärte, wer er war.

In griechischer Mythologie machte mir damals niemand etwas vor.

  • und das weißt du, weil…?

fragte er.

  • Ich hab‘ Bilder gesehen. Alle haben Kleider an und so…
  • Natürlich. Du hast auch drunter geschaut…

So wurde es besiegelt: Meine Muse küsst mich. Hin und wieder;  manchmal mehr, manchmal weniger – immer von mir selbst misstrauisch beäugt: Dichten ist – wie ihr wisst – eine Kunst. Eine brotlose vor allem – und so murmle ich jedes Mal vor mich hin:

Was schreibst du denn da? Das bringt doch nichts! Schreib lieber…

Sätze, die Finn ignoriert. Er ist eben ein Mann und folgt seinem eigenen Kopf. Was es nicht gerade fördert, das Musen-Sein: Finn  küsst dann, wann er will. Er denkt nicht daran aufzutauchen, wenn ich Abstrakte schreibe, Gliederungen, ein Konzept; wenn ich  Abgabetermine einhalten oder  Präsentationen produzieren muss.

  • Da hätt ich mal ein paar Ideen brauchen können!

maule ich, ernte aber nur einen erstaunten Blick.

  • Ich habe schließlich noch anderes zu tun!

Vom rechten Augenblick

UhrenWehe aber, ich stehe mit dem Kind auf dem Arm vor dem Supermarkt und packe mit einer Hand den Einkauf in den Kofferraum. Eine Frau fragt, ob ich ihr Auto kenne. Sie suche das, schon den ganzen Vormittag. Ich bedaure; das Kind brüllt. In einer halben Stunde habe ich einen Interviewtermin, muss vorher noch  Kind abliefern, Laptop holen – mir läuft die Zeit davon. Ob ich sie nicht fahren könne, fragt die Frau.

Da… fühle ich den Kuss auf der Stirn.

  • Nicht jetzt, Finn!

Beleidigt radelt er davon und lässt sich nicht mehr blicken – wochenlang. Um morgens um vier aufzukreuzen: Küsst mich versöhnlich auf die Schulter.

  • Das meinst du nicht ernst, oder?

murmle ich.

  • Nutze die Stunde der Inspiration!

Klar werfe ich das Kopfkissen; ins Leere zwar, doch ich grunze zufrieden, falle ins Bett zurück: Ahhh… Timing ist Finns Sache nicht.

Und dann noch seine Eifersucht! Nein – der Gott hat nichts gegen Männer an sich. Bloß gegen solche, die mit mir zusammen wohnen und das gilt auch für meinen Sohn. Eine Muse putzt, wäscht, kocht, arbeitet und erzieht nicht; hält sich überhaupt fern von weltlichem Tun.

Kein Kuss, kein Gruß. Funkstille.

Ghosting nennt man das heute wohl.

Schutzgott meiner Kunst

Schutzgott mit Porky PieWarum nur tu ich mir das an?

Weil…

Sobald mich ein Sommergewitter überrascht, überholt Finn mit seinem Rad. Bleibt stehen, steigt ab, spannt seinen Regenschirm  und hält ihn über mich. Ich rieche  Sonnenlicht auf Tannennadeln, lehne mich an ihn. Konfetti rieselt auf mein Haar.

Und weil…

Finn mir die Holzscheite einzeln reicht, mit denen ich das Feuer meiner Wut schüre. Den Hut, den abgetragenen von Tom Waits, aber dreht er demütig in der anderen Hand; sein Rauhaardackelgesicht lächelt verschmitzt.

  • Wie sollen wir diesen hier nennen? Neid? Selbstmitleid? Oder allein dir zugefügtes Unrecht?

Das hält niemand lange durch; ich jedenfalls nicht.

Besonders aber, weil…

Er mich in jenen Momenten am liebsten küsst, in denen alle um mich herum genau wissen, was Sache ist; ihr Meinungskorsett fest geschnürt ist – die Taille geformt, der Busen gehoben und der Bauch schön flach.

  • Sieh nur, wie alles passt!

staune ich – voll der Bewunderung.

  • Papperlapapp,

knurrt Finn,

  • viel zu geformt und steif. Wo sind die Pölsterchen, die Kanten, die losen Fäden?

Finns Kuss schärft meinen Verstand, spitzt die Krallen und meine Zunge dazu. Als Muse, findet er, hat er nur ein Ziel – mich  und meine Kunst am Atmen zu halten. Dichten muss ich können. Sonst nichts.

  • Ähhh… also leben doch wohl auch…
  • Red‘ keinen Unsinn!

sagt er.

Das sei Teil der Kunst.

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Hades und Persephone
Nebiga

Persephone: Eine Göttin setzt sich durch

Was bisher geschah: Hades offenbarte Persephone seine Gefühle auf die ihm eigene Weise. Die Göttin der Jugend und Frische reagierte anders, als der Gott es erhofft hatte. Ihr, so sagte sie, fehle das Sonnenlicht! Damit verbannte sie Hades in das gräuliche Zwischenreich der Verliebten: Er liebte und wollte seine Angebetete bei sich haben; gleichzeitig wusste er, dass er seiner Göttin diesen Wunsch nicht erfüllen konnte. Pendelte zwischen „Himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“; zwischen Festhalten und Verlieren.

Oben in der Welt lief die Zeit hurtig weiter: Persephones Mutter Demeter – Göttin der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus – war in ihren Garten zurückgekehrt. Die mütterliche Verzweiflung war unermesslich. Demeter trauerte, sorgte sich, wie es ihrem Kind im Totenreich erging; wütete, weil die Götter ihr nicht halfen, Persephone zürückzuholen. Diesen Gefühlen waren die Felder der Menschen ausgeliefert:  Es gab Tage, da ertranken die Triebe in Demeters Tränen. An anderen versengte die Hitze ihrer Wut die Saat.

Hunger breitete sich aus. Die Menschen opferten, flehten die Göttin an. Demeter aber hatte kein Erbarmen. Schließlich pilgerten die Menschen zu Zeus, um seine Hilfe zu erbitten.

Hoher Besuch in der Unterwelt

Der Göttervater seufzte. Ihm blieb nichts anderes mehr übrig: Er musste seinen Bruder Hades in der Unterwelt besuchen und Persephone zurückfordern. Der Herr der Unterwelt war jedoch ganz und gar nicht in der Stimmung, Befehle entgegenzunehmen. Schon gar nicht von seinem Bruder!

  • Sie bleibt!

knurrte er.

  • Persephone ist meine Königin!

Zeus widersprach, verwies auf seine Macht. Die Brüder verhandelten – hart, so hart, wie es eben nur Brüder können. Wenn Götter aber streiten, brodelt die Lava unter den Seen und der Boden bebt. Die Erschütterung breitete sich in Wellen aus, erreichte den Granatapfelbaum. Persephone pflückte gerade einen Apfel, als sie das Beben unter ihren Füßen spürte. Natürlich lief sie los. Sie wollte nachsehen, wer den Hades dermaßen erschütterte. Kurz bevor sie die Brüder erreichte, hörte sie ihn schon – grollend, resigniert:

  • Na gut, du bekommst sie zurück:  Sie vermisst das Sonnenlicht. Gib mir eine Weile, mich zu verabschieden! Das kannst du nicht verwehren…
  • Lass dir nicht zu lange Zeit! Ich schicke den Götterboten, sie zu holen.

Persephone entscheidet sich

Eilig verließ Zeus die unwirtliche Stätte, ließ Hades einfach stehen. Ihn, dem erst nach und nach aufging, was er versprochen  hatte – und was es bedeutete: Er würde Persephone verlieren; sie nie wieder sehen. Ihr Lachen nicht mehr hören… die Dunkelheit seines Reiches breitete sich jetzt schon in ihm aus; Schatten umfingen sein Herz.

Er lauschte in die Stille. Diesmal genoß er sie nicht; sie drohte ihm…

Wie sollte er sie aushalten?

Persephones Stimme zerriß der Stille dunklen Schleier:

  • Du, ich…

Diesmal noch. Hades wandte sich der Geliebten zu.

  • Zeus war hier.

seufzte er.

  • Ich weiß!

sagte Persephone. Sie brach den Granatapfel in ihren Händen auseinander und trat näher. Mit jedem Schritt steckte sie einen Kern in den Mund. Vier Schritte machte sie, dann war sie bei ihm.

  • Du darfst doch in meinem Reich nichts essen!

Persephone legte einen Finger an Hades Lippen.

  • Schschsch

Was blieb ihm anderes? Er schloß sie in die Arme.

So kam es, dass Persephone die Götter zwang, ihr Licht und Schatten zu gönnen. Denn selbst Zeus musste die Gesetze der Welt achten – und so bestimmt er:

  • Kehre jedes Jahr für vier Monde in Hades Reich zurück!

Die erste Fernbeziehung begann…

Wie’s in Familien aber so geht, nimmt Demeter dieses Arrangement bis heute übel. Jedes Mal, wenn Persephone zu ihrem „rücksichtslosen Gatten“ in die Unterwelt geht, schmollt sie. Eine tote Zeit kriecht über die Erde. Sobald die Göttin der Frische aber wieder zu ihr zurückkehrt, ist alles vergessen – auf den Feldern beginnt’s wieder zu blühen und gedeihen.

SO – und nur so, das sag ich euch, kamen die Jahreszeiten auf die Welt!

Advent, Advent – ein Lichtlein brennt! Erst eins, dann zwei, dann drei,

jetzt vier!

Frohes Fest!!! 🙂

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Granatapfel
Nebiga

Hades: Verliebt in der Unterwelt

Was bisher geschah: Hades. der Herr der Unterwelt überredete die junge Göttin Persephone, ihn  in sein Reich zu begleiten. Sein Trick? Er versprach ihr Wissen über die Schatten und die Dunkelheit. Außerdem versicherte er, sie würde zum Abendbrot zurück sein, vorausgesetzt natürlich sie würde in seinem Reich nichts essen. Was er verschwieg? Die Unterwelt kannte weder Tag noch Nacht – Zeit ist im Dunkeln ein dehnbares Gut.

Aber was machte das schon? Unter Göttern spielt es doch keine Rolle, ob man zum Abendbrot desselben Tages oder Monate später zurück kam. Was würde Persephone schon verpassen? Sie schien auperdem nicht an die Oberwelt zu denken. Die junge Göttin hielt mit ihm Schritt; ließ sich nur von ihm helfen, wenn sie sich an einem schmalen Grat entlang hanteln mussten, und fragte. Fragte viel.

Alles schien sie zu begeistern – und Hades erklärte es ihr: Dunkelheit und Schatten, Erdschichten und woran sie Granat-, Gold- und Diamantadern erkennen konnte; zeigte ihr unterirdische Seen und  Tropfsteinhöhlen. Er stellte ihr sogar Charon – den Fährmann – vor – griesgrämig wie er war. Die Göttin Charon, Fährmann der Unterwelt der Jugend brachte selbst diesen zum Lächeln. Sie verbreitete Freude, wo immer sie auftauchte. Auch wenn die Schatten diese nicht spüren konnten – Hades erfüllte sie.

Das unterirdische Reich wuchs dem Gott noch stärker ans Herz – und er genoß Persephones Nähe. Sobald Hades bemerkte, dass seine Angebetete im Dunkeln fror, legte er den Arm um ihre Schultern. Sie aber tauchte unter diesem durch, lief vor und deutet auf eine Gesteinsader:

  • Granat nicht?

fragte sie. Ein anderes Mal forderte sie Hades heraus: Kletterte über schroffe Felsen, zwängte sich durch Tunnel und rief, er solle schneller machen. Dann wieder schmiegte sie sich an – schlüpfte jedoch weg, sobald sie etwas entdeckte, das sie noch nicht kannte.

Der Gott wusste nie, was kam. Es machte ihn… wahnsinnig!

Hades braucht Rat.

Den Fährmann um Rat zu fragen, wäre Hades früher niemals in den Sinn gekommen, aber  jetzt musste er sich eingestehen: Er brauchte Rat und es gab in der Unterwelt niemanden sonst, dem er sich anvertrauen wollte. So rief der Gott Charon in einem ruhigen Augenblick zu sich.

  • Sag mir, was fühlt Persephone für mich?

fragte er – geradeheraus wie er es seinen Leuten gegenüber gewohnt war. Charon schaute verdutzt und brummte:

  • Herr, wie soll ich das Herz einer Göttin kennen?
  • Wie kann ich es herausfinden? Was kann ich tun?
  • Fragt sie. Nur Persephone selbst weiß, ob sie Euch mag, Herr!

Einen solchen Rat zu befolgen, kostet Überwindung – besonders einem Gott. Hades erwog das Für und Wieder – mehrmals und länger als üblich! Schließlich machte er sich auf, seiner Angebeteten seine Gefühle zu offenbaren. Es war an der Zeit, fand er.

Ein Baum in der Unterwelt

Er entdeckte Persephone vor einer Felswand. Sie zeichnete mit einem Stück Kohle, folgte der Struktur einer Granatader und zeichnete Äste, Blätter, Früchte. Die Göttin war so vertieft, dass sie nicht bemerkte, wie Hades näher trat. Er räusperte sich.

  • Siehst du, welch schöne Äpfel diese Granate wären,

sagte Persephone, ohne sich umzudrehen. Hades kämpfte mit sich: Wie sollte er sich einem Rücken erklären? Die Göttin deutete auf ihr Wandbild:

  • Hier sind die Blätter; Schatten lassen sie leben… Dort die Früchte! Es wird ein Baum, denke ich.

Endlich wandte sie sich um – und Hades blieb der Atem weg. Ihre Augen leuchteten, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Feuer brannte in ihnen, Leidenschaft. Sie hatte gemalt, funkelte  vor Leben. Wie konnte er dagegen an?

Wie sollte er sich erklären?

GranatapfelDoch Götter haben Ideen, auf die Sterblichen nie und nimmer kommen würden. Dem Herrn der Unterwelt kostete es einen Wink – und aus der Felswand brach ein Baum. Die Zeichnung erwachte zum Leben: Stamm, Äste und Zweige entstanden aus den Kohlestrichen, Früchte aus dem Granat:

  • Hast du ihn dir so vorgestellt?

fragte er. Persephone blickte ihn bewundernd an.

  • Dass du das kannst!

rief sie. Für diesen Blick würde er die Unterwelt in einen Garten verwandeln! Aber er sah ihren Augen an, dass es nicht nötig war. Persephone hatte verstanden. Das Schweigen wurde ihm lang:

  • Und?

bohrte er. Die Maid betrachtete ihre Hände, wischte die Kohle an ihrem Kleid ab.

  • Wie hast du dir das gedacht?

sagte sie plötzlich.

  • Wie soll der Baum hier unten überleben? Er braucht Wasser, Erde – Sonnenlicht.

Advent, Advent – ein Lichtlein brennt! Erst eins, dann zwei, dann drei…

Geduld! Wie’s weiter geht, erfährst du am am vierten Adventsonntag!

Schau‘ dann wieder rein! Ich freu‘ mich auf dich 🙂

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Was auf der Suche nach Herberge niemand erwähnt

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Gott Hades und sein Reich
Nebiga

Wie Gott Hades die Frau fürs Leben raubt

Was bisher geschah: Der griechische Gott Hades, der Herr der Unterwelt, hatte hin und wieder seine hellen Augenblicke; in ihnen vermisste er so einiges: Licht zum Beispiel, Farben, Freude…  Nach einem solchen machte er sich normalerweise auf, eine Frau zu suchen. Lange Zeit vergeblich. Als er schließlich doch eine Göttin fand, die ihm gefiel, griff er zu – und brachte damit die Götterwelt durcheinander.

Denn bald schon – an einem Morgen im Olymp – erfuhr sein Bruder, der Göttervater höchstpersönlich, von Hades‘ Tat. Eigentlich hatte Zeus ja Anderes im Kopf: Seine Frau war auf Reisen und würde eine Weile unterwegs sein und auch die Kinder gingen ihren eigenen Geschäften nach. Er überlegte, wie er diese Gelegenheit am besten nutzen konnte. Mit einem Ausflug zu den Sterblichen vielleicht? Oder sollte er zuhause bleiben? Die Stille genießen?

Zeus nahm den ersten Schluck Ambrosia des Tages:

Ahhh…

Fehlten nur noch die Nachrichten, dachte er und rief:

Götterbote!

Doch dieser erschien nicht. Stattdessen stand plötzlich Demeter vor ihm.

Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit und Hüterin des Ackerbaus

Sie kümmerte sich um alles, was auf Erden wächst und gedeiht. Eine Göttin also, deren Tag ausgefüllt sein sollte. Was wollte sie hier? Um diese Zeit? Ihre Fäuste hielt sie auf die Hüften gestemmt, die Stirne war gerunzelt und ihre Augen funkelten.

  • Du musst etwas tun! Sofort! 
  • Oooch, Demeter! Was ist denn nun schon wieder?
  • Meine Tochter wurde entführt!
  • Entführt?

Der Göttervater hob eine Augenbraue, überlegte… Schließlich sagte er:

  • Red‘ keinen Unsinn! Wer würde es wagen, eine Göttin zu entführen? Wahrscheinlich ist sie kurz weggegangen. Alt genug dazu ist sie ja…
  • Kurz? Überall  habe ich gesucht. Persephone ist nirgends zu finden. Bleibt nur ein einziger Ort und den kann ich nicht uneingeladen betreten. Ich sage dir: Sie muss in der Unterwelt sein!
  • Bei Hades?

Zeus strich sich drei, vier Mal den Bart. Er beobachtete, wie Demeter von einem Fuß auf den anderen trat, lehnte sich zurück:

  • Ja dann… was regst du dich auf?  
  • Willst du ihm das etwa durchgehen lassen?

fragte die Göttin.

  • Hades ist der Herr der Toten, König eines großen Reiches. Er ist mit all seinen Bodenschätzen sogar der reichste Gott überhaupt UND so wie ich ihn kenne, ist er an etwas Ernstem interessiert. Besser kann es Persephone gar nicht treffen.

Demeter stampfte auf.

  • Hol sie zurück!

Doch Zeus schüttelte den Kopf.

  • Du weißt doch: Ist der Schicksalfaden erst gesponnen,  kann niemand es ändern, selbst ich nicht.

Er hielt ihrem Blick stand, seufzte aber erleichtert, als Demeter herumwirbelte und verschwand. Er beschloss, ihr

  • DAS werden wir noch sehen!

nicht gehört zu haben. Lieber trank er noch einen Schluck. Wo er nur blieb, der Götterbote?

Gott Hades, Persephone und die Schatten

Gott Hades wäre überrascht gewesen, hätte er gewusst, welche Aufregung sein Handeln verursacht hatte. Gut, er zog Persephone tatsächlich etwas stürmisch, um sie vor dem Donnerwetter in die Sicherheit der Höhle zu bringen. Sie wog weniger, als er dachte und landete daher an seiner Brust. Er umarmte sie, atmete ihren Duft ein – ahhh… Hyazinthe, Erde, Gras. Doch nur ganz kurz!

  • Tschuldigung,

murmelte er sofort und ließ sie los. Er wurde – du glaubst es nicht – rot.

Persephone dagegen lächelte flüchtig, drückte ihm ihr Bild in die Hand.

  • Halt mal, bitte!

sagte sie, beugte sich vor und wrang ihr Haar über Kopf aus.

Als Gott war Hades es nicht gewohnt, Aufträge entgegen zu nehmen. Verblüfft hielt er das Blatt, wobei er die Maid aus den Augenwinkeln beobachtete.

  • Ist es ruiniert?

fragte Persephone, drehte den Kopf und sah ihn an. Jetzt erst schaute Gott Hades auf das Bild:

  • An den Rändern verwischt, vielleicht…
  • Wirklich? Zeig!

Sie trat näher, betrachtete ihr Werk – weit kritischer als er.

  • Es lebt einfach nicht. Nie kriege ich das hin…

murmelte sie. Das klang entäuscht, was Hades veranlasste, genauer hinzusehen: Das Abbild einer Lilie, der Blütenkelch leuchtete in Rottönen. Persephone hatte allerdings recht. Der Kelch prangte flach auf dem Blatt. Gott Hades dachte nach – das dauerte eine Weile, doch dann sagte er:

  • Kein Wunder, es fehlen die Schatten…

Dieser eine Satz war es! Mit ihm hatte er ihre volle Aufmerksamkeit. Persephone fragte nach, ließ den Herrn  der Dunkelheit erzählen: wie Licht und Schatten zusammen gehören, von der Tiefe, seinem Reich – und was Persephone dort alles lernen könnte. Gott Hades nutzte die Gelegenheit wohl. Er würde ihr alles zeigen, sagte er und dass ein Besuch ja nicht schaden könne.

  • Kann ich zum Abendbrot zurück sein?
  • Wenn du während deines Aufenthalts nichts isst – jederzeit!

Besuch in der Unterwelt

Damit gelang es dem Herrn der Unterwelt zum allerersten Mal, eine heiratsfähige Göttin in sein Reich zu bekommen. Gott Hades nahm sich fest vor, alles zu tun, damit Persephone nicht mehr in die Oberwelt zurück wollte. Er würde werben, wie noch nie zuvor! Was hatte er nicht alles zu bieten! Er würde sie mit Aufmerksamkeiten überaschen, ihr jeden Winkel seines Reiches zeigen und den Aufenthalt so angenehm, wie nur möglich machen. Sie sollte sich wünschen, ewig bleiben zu können.

Zeit dazu würde er genug haben: In seinem Reich verschwimmen die Stunden, keiner weiß, welche es geschlagen hat. In der Unterwelt kannte niemand Tag und Nacht. Nein, der Gott hatte Persephone nicht angelogen!

Er hatte ihr nur etwas verschwiegen.

Advent, Advent – ein Lichtlein brennt! Erst eins, dann zwei…

Geduld! Wie’s weiter geht, erfährst du am dritten Adventsonntag 😉

Schau‘ dann wieder rein! Ich freu‘ mich auf dich 🙂

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1. Kerze – Hades sucht eine Frau fürs Leben

5. Fenster: So still kann Liebeskummer sein

4. Fenster: Barbara, die sich weigert

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La Catrina
Nebiga

Wer ist La Catrina?

Eine Dame mit Federhut schreitet inmitten all der Kürbisköpfe, Monster, Geister: La Catrina schwingt ihre Seidenröcke, streicht die Bluse glatt und reckt das Kinn. Ihr Blick streift über das rege Treiben in der Gruselnacht. Was bitte hat sie mit Halloween zu tun? Gut, sie marschiert bei Umzügen mit; überall in der Welt laden Menschen sie ein, die Feste in der Nacht vom 31. Oktober mit ihnen zu feiern. Warum also sollte sie nicht?

Flaniert sie nicht für ihr Leben gern? Sie liebt es, wenn Menschen sie umjubeln; dass sie sich verkleiden, sich als ihr Ebenbild schminken. Als Catrina tanzen, lachen, Süßigkeiten schlecken. Mit ihr den Tag feiern und die Nacht. Wundert La Catrina ihr Erfolg unter den Halloween-Masken? Mitnichten. War denn etwas Anderes zu erwarten – so wie sie aussieht? Natürlich genießt sie den Ruhm, kostet jeden Moment aus.

Wenn sie aber einmal inne hält und in sich hört, spürt sie, wie schal dieser ist. Spätestens um Mitternacht sehnt sich La Catrina nach Hause – sie will zurück nach Mexiko.

Dort nämlich enden die Feiern noch lange nicht, dort fangen sie erst richtig an. Zuhause hat La Catrina eine Geschichte, ist sie nicht nur eine Maske, ein Tatoo oder Abziehbild. Ihre Landsleute holen sie am Día de Muertos zu sich ins Haus; geben ihr zu essen und zu trinken; tanzen und unterhalten sich mit ihr. Widmen ihr Zeit. Sie wissen:

La Catrina gehört zum Leben wie der Tod.

20. 01. 1913: Mexikostadt, Calle Santa Inés

José Guadalupe PosadaDon Lupe?

Die Stimme huschte unter dem Rolladen in den Laden. Kaum war sie durch, verharrte sie vor dem Dunkel. Sie fühlte sich zu schwach den Raum zu erkunden; schickte vorsichtshalber ein kleines Echo weiter. Als Kundschafter sozusagen. Das Echo drang vor. Vorsicht! Gerade noch rechtzeitig erfühlte es den Widerstand, kletterte den Tresen hoch.

Oben angekommen schlängelte es sich zwischen Papierstapeln und Holzschachteln hindurch, sprang auf der anderen Seite in die Tiefe. Kaum spürte es wieder Boden, strebte es weiter vorwärts. Umwehte Tisch- und Stuhlbeine, kletterte noch einmal hoch. Auf dem Tisch wich es Zink- und Bleiplatten aus, Sticheln und bedrucktem Papier – bis es sich an einer Wanne stieß; Säure schwappte über. Das Echo schrie, purzelte gegen eine Druckerpresse und verhauchte.

Die Stimme erschrak. Sollte sie doch lieber die Treppe zu ihrer Linken hochklettern? Würde sie es überhaupt bis oben schaffen?

Rrrrtsch…

Ihre Besitzerin schob den Rolladen gänzlich hoch.

Don Lupe! Sind Sie da?

Endlich – Verstärkung! Jetzt stürmte die Stimme treppauf. Im ersten Stock fegte sie über den Gang geradewegs auf eine Tür zu. Diese stand offen, hinderte sie nicht. Also sauste sie in den Raum, drang in jede Ecke, füllte ihn vollständig aus.

Wenn eine Stimme nur Augen hätte!

Dann hätte sie ihre Besitzerin warnen können. So aber blieb Consuelo, der kleinen empanadera (Teigtaschen-Verkäuferin), keine Zeit sich vorzubereiten. Sie folgte ihrer Stimme nach oben und trat in die Wohnräume des Hauses.  Vor ihr lag ein umgekippter Stuhl und daneben – das Mädchen schrie.

Wortschatten und Tote zu Besuch

Die Stimme hatte schon Erfahrung; sie wußte, wenn sie schrillt, verursacht sie Chaos. Wie groß dieses ist, hängt von der Stärke des Schreis und seiner  Tonlage ab. Bloß ein Schreck oder gleich Panik? Jetzt gellte sie bis hinaus auf die Straße: Menschen liefen in den Laden, polterten die Treppe hoch. Sie stießen die Schreiende zur Seite, um zu sehen, was passiert war.

calavera Tragt ihn raus! In die frische Luft!

rief einer.

Höchstens noch mit den Füssen zuerst!

murmelte ein anderer.

Schließlich holte man den Arzt.

Als dieser kam, lag der Bauchladen mit den Teigtaschen immer noch am Boden neben dem Toten. Die empanadera hockte in einer Ecke – ebenso unbeachtet. Das Kinn hatte sie auf das Knie gestützt, die Arme um die Beine geschlungen. Es standen nur noch wenige Neugierige herum.

Weiß jemand, wer das ist? Wie heißt er?
fragte der Arzt. Die Umstehenden blickten sich gegenseitig an, zuckten mit den Schultern

Das Mädchen aber richtete sich auf.

Don Lupe?,

sagte es.

Posada… José – glaube ich.

Der Stimme fiel selbst auf, dass sie zitterte. Schuld gab sie den „Schatten“. Echos einmal gesagter Worte, die durch den Raum waberten. Sie flüsterten:

  • Hier, Junge, nimm! Die ist fertig.
  • Bade sie in Säure.

und legten sich auf auf ihre Bänder. Drei Sätze nur, aber sie besaßen Kraft. Sie drückten schwer, so als hätte Don Lupe sie noch am Morgen dieses 20. Januars anno 1913 ausgesprochen.

Kannten Sie ihn gut?

fragte der Arzt.

Consuelo betrachtet die Leiche: Diese glich einer Wachspuppe, die Haut schimmerte. Im Leben war Don Lupe ein beleibter Mann gewesen, jetzt kam er ihr zerbrechlich vor. Als wäre er geschrumpft. Wo war die Kraft, seine Energie?

Nichts ist demokratischer als der Tod

Ihre Route führte sie täglich zur gleichen Stunde an Don Lupes Druckerei vorbei: Er saß immer im ersten Stock am Fenster. An manchen Tagen blickte er auf die Straße unter ihm, schien zu beobachten: die Flanierer, die Hausfrauen, die eilten, um das Essen vorzubereiten; Revolutionäre oder Regierungstruppen, die sich gegenseitig verfolgten. Meistens aber hatte Don Lupe den Kopf über eine Zinkplatte gebeugt und stichelte eine seiner Zeichnungen, wenn Consuelo im Chor der Straßenhändlerinnen rief:

Empanadas de pollo, de queso, de mole, Empanadas de atún!

Sobald Don Lupe aufsah und winkte, brachte sie ihm Teigtaschen in den Laden. Immer kam er schwerfällig die Treppe hinunter. An der Ladentheke nahm er drei Teigtaschen entgegen und biss gleich in eine. Solange er kaute, leistete Consuelo ihm Gesellschaft.

Bei ihrem ersten Besuch stöberte sie im Laden herum. Blätterte in den Zeichnungen  – einige fand sie in Schränke gestopft, andere lagen in Stapeln auf Stühlen. Die Zinkplatten sollte sie erst später entdecken. Sie waren alphabetisch geordnet in Schubladen verstaut, wovon immer eine offen stand. Zeuginnen emsigen Schaffens. Don Lupe aß im Stehen.

Auf den Augen des Toten lagen Münzen. Don Lupes Augen hatten ihr von Anfang an gefallen: das Zwinkern in den Winkeln, die Schicksalsschläge auf der Iris – sie schienen zu verstehen; machten Mut. Deshalb hatte sie damals auch zu fragen gewagt: Was die Zeichen neben den Bildern in den Gazetten bedeuten würden, war eine solche Frage. Ob er sie lesen lehren könne, eine andere.

Gegen Empanadas  – ja?

Sie wunderte sich anfangs darüber, dass der Drucker sich überhaupt auf den Handel einließ.

Zwei am Tag…

hatte er gesagt,

und du erzählst mir auch noch von dir.

Siesta-Gespräche

Später sollte Consuelo entdecken, dass sie oft wochenlang der einzige Mensch war, mit dem Don Lupe sprach. Seit dem Tod seines Sohnes sei das so, hörte sie. Seit niemand mehr erben würde, hieß es. Aber sie selbst blieb dem Meister zwei Jahre treu – kam zu Mittag und blieb eine Weile. Consuelos schlief nicht zur Siesta.

Zunächst lehrte Don Lupe sie lesen, dann schreiben. Dazwischen hörte er ihr zu; horchte nach Details: Danach, wie sie lebten – die Straßenhändlerinnen; nach der Hierarchie unter ihnen. Ganz oben die garbanceras, die in Korsett und HighHeels Kichererbsen verkauften und sich für etwas Besseres hielten. Ganz unten die empanaderas aus den umliegenden Dörfern in den Sandalen und Blusen der Heimat. Analphabetinnen alle, nur nicht mehr sie.

Von sich aber erzählte er nie. Ihn kennen…?

Nein,  dafür hatten wir keine Zeit.

Wie der Tote da lag! Einen Arm weit von sich gestreckt; die Hand umklammerte eine Zinkplatte – so als wollte er sie jemanden geben. Consuelo sah dabei zu, wie ihm der Arzt die Finger brach. Betrachtete die Platte, als er sie auf den Tisch legte. Auf Don Lupes Arbeitstisch vor dem Fenster. Das Bildnis eine Dame war darauf gestichelt. Einer Dame mit Federhut.

posadas garbancera nachgezeichnet

Wie sollte sie das jemals vergessen?

Vom Kampf einer Stimme

Consuelo räusperte sich. Wieder – und wieder:  über Wochen, über Monate. Die Stimme wurde diese Echos nicht los. Schlimmer noch: Erinnerungen ballten sich und rollten auf ihren Bändern. Sie schmeckten nach Wachs.

Empana… de…

Schon musste sie sich wieder räuspern oder aber sie krächzte. Sie konnte sich gegen die Rufe der anderen Händlerinnen nicht mehr durchsetzen. Die Kunden konnten sie nicht mehr hören. Die Stimme versagte.

Bald reichte es nicht einmal mehr für das Nötigste.

Auf der Straße tobte derweilen die Revolution. Menschenmassen wogten mal hierhin, mal dorthin. Alle  kämpften, um zu überleben.

Neun Monate nach Don Lupes Tod aber, am Día de Muertos, hielten sie kurz inne. Sie schmückten die Kirche mit Girlanden aus Studentenblumen; zogen Wege mit deren Blütenblättern bis in die Häuser – zu den Altären mit den Opfergaben.

Auf der Straße tanzten die Menschen, sie reichten sich calaveras – Totenschädel aus Zucker. Alle kauften sie Teigtaschen, Tequila und Totenbrot. Sogar eine Schmähschrift ging von Hand zu Hand.

Wer hätte das gedacht? La Catrina hilft…

La Garbancer - Ursprung von La CatrinaWas steht da?

fragten die Leute. Auf dem Titelblatt prangte eine Dame: die Dame mit Federhut.

Consuelo griff nach dem Blatt.

Ausverkauf fröhlicher Totenschädel, 

las sie.

Die heute gepuderte garbanceras sind, werden als deformierte Schädel enden.

Die Leute grinsten.

Lauter! Sprich doch lauter!

Nun trat die Stimme fester auf. Sie wollte, dass alle es hörten! Jeder sollte dieses Spottgedicht verstehen. Satz für Satz scheuchte sie die Schatten, zerbiss die Ballen der Erinnerung. Das Lachen blieb an ihrer Seite, gab ihr Mut. Strophe für Strophe.

Consuelo grinste. Sie erkannte, was sie Don Lupe erzählt hatte. Nun aber reimten sich ihre Geschichten, waren auf dem Punkt. Mit einer Portion Spott. Auch wenn die garbanceras säuerlich blickten – sie wärmte es: Sie fühlte das Zwinkern in Don Lupes Augen.

Die Dame macht Karriere

Mehr als 20 000 Zinkplatten hatte Don Lupe im Laufe seines Lebens gestochen.

Und was bitte hatte er davon? Man verscharrte ihn in einem Grab Klasse sechs; genau zwei Freunde sahen  zu. Das war’s. Und ich?

Ihre Geburt stand wahrlich unter keinen gutem Stern! Wie La Catrina es unter solchen Umständen trotzdem schaffte, zu Ruhm zu kommen? Zu jenem Erfolg, der ihr gebührte? Ihrem „Vater“ verdankt sie es wahrlich nicht, findet sie.

Drei Pesos! Das müsst ihr euch vorstellen… für drei!

Dafür verhökerte man ihr Bildnis an Antonio Vanegas Arroyo…

an diesen Sudelblatt-Verleger!

Deformierter Schädel… ha! Wie konnte er es  wagen?

Ändern konnte La Catrina die Verleumdung nicht, aber das Beste daraus machen… überleben…

Das Blättchen drehte die Runde in der Stadt; La Catrinas Konterfei gelangte in die Hände der Jugend, in deren Gedächtnis. Vergrub sich da; schlief – und tauchte ganz unerwartet Jahrzehnte später wieder auf.

Durch den Maler Diego Rivera zum Beispiel.

Ein medialer Schachzug – das!

Überlebensgroß inmitten einer Wandmalerei steht sie heute da: La Catrina, kerzengerade hält sie dem Kind Rivera die Hand, rechts neben sich seine Frau, die weltberühmte Malerin Frida Kahlo. Sogar ein Porträt ihres Schöpfers, von José Guadalupe Posada, gehört zur illustren Gruppe. Das Gemälde ist ein nationales Juwel – mit tausenden Besuchern im Jahr.

La Catrina blendet sie alle mit ihrer Schönheit: Mit dem Schädel des Todes – unter einem Federhut.

Hay hermosas garbanceras
de corsé y alto tacón,
pero han de ser calaveras,
calaveras del montón.*

*Übersetzung: Es gibt garbanceras mit Korsett und HighHeels, aber sie werden Schädel sein, ein Haufen Schädel.

Beitragsbild aus  The Yucatan Times

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Abschied
Nebiga

Letzte Seite: Wo ein Abschied ist

Mein Liebes, bald ist es soweit! Der Abschied fällt mir schwer, er ist jedoch unausweichlich: Wir werden uns schließlich trennen müssen!

Natürlich ahnte ich von Anfang an, dass es mit uns so einmal enden wird… wir uns auseinander leben und Adieu sagen. In jeder Beziehung steckt ein Abschied. Mittlerweile sagt mir meine Erfahrung, wann für die Trennung der richtige Zeitpunkt ist. Ich weiß es einfach. Zu Ende ist zu Ende.

Jetzt bald ist es soweit. Es dauert nicht mehr lange. Spürst du es auch? Ja? Du willst dich ausruhen, sagst du. Mich aber drängt es weiter. Besser ist, wir gehen unserer Wege. Es soll sich nichts Unausgesprochenes zwischen uns aufstauen.

Doch bevor wir endgültig Abschied nehmen, möchte ich dir danken.

Danke für die gemeinsame Zeit, unsere Reisen, deine Ausdauer! Wir verbrachten eine wunderbare Zeit zusammen, vertrauten uns. Deshalb will ich nicht schweigen, das Unausweichliche abwarten und gehen. Ich will, dass du weißt, was für ein großartiges Wesen du bist. Dass du mit eigenen Augen liest, was ich an dir in unseren gemeinsamen Monaten schätzte.

Die Liste zum Abschied ist lang

Was an dir unvergleichlich ist? Das bist du. Das ist

  1. dein Körper. Natürlich! Sonst wären wir ja gar nicht zusammen gekommen. Mir ist sie gleich aufgefallen deine Statur, deine Haltung, dein Stil – ja, und dein Geruch. Wann immer ich dich roch, dich neben mir spürte, fühlte ich mich zuhause.
  2. deine unerschütterliche  Geduld. Nie hast du dich über Wiederholungen, Routine oder meine Wutausbrüche beschwert. Du hast mich gesehen, wie ich bin. Mich gewähren lassen, mich nur manchmal abgelenkt, so dass ich mich beruhigen konnte.
  3. wie du zuhören kannst. Egal wie absurd meine Thesen waren, du hast sie dir zunächst einmal angehört, um sie zu verstehen, bevor du sie widerlegtest.
  4. deine Hilfsbereitschaft: Du warst immer für mich da, selbst in meinen düstersten Momenten.
  5. deine Kreativität: Manchmal, wenn ich mich rettungslos verrannt habe, hast du eine Idee in mir entzündet. Du hast mich aus jedem Labyrinth rausgeführt.
  6. wie abenteuerlustig du bist! Überall hast du mich hinbegleitet… wir haben die Welt bereist. Nicht ein einziges Mal bist du zurückgeblieben.
  7. deine Widerstandskraft. Ich habe dich der Hitze und Kälte, der Nässe und Trockenheit ausgesetzt. Ein Hund hat dich gebissen. Doch du hast nicht gemurrt, bist stetig an meiner Seite geblieben, hast niemals schlapp gemacht. Unerschütterlich warst du! Heldenhaft!
  8. deine Freundschaft! Du bist ein Freund, ein richtiger Freund! Schweigst nicht still, wenn ich mich selbst verliere; weichst unangenehmen Fragen nicht aus, stellst sie auch dann, wenn du weißt, dass ich dich dafür einen Moment hassen werde.
  9. deine Ehrlichkeit. Ich kann dich alles fragen. Dein Ego beschönigt nicht, du antwortest, wie du es siehst.
  10. deine Toleranz. Anderen leihst du dein Ohr genauso, unterschiedslos: Du hörst wirklich jedem zu.
  11. dass du immer etwas mit dir selbst anzufangen wusstest, wenn ich einmal keine Zeit für dich hatte. Ja, sogar mit anderen unterwegs war.
  12. deine Großzügigkeit. Egal, worum es ging, du hast ausgeholfen. Dir war keine Liste zu dumm, kein Satz zu lang.
  13. dass du niemals Angst vor deiner eigenen Wut hattest. Sie zügeln konntest, spätestens vor der nächsten Seite.

Nun aber ist es soweit!

Ich muss gehen. Das ist unsere einzige Möglichkeit! Auf diese Weise bleiben wir Freunde, zermürben einander nicht. Lass uns lieber darauf freuen, dass wir uns irgendwann einmal wieder sehen. Ich verspreche allerdings nichts: Es könnte Jahre dauern.

Schlag‘ ich dich eines Tages doch noch auf – ja dann… dann schwelgen wir gemeinsam in Erinnerungen.

Das wird mir gefallen. Dir doch auch, oder?

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Online Dating kurz gefasst
Leo Nerdette

5 Gründe, warum Online Dating nicht funktioniert

Alle elf Minuten… Die knallroten Plakate des Online Dating Portals, das Singles jeden Alters kennen, strahlen mir entgegen. Eines nach dem anderen, überlebensgroß. Sie säumen meinen Weg in die Stadt und täglich scheinen es mehr zu werden.

Attraktive Models lächeln von der Wand – mehr Frauen als Männer natürlich. Die Plakate wirken gut, schaffen Vertrauen.

„Ein seriöses Dating Portal“, denkt der Passant. „Vielleicht finde ich dort endlich den ersehnten Partner!“

Mir aber vergiften die Plakate den Morgenspaziergang ins Büro genauso wie abends die Fahrt zu Freunden. Denn Online Dating bringt mehr durcheinander, als wir gemeinhin denken.

Es tut nicht gut. Warum ist das so?

1. Verlieben oder Partner – was jetzt?

Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über…

JA UND? Heißt das, dass Suchende sich mit diesem Portal schneller verlieben als anderswo?

Eine Million registrierte Mitglieder gibt der Portalbetreiber an, ein Jahr hat aber immer noch nur 525.600 Minuten.  Verlieben sich also pro Jahr 47.781 Singles. Ist das schneller? Schneller als was?

Nein, nein, nein, das ist nicht gemeint.

Gemeint ist, dass alle elf Minuten die Hormone rasen und ein Single Schmetterlinge im Bauch hat. Aha!

Ist das im (realen) Leben seltener? In Deutschland leben insgesamt 16, 8 Millionen Alleinstehende, wie oft verliebt sich denn nun einer/eine davon – so ganz ohne Dating App?

Wenn ich von mir ausgehe: Die Schmetterlinge flattern schon, wenn ich jemanden ansprechen soll, den ich toll finde. Reagiert sie/er zugewandt und nett, bin ich verliebt. Kurzfristig. Ich bilde es mir jedenfalls ein.

Doch die meisten Singles haben völlig etwas Anderes im Blick, wenn sie sich bei einem Online-Dating Portal anmelden. Sie sehnen sich nach Liebe, Beziehung und einem erfüllten Leben.

das sehnen nach glückMit genau diesen Sehnsüchten spielt Online Dating. Die Werbeplakate machen das deutlich. Perfid ist, dass für unser Kopfkino ein Satz genügt, der nichts aussagt und den wir mit nichts vergleichen können; kombiniert mit einem Bild von einem Model und dem knalligen Hintergrund. Den Rest reimen wir uns selbst zusammen:

  • Das Portal hilft mir, den/die Richtige/n zu finden
  • Die schaffen sicher schneller, was ich bisher nicht konnte
  • Das erleichtert meine Beziehungssuche, die Suche nach Zweisamkeit, nach Glück.

Zur Sicherheit lächelt Model vom Plakat, die unterschiedlich aussehen, damit die Werbung den Geschmack von möglichst vielen Singles trifft. Das unbewusste Sehnen löst ja nur jemand aus, der uns gefällt – und das schafft er/sie bei Menschen jeden Alters. Je mehr Models, desto größer die Zielgruppe.

2. Online Dating erhöht die Auswahl

Das ist doch gut! Je mehr Auswahl, desto besser das Ergebnis. Da finde ich bestimmt den/die Richtige .

Dieses Argument ist laut Statista der am häufigsten genannte Grund, warum Online Dating zunehmend beliebter wird. Leider ist es ein Trugschluß. Eine große Auswahl führt

  • zu innerer Lähmung. Wir können uns nicht mehr entscheiden.
  • zu schlechteren Entscheidungen. Der Auswahlstress ist so groß, dass das Gehirn sich nur nach einem einzigen Kriterium orientiert.

Dieses Phänomen bezeichnet die Psychologie als Auswahl-Paradox. Auf den Partnerschafts-Seiten zeigt sich das folgendermaßen:

Männer wissen zwar genauso gut, welche Eigenschaften ihre Traumfrau haben soll, wie jene Frauen, die Listen über ihre Traummänner führen, doch vergessen sie auf einem Flirtportal diese Ideen. Es zählt letztendlich nur ein einziges Kriterium: Die Attraktivität.

Wie Parship- und Elitepartner-Gründer, Arne Kahlke, in einem Interview in Magazin Die Zeit erzählt, finden Männer jeden Alters Frauen zwischen 20 und 30 am attraktivsten. Deshalb tummeln sie sich verstärkt in dieser Altersgruppe. Es spielt für viele von ihnen daher keine Rolle, ob sie aufgrund ihrer Erfahrungen, Wünsche und Lebensumstände mit Frauen anderen Alters besser zusammen passen würden.

Wenn wir Frauen jetzt glauben, wir wären weiser in unseren Entscheidungen, entäuscht die Praxis. Passiert einem Kandidaten nämlich ein Rechtsschreibfehler, ist das für viele von uns schon ein Ausschließungsgrund. Wie es scheint suchen wir mehrheitlich nach einem Akademiker mit Orthografiekenntnissen.

Tatsächlich ist es auch so: Frauen streben überdurchschnittlich oft nach dem gebildeten Ernährer. Dies hat eine Langzeit-Studie über das Verhalten von Online-Daterinnen herausgefunden. Und das, obwohl sie sich  selbst schon längst bestens versorgen können und eigentlich jemand wollen, der verständnis-, humor- und rücksichtsvoll ist. Würde nicht das evolutionstechnisch begründete Wahlkriterium „Ernährer“ den Ausschlag geben, würden wir uns für denjenigen entscheiden, der unser Leben bereichert.

3. Unterstützt sozial gestörtes Verhalten

Wer online Partner sucht, kann sich nicht wehren. Passt dem Gegenüber etwas nicht, bricht es häufig den Kontakt ohne Erklärung ab und wendet sich neuen Kandidaten zu. Es gibt ja so viele.

Online gilt das als „normales“ Verhalten.

Der Kommunikationsabbruch schwingt unangenehm nach, besonders dann wenn man nicht weiß, warum die/der Andere schweigt. Auf Dauer beeinträchtigt er sogar uns im realen Leben. Nach einigen Abbrüchen weigert sich unser Selbstbewusstsein , draußen in der Welt Leute anzusprechen, weil es von vornherein mit Ablehnung rechnet.

Verletzendes soziales Verhalten – massenhaft und täglich ausgeführt  – wird nicht menschenfreundlicher, weil es alle tun und viele es für normal erklären. Es verändert über die Jahre die soziale Kompetenz einer Gesellschaft.

4. Die Fehler hat der Andere

Die Suche scheitert, wieder und wieder… woran es liegt? Wir haben kaum Zeit, uns zu fragen. Sollten wir einmal innehalten und an uns zweifeln, schieben wir die „Fehler“ flott hinüber zum Anderen. Es wartet ja schon das nächste Profil, der vielversprechende Chat, ein tolles Foto.

Fehlertoleranz, Lachen über Missverständnisse, längeres Beobachten, ob eine Gewohnheit hinter schlechtem Benehmen steckt oder eher eine einmalige Verkettung von Umständen schuld daran ist – das alles findet online kaum Platz.

Je länger man in solchen Online-Dating-Plattformen Mitglied ist, desto abgestumpfter wird man. Ein neues Mitglied beantwortet anfangs noch alle Mails, doch nach einer Weile geht ihm die Luft aus. Nach einigen Wochen fängt die Selektion bei den Profilen an. Erst wenn alles passt, wird geantwortet.  Irgendwas findet sich immer:

Hat das witziges Motto nicht verstanden? Weg. Zu große Ohren? Weg. Zu viele Selfies in der Galerie? Weg. Einen Meter 70 groß? Weg. Kurze Haare? Lebt 200km weit weg? Entspricht nicht exakt dem, was du dir vorgestellt hast? Wegwegweg…

Perfektionismus hat nichts damit zu tun, den richtigen Partner für eine erfüllte Beziehung zu bekommen. Für genau die Beziehung, wie ich sie mir in meinen einsamen Stunden ausmale. Manchmal gleicht diese übrigens jener, die schon vor einiger Zeit zu Ende gegangen ist.

Nein, Perfektionismus ist meine eigene Weigerung voranzugehen. Online Dating hält mich davon ab hinzusehen, wie es zum Scheitern des Kennenlernens kam. Es liegt ja am Anderen. Ich muss nur den/die Richtige/n finden.

5. Online Singlebörsen fressen Zeit

Uhren bestimmen Mann„Vielbeschäftigt wie ich bin, bleibt mir wenig Zeit, einen Partner in der realen Welt zu suchen. Für mich ist Online Dating ideal.“

Ist es nicht.

Die Zeit, die es braucht, um durch Profile zu klicken, Nachrichten zu schreiben und nachzudenken, was witzig, interessant und verführerisch klingt, genau diese Zeit braucht es, sich mit jemanden beim Bäcker, in der Mittagspause, in der Bahn oder beim Sport zu unterhalten.

„Keine Zeit“ ist die beliebteste Ausrede unserer Zeit – für Unaufmerksamkeit, Rücksichtslosigkeit und die Angst unter Leute zu gehen. Manchmal haben wir tatsächlich viel zu tun, aber das hat wenig Bedeutung. Um jemanden kennen zu lernen, müssen wir einzig und allein neugierig und offen sein.

Das sind wir nicht immer gleich nach einer gescheiterten Beziehung – und manchmal auch dann nicht, wenn wir denken, wir wären schon bereit für eine neue. Online Dating hilft uns, die Augen zuzuhalten, damit wir da nicht so genau hinsehen.

Wir tummeln uns täglich im Portal. Anstatt ein erfülltes Leben zu genießen und Leute kennen zu lernen, führen wir uns ständig vor, was „fehlt“ und bilden uns ein, es online zu finden. Das gehört zur virtuellen Illusion.

Aber XYZ hat sofort den Partner fürs Leben gefunden!

Versteh mich nicht falsch: Ich weiß, dass man mit Online Dating Erfolg haben kann. Ich behaupte auch nicht, dass offline alles einfacher ist und wir digital ignorieren sollen. Nur ist Leben und Partnerschaft zu kostbar, um auf ein Online Dating Portal zu setzen.

Zukunft des Online Datings?

Matthew Hussey, DER Dating-Coach in USA, bezweifelt ebenfalls die Nützlichkeit der Online-Dating Portale, obwohl er und seine Kundinnen keineswegs digitalabstinent leben. Er träumt die Entwicklung im Dating-Business deshalb weiter.

Schau dir an, was die Zukunft bringt… 😉

Und schreib mir! Was hast du für Online Dating Erfahrungen gemacht?

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Küchentisch-Serien: Carrie Mae Weem’s Blick ins Alltägliche

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Carrie Mae Weems Küchentisch-Serien
Tipp

Küchentisch-Serien: Carrie Mae Weems‘ Blick ins Alltägliche

Carrie Mae Weems, Fotografin und Videokünstlerin – verewigt in der Blockbuster-Filmgeschichte:

Catwoman (Halle Berry)Was hat Carrie Mae Weems mit Catwoman zu tun? weiß nicht, wie sie mit den unzähligen Möglichkeiten eines Lebens umgehen soll.

Was werde ich mit meinem Leben anfangen? fragt sie eine Freundin.

Du kannst immer noch eine Künstlerin werden wie Carrie Mae Weems.

Eine Zeile nur in einem Dialog: Sie ist Ermutigung für Frauen, vor allem für kreative Frauen. Für diejenigen, die wie Carrie Mae Weems durchs Leben gehen, herrscht nämlich kein Mangel mehr an Ideen; sie haben die eigene Stimme gefunden, suchen im Alltäglichen das Besondere.

Was ein Küchentisch erzählt

Die Stärke von Carrie Mae Weems ist ihr Blick.

Er verwandelt das, was jede Frau kennt; etwas, das „gewöhnlich“, Teil ihres Alltags ist, bekommt eine eigene Geschichte, eine Existenz.

Wie oft sitzen wir am Küchentisch? Täglich, zwei, dreimal – mindestens. Wir sitzen oft und meistens auch gern in der Küche, dem gemütlichsten Platz unseres Zuhauses.

Wie oft aber denken wir tatsächlich an ihn, den Tisch? Überlegen wir uns jemals, was er im Laufe der Jahre erlebt? Welche Geschichten könnte er erzählen?

In den Küchentisch-Serien  (Kitchen Tables Series) lässt Carrie Mae Weems den Tisch erzählen, was Zusammenleben mit den Jahren bedeutet. Die Künstlerin fotografiert, was täglich vorgeht, was auf ihm und um ihn herum geschieht. Dadurch sagt sie auch ohne Worte viel.

Die Kitchen Tables Series seien Resultat eines Umzugs in eine Kleinstadt.

Carrie Mae Weems: Ich habe damals viel darüber nachgedacht, was es bedeutet, eine eigene Stimme zu entwickeln.

Ihre Fotografien waren eine Art Antwort darauf, was sie sich selbst fragte. Sie sollen zeigen, was ihrer Meinung nach eine eigene Stimme ausmacht. Was braucht es, um sie als eigene zu erkennen?

Sie muss allgemeingültig sein,

… darf nicht bloß eine Stimme für afroamerikanische Frauen sein

Deshalb schaut Weems bis heute allen Frauen ins Leben.

Warum Frauen die eigene Stimme vergessen

Mit acht Jahren ist den meisten Mädchen klar, dass ihre Stimme zählt. Sie haben ein Wörtchen mitzureden, wenn es um sie selbst geht. Sie wissen also um ihre Pläne, ihre Vorlieben, ihre Zukunft – vertrauen ihrem Ausdruck, vertreten ihre Überzeugungen.

Leider vergessen die meisten Mädchen diese Stimme im Laufe der Pubertät – andere, vermeintlich wichtigere Fragen verdrängen sie.

  • Was denken die Andere von mir?
  • Was kommt bei Jungs an?
  • Bin ich zu dick?
  • Esse ich das Richtige?
  • Mag mich die Gruppe?

Die eigene Stimme verschwindet oft mit all diesen Fragen. Um sie wieder zu finden, brauchen Frauen brauchen oft viel Zeit.

Carrie Mae Weems zeigt ihnen, wie sie sich selbst schneller wiederfinden: Mit einem Blick auf das Besondere im Alltäglichen.

Dafür muss eine Frau nicht einmal weit gehen. Es reicht der Weg zum Küchentisch.

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Der dumme Kaufmann wettet
Nebiga

Als der dumme Kaufmann wettete

Es lebte einmal ein dummer Kaufmann in Jaipur, Indien. Der war so dumm, dass ihm das Gold hinterherlaufen musste, damit es sich vermehren konnte.

Dieser Kaufmann beschloss eines Tages seine Frau heim zu holen. Geheiratet hatte er sie, als sie noch ein Kind war – vor sechs Jahren war das. Oder waren es acht? Es strengte ihn an, sich zu erinnern. Das Mädchen, das seine Frau war, lebte sowieso noch in Laslot bei ihrem Vater. Und das war bis jetzt gut gewesen… denn der Kaufmann konnte keine Änderungen vertragen und solche, die seinem Haushalt störten, schon gar nicht.

Aber nun war seine alte Amme gestorben. Die Frau, die alles von ihm gewusst, für ihn gesorgt und natürlich auch seine Dienerschaft dirigiert hatte. Plötzlich fand er, dass ihm die Gesellschaft seiner Frau doch gut tun würde – und es für sein Wohlbefinden unerlässlich sei, dass sie nach dem Rechten sähe.

So brach er auf und reiste nach Laslot.

Wie er seine Frau holte

Gib mir meine Frau! Ich will sie mit nach Hause nehmen, sprach er, kaum hatte er das Haus seines Schwiegervaters in Laslot betreten.

Sei doch nicht so ungeduldig. Setz dich, lass dich bewirten! Erzähl, wie ist es dir ergangen?

Keine Zeit, widersprach der dumme Kaufmann. Ich will nicht länger von zuhause weg bleiben als nötig. Zu erzählen habe ich nichts: Der Tag kommt, der Tag geht. Dazwischen passiert nicht viel.

Der Schwiegervater klatschte die Hände über dem Kopf zusammen. Der Kaufmann war sogar zu dumm zu erkennen, wann es Zeit war, höflich zu sein. Seufzend ließ er seine Tochter Namina holen.

Die ideale Frau für einen dummen Kaufmann

naminaNamina war zu einer hübschen jungen Frau heran gewachsen: Folgsam, tüchtig und nicht allzu klug.

Klüger zwar als es ihr Mann zu sein schien, fand der Vater, aber nicht so klug, um unfolgsam zu sein. Sie würde jedem eine gute Frau sein, auch für einen ganz anderen Mann als den dummen Kaufmann.

Und diese Frau hatte, kaum dass sie ihren Mann durch das Tor reiten sah, alles für die Abreise vorbereiten lassen. Ihre Kleider waren mittlerweile gepackt, Proviant aufgestockt und der Esel gesattelt. Namina war bereit, ihrem Mann nach Jaipur in ihr neues Heim zu folgen, als sie vor ihn trat.

Und das war gut so.

Ich hoffe, du bist fertig. Ich möchte keine Zeit verlieren.

So begrüßte sie ihr Mann. Namina ließ sich’s nicht verdrießen und nickte freundlich. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater. Dem allerdings war das Herz schwer. Weniger davon, dass er ein Kind ziehen lassen musste, als davon, mit welchem Mann es davonzog.

Die beiden machten sich unverzüglich auf den Weg. Die Rückreise schien dem Kaufmann ein bisschen angenehmer als die Hinreise: Namina bereitete das Mahl, wenn sie lagerten; sang, wenn sie Wasser schöpfte; teilte bereitwillig ihr Lager mit ihm und schwieg, wenn er ob des beschwerlichen Wegs jammerte oder auch nur seine Ruhe wollte. Es war, als würde sie die Wünsche ihres Mannes spüren, als wüsste sie, was er wollte noch ehe er selbst selbiges wusste.

Mit ihr kann ich meine Tage verbringen! dachte der dumme Kaufmann bald und beglückwünschte sich zu seiner guten Wahl.

Man wird ja wohl noch wetten dürfen

Kurz vor seiner Heimatstadt lag das Dorf Kanota, das sie durchqueren mussten.  Dort saß am Rande eines Feldes ein Mann. Der schien auf sie gewartet zu haben, denn als sie an ihm vorbei wollten, sprach er den dummen Kaufmann an:

Wohin des Weges, edler Herr?

Was geht dich das an?

Ehrwürdiger, verzeiht, dass ich Euch angesprochen habe! Aber ich brauche Euren Rat.

Nun, es kam nicht oft vor, dass jemand den dummen Kaufmann um Rat fragte, und so ehrerbietig schon gar nicht. So neigte er huldig sein Haupt.

  • Sprich!
  • Was meint Ihr? Lebt in diesem Sanddornstrauch ein Hase?
  • Ein Hase? Ich sehe keinen.
  • So meint Ihr, da gibt es keinen?
  • Ja, wenn man keinen sehen kann, gibt es keinen.
  • Würdet Ihr darauf wetten?

Just in diesem Moment zupfte Namina am Ärmel des Kaufmanns. Er schüttelte sie ärgerlich ab.

  • Natürlich würde ich darauf wetten! Was man nicht sehen kann, gibt es nicht!
  • Gut, dann wetten wir. Läuft ein Hase aus dem Busch, wenn ich schüttle, bekomme ich deine Frau.

Und der dumme Kaufmann schlug ein. Er hatte ja recht – Was konnte ihm schon passieren?

Es kam aber wie es kommen musste. Der Mann schüttelte den Busch, ein Hase flitzte entsetzt heraus und der Kaufmann war seine Frau los.

Was war das Gejammere groß

Da musste er Namina nun mit diesem Fremden ziehen lassen.

  • Seine Namina, die ihm das schmackhafte Mahl bereitete.
  • Namina, die ihm Wasser schöpfte.
  • Seine Namina, die ihm mit ihrem Gesang unterhielt.
  • Namina, die das Lager mit ihm teilte.
  • Seine Namina, die ihm seine Wünsche von den Augen ablas.

Namina war nun verloren! Das Entsetzen des dummen Kaufmanns war groß und wurde größer, je länger er darüber nachdenken konnte und je weiter der Fremde mit seiner Frau von ihm entfernte.

Hilfe für den KaufmannUnd weil der dumme Kaufmann nicht wusste, was er jetzt tun sollte, folgte er den beiden. Während er so hinter ihnen jammernd durch das Dorf Kanota kam, hörte ihn eine kluge Alte. Was denn los sei, wollte sie wissen, weil er so jammerte. Da erzählte er von seinem Schicksal.

Wer erzählt, wird aber auch gehört: Die Leute im Dorf versammelten sich um den dummen Kaufmann und hörten gemeinsam mit der Alten zu.

Und weil der Fremde mit Namina am Dorfplatz eine kleine Rast machte, dauerte es nicht lange und die Leute holten die beiden, um ihre Version der Geschichte zu hören.

Ja, bestätigte der Fremde. Ja, der Kaufmann hat die Wette verloren! Der Hase ist aus dem Sanddorn gesprungen. Wir haben es alle drei gesehen.

Was redest du da für einen Unsinn, rief die kluge Alte. Mir gehört das Feld neben dem Busch. Im Sanddorn lebt, wie ich sehr gut weiß, kein Hase, nur eine Häsin. Ihr habt eine Häsin aufgeschreckt!

Da sah der Fremde seinen Wettgewinn entschwinden. Er schaute auf die Stirnen der Dorfbewohner, die sich runzelten und wusste, dass er verloren hatte. Beschämt ging er davon.

So bekam der dumme Kaufmann seine Namina zurück.

Und als Draufgabe zog die kluge Alte mit ihnen nach Jaipur.

Allein lassen – fand sie – konnte man diesen Kaufmann nicht!

Tipp für den 3. Dezember

Vorausgesetzt euch läuft das Gold nicht hinterher… ihr könntet es auch drucken. Oder reicht euch selbstgemachtes Weihnachtspapier?

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Im Internet gelernt
Leo Nerdette

Internet: Schon etwas Neues gelernt?

Das Internet hat durchaus seine Daseinsberechtigung. Darauf muss ich jetzt einmal hinweisen!  Auch wenn ihr zum Himmel blickt – „Na klar , was denn sonst,“ denkt und „Erzähl uns etwas Neues,“ sagt.

Da draußen gibt es Leute, die das Internet für eine Zeitfressmaschine halten. Vielleicht ganz praktisch zum Online-Shoppen, zum Ticket kaufen, Reise buchen, im Kontakt mit Familienmitgliedern und Freunden bleiben oder sich durch den Tratsch und Klatsch über Prominente klicken.

Bei all diesen Tätigkeiten frisst das Internet Aufmerksamkeit, genauso wie das gute, alte Fernsehen.

Diese Leute ärgert dieser Gebrauch des Internets, sie sprechen von Sucht, Aufmerksamkeitsdefizit und Erfahrungsarmut.

Zeitfressmaschine Internet

Stimmt das aber mit der Zeitverschwendung? Zahlen helfen manchmal, deutlicher zu sehen: Im Durchschnitt verbringen die Deutschen täglich zwei Stunden und acht Minuten im Netz – 20 Minuten mehr als noch 2015.

Unter 30-Jährige bringen es auf fast doppelt so viel Internetzeit: Sie surfen täglich etwas mehr als vier Stunden. 4 mal 7 = 28 Stunden also. Diese Zahlen stammen von der ARD/ZDF Online Studie. Die Postbank hat ebenfalls untersucht, wie lange Deutsche im Internet sind. Sie kommt auf 40 Stunden pro Woche – und das bereits 2015.

Gehen wir trotzdem von 28 Stunden pro Woche aus. Was machen wir in den 28 Stunden im Internet?
Infografik: Das machen die Deutschen im Netz | Statista

Netzwerken und Online-Shoppen wie es scheint, ein bisschen Streamen und Spielen, dazwischen noch schnell Finanzielles regeln oder telefonieren.

Oberflächlich betrachtet hat der Urvater des Internets, Tim Berners-Lee, durchaus erreicht, was er wollte:  Die Mehrheit nutzt soziale Netze.

Doch eigentlich wollte er nicht nur Personen miteinander verbinden, sondern vor allem den Informationsaustausch erleichtern.

Er wollte, dass die Wissenschafter mithilfe des Internets schneller voneinander lernen. Er wollte Forscher zusammenbringen, die an ähnlichen Themen arbeiteten. Er wollte, Lernen erleichtern. Die Idee ist nach wie vor großartig. Die Gelegenheit haben wir dank Internet sogar noch immer. Die Frage ist, ob wir sie wahrnehmen.

Jeden Tag etwas Neues

Die Herausforderung für uns: Entdecke jeden Tag etwas Neues – allerdings etwas, das Bedeutung für dich hat!

Das heißt nicht, dass wir die  zwei bis vier Stunden ununterbrochen nach etwas Bahnbrechenden suchen sollen. Nur einen Teil davon sollten wir dafür verwenden, über etwas nachzuforschen, das uns immer schon interessiert und nichts mit unserer Arbeit zu tun hat.

Damit es mir leichter fällt, habe ich für die nächsten 5 Tage ein Programm aufgestellt:

  1. Entdecke einen neuen Autor, Blogger oder Dichter.
  2. Lerne etwas über eine Stadt, die du schon immer besuchen wolltest.
  3. Lese etwas über ein Kunstwerk, das dir immer schon besonders gefallen hat.
  4. Erkundige dich über einen Alltagsgegenstand (Woher kommen die Löcher im Käse z. B.).
  5. Erforsche eine Idee, die schon länger in deinem Kopf herumspukt.

Da ich aber nicht bloß Herumsurfen will, habe ich noch zwei action item, wie es so schön Neudeutsch heißt hinzugefügt – zwei zusätzliche Aufgabe also:

  • Im Notizbuch die Fakten notieren!
  • Im Blog verarbeiten.

Wenn du bei dieser Internet Challenge mitmachen willst, melde dich unter redaktion@nebiga.net

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