Nebiga

Wer ist sie, die Hexe Baba Jaga?

Die Hexe Baba Jaga

Baba Jaga sei eine Hexe, behaupten die Leute – eine Frau, die anderen durch Zauber schade. Stimmt nicht ganz. Baba Jaga ist anders als alle anderen Hexen. Das fängt damit an, dass sie keinen Besen fliegt. Besen sind zum Fegen da. Und damit basta.

Wenn sie sich schon fortbewegen muss, dann bitte bequem in einem Mörser sitzend, nicht auf einem Holzstab, der zwischen den Beinen zwickt. Ihr Fluggefährt dirigiert sie mit dem Stößel, denn sie braucht ein Ruder – Mörser fliegen einfach drauflos oder trudeln im Kreis, wenn niemand ihnen sagt, wo es lang geht. Später dichteten die Erzähler*innen einen Besen dazu. Baba Jaga hätte mit ihm ihre Spuren verwischt. Als hätte sie das nötig! Wehren konnte sich die Zauberin immer.

Hütte auf Hühnerbeinen: Wo es richtig gemütlich ist

Die Hütte der Baba JagaAllerdings verlässt sie ihre Hütte mitten im Wald nicht gern. Da muss schon jemand versuchen, gegen ihre Gesetze zu verstoßen oder ihr etwas zu stehlen. Sonst hält sie es nicht mit dem Reisen, selbst im Mörser nicht.

Steht doch ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen! Damit kann sie so weit fort gehen, wie sie will. Nur will sie meistens nicht. Ihr gefällt der dichte Wald schon ganz gut, wenn er auch mehr und mehr mit diesen Menschen bevölkert ist. Mittlerweile sind sie überall und riechen verlockend. So gerne würde Baba Jaga sie fressen. Aber heute gibt es viel mehr als sie verdauen könnte. Sie wartet lieber, bis sich ein Mensch zu ihr verirrt.

So schrecklich die Alte ist, kommt doch Besuch. Allerdings lässt sie nicht jede*n herein. Ihr Hüttchen kehrt jede*r  den Rücken zu; außer du weißt vom Schlüssel:

  • Hüttelein, Hüttelein! Stelle dich mit dem Rücken zum Wald, mit der Vorderseite zu mir!
Vasilia im Garten der Baba Jaga

Rosenkugeln der Baba Jaga

In ihrem Garten stecken Babas besondere Rosenkugeln. Statt einer Glaskugel hat sie Totenschädel genommen: Trophäen aus einer vergangenen Zeit. Der Zeit, als Baba Jaga noch als weise Gottheit galt und nicht als Hexe. Die Augenhöhlen der Toten glühen noch, geben Feuer, Licht und versetzen in Angst und Schrecken.

Die Menschen werfen sie mit den Hexen in einen Topf, weil beide einen gemeinsamen Gegner haben: die Priester. Diejenigen, die den alten Glauben zunichte gemacht haben. Vor allem den Glauben an Muttergottheiten und weise Frauen. Diese Priester haben an allen Ecken und Enden Klöster, Kirchen, Ideenhäuser gebaut; Baba Jaga und ihre Freund*innen mehr und mehr in den Wald gedrängt.

Baba Jaga und die slawischen Märchen

Sie ist das, was sie immer war: eine schillernde Figur. Eine mit vielen – mit besonders häßlichen – Gesichtern: Ihre Lippen hängen bis zum Kinn. Die Nase wächst lang und krumm, dicke, schwarze Warzen verunstalten ihre Wangen. Eisernen Zähne blitzen.

Wen ihr Anblick allerdings nicht schreckt, den inspiriert sie. Den Slawen war Baba Jaga Wolke, Mond, Tod, Winter, Schlange, Vogel, Pelikan oder eben Göttin der Erde… eine Heidin. Kurz: Sie war die weise Alte.

Und in diesen slawischen Märchen treibt sie ihr „Unwesen“:

Ist sie böse? Ist sie gut?

In den Geschichten, die über sie in Umlauf sind, zeigt Baba Jaga, dass sie beides kann. Wer zu ihr kommt, muss arbeiten, muss loyal und ehrlich sein. Auf keinen Fall aber unterwürfig! Nichts hasst sie so sehr wie Menschen, die sich selbst nicht vertreten können.

Sie fordert, sie bestraft und belohnt.

der Ritt der Baba Jaga

Wer wagt es, von so einer Schreckschraube ein Porträt zu malen? Ein Mann, der schon vor langer Zeit ausgezog, um das Fürchten zu lernen: Iwan Jakowlewitsch Bilibin. Gelungen ist ihm eines der schönsten Märchenbücher der Jahrhundertwende.

Märchenbuch

Russische Märchen. Nach den Einzelausgaben der Kaiserlichen Druckerei in Petersburg aus den Jahren 1901-03, ed. Dr. Martin Löpelmann. Mit Zeichnungen von Iwan J. Bilibin

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