Hades am Eingang seines Reiches
Nebiga

Gott Hades sucht die Frau fürs Leben

Zeus, der Göttervater der Griechen, teilte die Welt unter sich und seinen Brüdern auf. Damit es gerecht zugehe, ließ er das Los entscheiden, welchen Teil wer bekommen sollte. Sein ältester Bruder, Hades, zog die Unterwelt. Andere wären mit diesem Los unglücklich gewesen. Sie hätten sich sogar beschwert, Gott Hades aber war zufrieden. Ihm sollte nun ein gigantischen Reich gehören – ein unterirdisches zwar, jedoch eines von besonderer Schönheit, durchschimmert vom Zauber der Dunkelheit.

Der Gott zog sich sofort auf seine neuen Ländereien zurück; machte sich mit ihnen, ihren Grenzen und den Bewohnern vertraut und regierte. Er nahm seine Pflichten ernst: Den Seelen der Verstorbenen ein Zuhause zu geben, war eine davon. Streit zu schlichten, eine andere. Außerdem galt es, die Schätze der Erde zu beschützen und über die wenigen Zugänge in sein Reich zu wachen. Nicht jeder durfte in die Gefilde der unteren Welt: Nur Seelenschatten und Träume. Über sie herrschte er:

Gerecht, sagten die Griechen, nannten den Gott aber auch den Unbeugsamen, den Furchtbaren.

Wenn es seine Pflichten erlaubten, streifte Hades durch die Lande; an den Felsufern der Seen entlang; zwängte sich durch Kalk-Passagen, über Schluchten in Tropfsteinhöhlen, die wie Paläste hochragten. Wände schimmerten, durchzogen von Granat-, Kohle- oder Gneisadern; Diamanten funkelten. Es gab so viel zu entdecken! In den Gewölben der Höhlen hielt der Gott an, atmete tief ein; ließ den Geruch durch seine Nase strömen – den nach Moder, Erde und Stein. Er genoß die Weite; lauschte in die Ruhe seines Reiches.

Doch manchmal sang diese in seinem Kopf – und er erinnerte sich: An die Freude… das Licht und die Farben der Oberwelt. In einem solchen Augenblick wünschte sich Hades eine Frau.

Eine Göttin sollte es sein

Dann wusste er, es war an der Zeit, seinen Bruder zu besuchen. Vom Himmel aus ließen sich die Frauen der Welt besser begutachten und Zeus war nie abgeneigt, einen Blick zu riskieren: Die Brüder lugten dann auf die Erde hinunter.

Vom Himmel herab

  • Was sagst du zu der?
  • Zu blond.
  • Und die?
  • Was soll ich mit einer Nymphe?
  • Hmmm, aber die. Die wär‘ doch was? Sieh‘ dir bloß diesen Hintern an! Was meinst?
  • Eine Sterbliche? ZEUS, sie soll meine Königin werden!
  • Na, wenn du nicht… Ich wäre nicht ab… ohh… sie bückt sich…

Wenn er bloß einmal bei der Sache bleiben könnte! Hades fuhr seinem Bruder an:

  • Zeig‘ mir nur die Göttinnen, die noch keinen Gatten haben!

Doch so einfach, wie der Gott es sich vorgestellt hatte, war es nicht: Selbst als er eine fand, die ihm gefiel und die sich nicht vor einem näheren Kennenlernen sträubte, gab es eine Hürde, die keine nahm: Keine wollte mit ihm in die Unterwelt, geschweige denn dort bleiben.

Hades kehrte allein zurück in sein Reich; machte weiter wie bisher: Herrschte, schlichtete, wachte, streifte umher – und lauschte der Stille.

Bis eines Tages… Lachen seine Ruhe störte. Es perlte an sein Ohr und riss ihn aus den Gedanken. Nach dem Lachen hörte er eine Stimme:

  • Lasst mich! Ich klettere da jetzt hoch! Da oben war ich noch nie!
  • Ach was, ihr redet ja wie Mutter…
  •  Ohhh – dieser Blick – und erst das Licht! Wartet nicht auf mich, hier male ich!

Natürlich musste Hades nachsehen, was los war. Jemand befand sich an der Grenze SEINES Reiches – und es dürfte sich um keine Seele handeln. Genau dort, wo das Dunkel der Unterwelt auf das Licht der Oberwelt traf, spähte er aus der Höhle nach draußen. Er blinzelte; es dauerte eine Weile bis sich seine Augen an das Licht gewöhnten.

Da sah er sie zum ersten Mal: Persephone, die göttliche Maid.

Und was Hades sah!

Persephone war die Jugend, die Frische selbst. Sie war der Wind, der zart durch die Haare streift oder das Morgenrot, das die Dämmerung vertreibt. Alle Menschen, ja sogar die Götter, waren in sie verliebt; ein bisschen jedenfalls: so ähnlich wie in den Anfang eines Abenteuers; wie in den Funken einer Idee.

Dieses göttliche Wesen saß nun vor ihm auf einem Felsen, ein Blatt auf dem Schoß und malte. Er konnte sich nicht satt sehen. Alles war ein Fest für seine Augen: Die Farbkleckse auf ihrem Kleid genauso wie ihr zerwuscheltes Haar und die bloßen Füße.

Diese Göttin war für ihn gemacht. Endlich hatte er sie gefunden!

Er musste handeln, aber wusste so schnell nicht, wie. Glücklicherweise kommt auch Göttern hin und wieder der Zufall zu Hilfe: Diesmal in Form von Donnergrollen.

Persephone war so vertieft in ihre Malerei, dass sie es nicht zu bemerken schien. Es blitzte. Ihre Begleiterinnen riefen von fern. Doch erst als der Regen auf das Blatt tropfte, sah Hades sie aufspringen. Das Blatt an ihre Brust gepresst blickte sie sich um; näherte sich dem Busch vor der  Felsspalte, hinter der  er lauerte. Ihr Ellenbogen berührte den Strauch.

Da griff Gott Hades zu.

Advent, Advent – ein Lichtlein brennt! Erst eins…

Geduld! Wie’s weiter geht, erfährst du am zweiten Adventsonntag 😉

Schaut rein! Ich freu‘ mich auf euch 🙂

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La Catrina
Nebiga

Wer ist La Catrina?

Eine Dame mit Federhut schreitet inmitten all der Kürbisköpfe, Monster, Geister: La Catrina schwingt ihre Seidenröcke, streicht die Bluse glatt und reckt das Kinn. Ihr Blick streift über das rege Treiben in der Gruselnacht. Was bitte hat sie mit Halloween zu tun? Gut, sie marschiert bei Umzügen mit; überall in der Welt laden Menschen sie ein, die Feste in der Nacht vom 31. Oktober mit ihnen zu feiern. Warum also sollte sie nicht?

Flaniert sie nicht für ihr Leben gern? Sie liebt es, wenn Menschen sie umjubeln; dass sie sich verkleiden, sich als ihr Ebenbild schminken. Als Catrina tanzen, lachen, Süßigkeiten schlecken. Mit ihr den Tag feiern und die Nacht. Wundert La Catrina ihr Erfolg unter den Halloween-Masken? Mitnichten. War denn etwas Anderes zu erwarten – so wie sie aussieht? Natürlich genießt sie den Ruhm, kostet jeden Moment aus.

Wenn sie aber einmal inne hält und in sich hört, spürt sie, wie schal dieser ist. Spätestens um Mitternacht sehnt sich La Catrina nach Hause – sie will zurück nach Mexiko.

Dort nämlich enden die Feiern noch lange nicht, dort fangen sie erst richtig an. Zuhause hat La Catrina eine Geschichte, ist sie nicht nur eine Maske, ein Tatoo oder Abziehbild. Ihre Landsleute holen sie am Día de Muertos zu sich ins Haus; geben ihr zu essen und zu trinken; tanzen und unterhalten sich mit ihr. Sie wissen:

La Catrina gehört zum Leben wie der Tod.

20. 01. 1913: Mexikostadt, Calle Santa Inés

José Guadalupe PosadaDon Lupe?

Die Stimme huschte unter dem Rolladen in den Laden. Kaum war sie durch, verharrte sie vor dem Dunkel. Sie fühlte sich zu schwach den Raum zu erkunden; schickte vorsichtshalber ein kleines Echo weiter. Als Kundschafter sozusagen. Das Echo drang vor. Vorsicht! Gerade noch rechtzeitig erfühlte es den Widerstand, kletterte den Tresen hoch.

Oben angekommen schlängelte es sich zwischen Papierstapeln und Holzschachteln hindurch, sprang auf der anderen Seite in die Tiefe. Kaum spürte es wieder Boden, strebte es weiter vorwärts. Umwehte Tisch- und Stuhlbeine, kletterte noch einmal hoch. Auf dem Tisch wich es Zink- und Bleiplatten aus, Sticheln und bedrucktem Papier – bis es sich an einer Wanne stieß; Säure schwappte über. Das Echo schrie, purzelte gegen eine Druckerpresse und verhauchte.

Die Stimme erschrak. Sollte sie doch lieber die Treppe zu ihrer Linken hochklettern? Würde sie es überhaupt bis oben schaffen?

Rrrrtsch…

Ihre Besitzerin schob den Rolladen gänzlich hoch.

Don Lupe! Sind Sie da?

Endlich – Verstärkung! Jetzt stürmte die Stimme treppauf. Im ersten Stock fegte sie über den Gang geradewegs auf eine Tür zu. Diese stand offen, hinderte sie nicht. Also sauste sie in den Raum, drang in jede Ecke, füllte ihn vollständig aus.

Wenn eine Stimme nur Augen hätte!

Dann hätte sie ihre Besitzerin warnen können. So aber blieb Consuelo, der kleinen empanadera (Teigtaschen-Verkäuferin), keine Zeit sich vorzubereiten. Sie folgte ihrer Stimme nach oben und trat in die Wohnräume des Hauses.  Vor ihr lag ein umgekippter Stuhl und daneben – das Mädchen schrie.

Wortschatten und Tote zu Besuch

Die Stimme hatte schon Erfahrung; sie wußte, wenn sie schrillt, verursacht sie Chaos. Wie groß dieses ist, hängt von der Stärke des Schreis und seiner  Tonlage ab. Bloß ein Schreck oder gleich Panik? Jetzt gellte sie bis hinaus auf die Straße: Menschen liefen in den Laden, polterten die Treppe hoch. Sie stießen die Schreiende zur Seite, um zu sehen, was passiert war.

calavera Tragt ihn raus! In die frische Luft!

rief einer.

Höchstens noch mit den Füssen zuerst!

murmelte ein anderer.

Schließlich holte man den Arzt.

Als dieser kam, lag der Bauchladen mit den Teigtaschen immer noch am Boden neben dem Toten. Die empanadera hockte in einer Ecke – ebenso unbeachtet. Das Kinn hatte sie auf das Knie gestützt, die Arme um die Beine geschlungen. Es standen nur noch wenige Neugierige herum.

Weiß jemand, wer das ist? Wie heißt er?
fragte der Arzt. Die Umstehenden blickten sich gegenseitig an, zuckten mit den Schultern

Das Mädchen aber richtete sich auf.

Don Lupe?,

sagte es.

Posada… José – glaube ich.

Der Stimme fiel selbst auf, dass sie zitterte. Schuld gab sie den „Schatten“. Echos einmal gesagter Worte, die durch den Raum waberten. Sie flüsterten:

  • Hier, Junge, nimm! Die ist fertig.
  • Bade sie in Säure.

und legten sich auf auf ihre Bänder. Drei Sätze nur, aber sie besaßen Kraft. Sie drückten schwer, so als hätte Don Lupe sie noch am Morgen dieses 20. Januars anno 1913 ausgesprochen.

Kannten Sie ihn gut?

fragte der Arzt.

Consuelo betrachtet die Leiche: Diese glich einer Wachspuppe, die Haut schimmerte. Im Leben war Don Lupe ein beleibter Mann gewesen, jetzt kam er ihr zerbrechlich vor. Als wäre er geschrumpft. Wo war die Kraft, seine Energie?

Nichts ist demokratischer als der Tod

Ihre Route führte sie täglich zur gleichen Stunde an Don Lupes Druckerei vorbei: Er saß immer im ersten Stock am Fenster. An manchen Tagen blickte er auf die Straße unter ihm, schien zu beobachten: die Flanierer, die Hausfrauen, die eilten, um das Essen vorzubereiten; Revolutionäre oder Regierungstruppen, die sich gegenseitig verfolgten. Meistens aber hatte Don Lupe den Kopf über eine Zinkplatte gebeugt und stichelte eine seiner Zeichnungen, wenn Consuelo im Chor der Straßenhändlerinnen rief:

Empanadas de pollo, de queso, de mole, Empanadas de atún!

Sobald Don Lupe aufsah und winkte, brachte sie ihm Teigtaschen in den Laden. Immer kam er schwerfällig die Treppe hinunter. An der Ladentheke nahm er drei Teigtaschen entgegen und biss gleich in eine. Solange er kaute, leistete Consuelo ihm Gesellschaft.

Bei ihrem ersten Besuch stöberte sie im Laden herum. Blätterte in den Zeichnungen  – einige fand sie in Schränke gestopft, andere lagen in Stapeln auf Stühlen. Die Zinkplatten sollte sie erst später entdecken. Sie waren alphabetisch geordnet in Schubladen verstaut, wovon immer eine offen stand. Zeuginnen emsigen Schaffens. Don Lupe aß im Stehen.

Auf den Augen des Toten lagen Münzen.

Don Lupes Augen hatten ihr von Anfang an gefallen: das Zwinkern in den Winkeln, die Schicksalsschläge auf der Iris – sie schienen zu verstehen; machten Mut. Deshalb hatte sie damals auch zu fragen gewagt: Was die Zeichen neben den Bildern in den Gazetten bedeuten würden, war eine solche Frage. Ob er sie lesen lehren könne, eine andere.

Gegen Empanadas  – ja?

Sie wunderte sich anfangs darüber, dass der Drucker sich überhaupt auf den Handel einließ.

Zwei am Tag…

hatte er gesagt,

und du leistest mir Gesellschaft, erzählst mir von dir.

Siesta-Gespräche

Später sollte Consuelo entdecken, dass sie oft wochenlang der einzige Mensch war, mit dem Don Lupe sprach. Seit dem Tod seines Sohnes sei das so, hörte sie. Aber sie selbst blieb dem Meister zwei Jahre treu – kam zu Mittag und blieb eine Weile. Consuelos schlief nie zur Siesta.

Zunächst lehrte Don Lupe sie lesen, dann schreiben. Dazwischen hörte er ihr zu; horchte, fragte nach Details: Danach, wie sie lebten – die Straßenhändlerinnen; nach der Hierarchie unter ihnen. Ganz oben die garbanceras, die in Korsett und HighHeels Kichererbsen verkauften und sich für etwas Besseres hielten. Ganz unten die empanaderas aus den umliegenden Dörfern in den Sandalen und Blusen der Heimat. Analphabetinnen waren sie alle, nur sie schon bald nicht mehr.

Von sich aber erzählte er nie. Ihn kennen…?

Nein,  dafür hatten wir keine Zeit.

Wie der Tote da lag! Einen Arm weit von sich gestreckt; die Hand umklammerte eine Zinkplatte – so als wollte er sie jemanden geben. Consuelo sah dabei zu, wie ihm der Arzt die Finger brach. Betrachtete die Platte, als er sie auf den Tisch legte. Auf Don Lupes Arbeitstisch vor dem Fenster.

Das Bildnis einer Frau war darauf gestichelt. Einer Dame mit Federhut.

posadas garbancera nachgezeichnet

Wie sollte sie das jemals vergessen?

Vom Kampf einer Stimme

Consuelo räusperte sich. Wieder – und wieder:  über Wochen, über Monate. Die Stimme wurde diese Echos nicht los. Schlimmer noch: Erinnerungen ballten sich und rollten auf ihren Bändern. Sie schmeckten nach Wachs.

Empana… de…

Schon musste sie sich wieder räuspern oder aber sie krächzte. Sie konnte sich gegen die Rufe der anderen Händlerinnen nicht mehr durchsetzen. Die Kunden konnten sie nicht mehr hören. Die Stimme versagte.

Bald reichte es nicht einmal mehr für das Nötigste.

Auf der Straße tobte derweilen die Revolution. Menschenmassen wogten mal hierhin, mal dorthin. Alle  kämpften, um zu überleben.

Neun Monate nach Don Lupes Tod aber, am Día de Muertos, hielten sie kurz inne. Sie schmückten die Kirche mit Girlanden aus Studentenblumen; zogen Wege mit deren Blütenblättern bis in die Häuser – zu den Altären mit den Opfergaben.

Auf der Straße tanzten die Menschen, sie reichten sich calaveras – Totenschädel aus Zucker. Alle kauften sie Teigtaschen, Tequila und Totenbrot. Sogar eine Schmähschrift ging von Hand zu Hand.

Wer hätte das gedacht? La Catrina hilft…

La Garbancer - Ursprung von La CatrinaWas steht da?

fragten die Leute. Auf dem Titelblatt prangte ein Bild: die Dame mit Federhut.

Consuelo griff nach dem Blatt.

Ausverkauf fröhlicher Totenschädel, 

las sie laut.

Die heute gepuderte garbanceras sind, werden als deformierte Schädel enden.

Die Leute grinsten.

Lauter! Sprich doch lauter!

Nun trat die Stimme fester auf. Sie wollte, dass alle es hörten! Jeder sollte dieses Spottgedicht verstehen. Satz für Satz scheuchte sie die Schatten, zerbiss die Ballen der Erinnerung. Das Lachen blieb an ihrer Seite, gab ihr Mut. Strophe für Strophe.

Consuelo grinste. Sie erkannte, was sie Don Lupe erzählt hatte. Nun aber reimten sich ihre Geschichten, waren auf dem Punkt. Auch wenn die garbanceras säuerlich blickten – sie wärmte es: Sie fühlte das Zwinkern in Don Lupes Augen.

Eine Dame macht Karriere

Mehr als 20 000 Zinkplatten hatte Don Lupe im Laufe seines Lebens gestochen.

Und was bitte hatte er davon? Man verscharrte ihn in einem Grab Klasse sechs; genau zwei Freunde sahen  zu. Das war’s. Und ich?

Ihre Geburt stand wahrlich unter keinen gutem Stern! Wie La Catrina es unter solchen Umständen trotzdem schaffte, zu Ruhm zu kommen? Zu jenem Erfolg, der ihr gebührte? Ihrem „Vater“ verdankt sie es wahrlich nicht, findet sie.

Drei Pesos! Das müsst ihr euch vorstellen… für drei!

Dafür verhökerte Don Lupe ihr Bildnis an Antonio Vanegas Arroyo…

an diesen Sudelblatt-Verleger! Deformierter Schädel… ha… Wie konnte er es  wagen?

Ändern konnte La Catrina die Verleumdung nicht, aber das Beste daraus machen… überleben…

Das Blättchen drehte die Runde in der Stadt; La Catrinas Konterfei gelangte in die Hände der Jugend, in deren Gedächtnis. Vergrub sich da; schlief – und tauchte ganz unerwartet Jahrzehnte später wieder auf. Durch den Maler Diego Rivera zum Beispiel.

Ein medialer Schachzug – das!

Überlebensgroß inmitten einer Wandmalerei steht sie heute da: La Catrina, kerzengerade hält sie dem Kind Rivera die Hand, rechts neben sich seine Frau, die Malerin Frida Kahlo. Sogar ein Porträt des Druckers, eines von José Guadalupe Posada, gehört zur illustren Gruppe. Das Gemälde ist heute ein nationales Juwel – mit tausenden Besuchern im Jahr.

La Catrina blendet sie alle mit ihrer Schönheit: Mit dem Schädel des Todes unter einem Federhut.

Hay hermosas garbanceras
de corsé y alto tacón,
pero han de ser calaveras,
calaveras del montón.*

*Übersetzung: Es gibt garbanceras mit Korsett und HighHeels, aber sie werden Schädel sein, ein Haufen Schädel.

Beitragsbild aus  The Yucatan Times

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Cortés und die Löffelchen des Moctezuma

Großmutter erzählt
Nebiga

Großmutter erzählt nachts in der Stube

Dass eine Großmutter erzählt, gehört praktisch zum Berufsbild. Sie ist diejenige, der wir die Märchen verdanken – und die diese an die Enkelgeneration weitergibt. So ist die Idee. Aber woher stammt die eigentlich? Weil… wenn ich mich so umschaue… Omas heute gehen lieber in Yoga- oder Bauchtanz-Kurse und sind ständig unterwegs. Sie haben wenig Zeit im Lehnstuhl zu sitzen und den Kindern Geschichten zu erzählen.

Noch weniger entsprechen sie dem Bild, das die Brüder Grimm von ihrer Geschichten-Quelle malten. Sie wollten die Behauptung, die Märchensammlung sei rein deutsch und von nirgends her erborgt untermauern und erfanden für den zweiten Band der Kinder- und Hausmärchen eine idealtypische Erzählerin: die Viehmännin. Eine

  • Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn.

Tatsächlich handelte es sich bei der vermeintlichen Bäuerin um eine zwar arme, aber gebildete Schneidersfrau mit hugenottischen Wurzeln. Die Brüder Grimm bedienten also ein schon vorhandenes Bild, um an Leser zu gelangen. Eines, das bereits im Verschwinden begriffen, aber noch im Bewusstsein der Leute vorhanden war.

Vom Berufsbild der erzählenden Bäuerin

Winter ist’s, der Schnee liegt auf den Hängen und glitzert in der Dämmerung. In der Küche ist gut geheizt. Die Öllampe spendet Licht. Kinder zausen Wolle, die Magd kämmt sie.

Drei Frauen sitzen an ihren Spinnrädern. Sogar die Altbäuerin hat ihres hervorgeholt. Sie bückt sich zum ersten Flachsbündel, reicht es der ersten Frau, streckt sich nach dem zweiten, gibt es der anderen, greift zum dritten und setzt sich auf einen dreibeinigen Schemel.

Die Bäuerin beginnt zu spinnen und die Frauen tun es ihr nach. Holzpantoffel klopfen dumpf auf den Boden, Spinnräder surren, Daumen und Zeigefinger ziehen den Faden…

  • Großmutter, bitte! Erzähl‘ uns was!

Die Frauen nicken zustimmend. Sie waren schon am Morgen vom Nachbarhof aufgebrochen; drei Stunden dauerte es, um zu kommen. Sie sind gekommen, um zu helfen. Nebenbei  hören sie Überliefertes oder Erlebtes über Ehe, Geburt, Krankheit, Leben, Tod und — die Liebe.

Die Altbäurin lächelt, dreht das Rad und zwirbelt Flachs zum Faden. Es ist als hätte sie nicht gehört. Trotzdem verstummen die Kinder. Die Magd legt ein paar Scheite in den Ofen, die in der plötzlichen Hitze knacken und  knistern. Dann räuspert sich die Bäuerin müde.

  • Es war einmal…

— so fängt es an:

Und die Großmutter erzählt

Altbäurin mit SpinnradVielleicht ist es ein Märchen, vielleicht eine Geschichte aus dem Dorf, vielleicht beides in einem. Großmutter hat eine Vorliebe für Märchen und Erzählstoffe, die mit ihren umtriebigen Händen Schritt halten.

Sie bevorzugt als Erzählzeit das Präteritum, verwendet gern die indirekte Rede und Wörter, die heute nicht mehr jede* kennt. Während sich das Spinnrad dreht und ihre Hände beständig zwirbeln —

  • Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll

— spricht sie mit ruhiger, entspannter Stimme. Manchmal verweilt sie, übt sich in epischer Breite. Dann wieder spricht sie genauso, wie ihr Spinnrad sich dreht – monoton, stetig, wiederkehrend.

Wenn Großmutter erzählt, bricht ihre Stimme schon einmal. Man merkt ihr das Alter, den häufigen Gebrauch an. Doch solange es an diesem Abend Flachsbündel zu spinnen gibt, solange verstummt diese Stimme nicht.

Wie hört man einer Altbäuerin richtig zu?

Während Großmutter erzählt, sehen die Frauen und Kinder sie nie an. Sie sind in ihr Tun vertieft, spitzen jedoch ihre Ohren. Kein Wort darf ihnen entgehen! Je gebannter ihre Augen auf ihre Arbeit gerichtet sind, desto intensiver lebt ihr Geist in der Geschichte – und die Großmutter erzählt.

Die Holzpantoffeln klopfen, das Feuer knackt. Die Zuhörer*innen spüren die Furcht, das Erstaunen, die Liebe und Freude der Held*innen in sich. Trotzdem hören sie niemals auf zu arbeiten.

  • Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, daß ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selbst zufällt. (Walter Benjamin in seinem Essay über das Erzählen )

Bald nämlich wird eine* von ihnen erzählen müssen: Die Großmutter ahnt, dass ihr die Zeit ausgeht. Sie ist mittlerweile erschöpft; weiß,  dass sie bald keine Wolle mehr spinnen kann. Ihre Geschichten aber möchte sie weitergeben. Sie sollen weiterleben, jenseits von Geburt und Tod.

Tipp: Märchenerzähler*innen zuhören

Märchenerzähler*innen sind so unterschiedlich wie Schneeflocken. Deshalb solltet ihr genau so vielen lauschen, wie ihr finden könnt. Zur Winterzeit erzählen sie übrigens an allen möglichen Orten: auf Weihnachtsmärkten, in Schulen, in den Städtischen Büchereien, in Geschäften, beim Weihnachtsessen… hört euch einfach um! Es zahlt sich aus!

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Jaguarkrieger Cacaxtla, Garde des Moctezuma
Nebiga

Cortès und die Löffelchen des Moctezuma

Früher… ja früher war alles anders. Wenn damals aus einem historischen Ereignis eine Geschichte entstand, handelte sie meist von Männern. Nicht von irgendwelchen, sondern von denen, die regierten. Von einem wie der Allerheiligsten Majestät Karl V, zum Beispiel. Oder einem wie dem uey tlatoani, dem Großen Sprecher der Azteken: Moctezuma II.

Auch meine Geschichte erzählt von diesen beiden. Handeln aber… nun… in dieser Geschichte handeln zwei ganz andere.

Der Eine meiner Helden fragte sich an einem Morgen im Jahr Eins Rohr:

Warum nur strafen mich die Götter?

Erfüllte er seine Pflichten etwa nicht? Regelte er nicht von früh bis spät die Angelegenheiten anderer? Kaum schlug Cuautlipoc die Augen auf, überfielen sie ihn schon. Einmal waren es Moctezumas Boten, ein anderes Mal Bittsteller oder eben Nachrichten von einem der Küstendörfer wie an diesem Tag. Immer forderten alle, dass er sofort entschied, befahl oder bestrafte.

Ein Diener flüsterte ihm gerade zu:

  • Fremde sind mit riesigen Schiffen über das göttliche Wasser gekommen, Herr.

während Cuautlipoc selbst mit seinem Sohn beschäftigt war. Die Menge der Aufgaben überfiel ihn täglich neu –  überraschte ihn. So fügten es die Götter immer! Seine Pläne missachteten sie, verlangten aber die sofortige Unterwerfung unter die ihren. Dabei rollten die Diener gerade erst die Schilfmatte zusammen, auf der er schlief – und der Sonnenball lugte erst halb aus dem göttlichen Wasser.

Cuautlipoc blickte auf den Jungen, der vor ihm kniete; zog eine Augenbraue hoch und streckte den Rücken. Mächtig ragte das Familienoberhaupt auf. Sein Auge blitzte, gewohnt zu befehlen. Tief in ihm aber seufzte es.

  • Tete, es war nicht meine Schuld. Wir haben bloß…
  • Wir? Wer ist wir?
  • Nabi…
  • Halt! Ich will es nicht wissen. DU bist der Sohn eines Kriegers! Du kennst die Regeln. Hast du dich daran gehalten?

Respekt, Ehre, Dankbarkeit. Seit Monden schien sein Sohn, Itzel, alles mit Füßen zu treten, was ein Aztekenleben bestimmte. Es war als hätte er vergessen, dass er den Göttern diente. Wie konnte er nur! Die Lehrer im calmecac – der Schule für Krieger – hatten ihn heute nach Hause geschickt. Er wäre nicht würdig…

Sogar jetzt noch trotzte alles an dem Jungen. Wer, dachte er, dass er wäre? Dass er sogar hier und jetzt Widerworte wagte.

  • Aber…
  • Denkst du, dein Ungehorsam gefällt den Göttern?

Wenn die Väter der Azteken zürnen

Die Schultern des Jungen spannten sich. Wenigstens war er nicht dumm. Er wusste also, dass jedes weitere Wort die Lage verschlimmerte. Jetzt neigte er sogar den Kopf. Endlich! Der Junge irrte aber, wenn er glaubte, ihn – seinen Herrn und Vater – damit weich zu stimmen. Er, Cuautlipoc, würde niemals vergessen, was er den Göttern schuldig war.

Neuerlich trat ein Diener von der Seite an ihn heran, überreichte einen Speer. Cuautlipocs Finger legten sich wie in Trance um den Schaft. Vertrautes Gefühl! Er betrachtete die Spitze aus Obsidian und überlegte. Keine Zeit mehr für die angemessenene Strafe! Er konnte sie allerdings auch niemanden übertragen.

Während er nachdachte, legte ihm ein anderer Diener einen Umhang aus Leinen und Federn um die Schultern, verknotete diesen auf Brusthöhe  und schmückte seinen Hals mit einer Kette aus Glasperlen und Muscheln. Cuautlipoc nahm einen Federschild entgegen. Er war soweit.

Als Statthalter des großen Moctezuma gehörte es sich, die Fremden selbst in Augenschein zu nehmen. Er musste dem Großen Sprecher seine Augen leihen… Augen, Ohren und Mund. Eine weitere von unzählig vielen Pflichten.

  • Geh – ich kümmere mich um dich, wenn die Feuer bereit sind!
So bestraften Azteken ihre Söhne

Strafe für Aztekenjungen

Der Krieger wandte sich der Türöffnung zu; verschwendete keine Zeit, seinem Sohn zuzusehen, wie er sich auf den Knien rutschend zurückzog. Nichts würde dem Jungen Husten, Tränen und die Schmerzen ersparen. Ein Azteke musste lernen, die Götter zu ehren! Weder Flehen noch Fliehen würde ihm etwas nützen.

  • Bereitet Chili vor…

befahl Cuautlipoc den Dienern, bevor er sich der Türöffnung zuwandte und sich auf den Weg zum Strand machte.

Der andere atmete am 21. April 1519

Hernan Cortes,

Hernán Cortés aus ,Appletons‘ Cyclopædia of American Biography, v. 1, 1900, p. 748

Landluft. Hernán Cortés sog sie ein, ließ den Duft durch die Nase strömen, sich in ihm ausbreiten. Wie willkommen es dem spanischen Adeligen war – dieses Duftgemisch aus Sand, Seetang und Palmen.

Endlich hatte er das gelobte Land erreicht. Jenes Land, in dem es soviel Gold geben sollte, wie die Allerkatholischte Majestät sich nur wünschen konnte.

Und Cortés war hier gelandet, um sich seinen Anteil zu holen. Sich. Seinen Männern; ja und auch dem fernen König. Er würde nicht mit leeren Händen nach Spanien zurückkehren! Hatte er nicht alles, was er besaß, in diese Expedition gesteckt? Ein Abenteuer war es – ja, aber Cortés hatte höhere Ziele:

Mit Gott zu Gold und Ruhm!

An diesem Karfreitag anno 1519 beobachtete er seine Leuten, wie sie die Schiffe entluden. Alles wuchteten sie an den Strand: Kanonen, Gewehre, Rüstungen. Versteckt in den Dünen sicherten einige mit den bereits entladenen Kanonen den Strand. Andere bewegten die Pferde und Bluthunde, patrollierten, schossen Salut. Kein Grund sich zu verstecken! Die Indios sollten wissen, dass die Spanier gelandet sind. Kisten lagen verteilt im Sand.

Breitbeinig, die Arme hinter dem Rücken verschränkt überwachte Cortés die Arbeiten. 530 Soldaten und mehr als hundert Sklaven – Männer und ein paar Frauen. Sie alle standen unter seinem Kommando. Er war ihr Kapitän.

Seine Augen suchten den Horizont ab: Der Sreifen Strand war schmal. Gleich dahinter bauten sich wild bewachsene Anhöhen auf. Er würde Männer in diesen Wäldern Hütten bauen lassen. Hier unten waren sie zu ungeschützt. Möwen schrien.

Männer!

Wie der Kapitän es erwarten konnte, hielten alle inne. Sie hörten ihm zu; sogar die, die dem Spanischen nicht mächtig waren.

  • Diesmal wird nicht gekämpft. Wir rücken vor – ihr plündert nicht, ihr nehmt euch keine Frauen! Ich will keine Scharmützel, wie das letzte Mal.

Bevor Cortés den weiteren Verlust von Männern riskierte, musste er wissen, ob es in diesem Land tatsächlich Gold gab.

  • Würde der Widerstand groß sein, wenn er vorrückte?
  • Wer herrschte über dieses Land?
  • Mit wem würde er es zu tun bekommen?

Noch wusste er zu wenig: Die vergangenen Zusammenstöße mit den Einheimischen hatten ihn keinen Schritt weiter gebracht. Diesmal galt es zu lernen. Gott war an seiner Seite! Hatte er ihn nicht eine  Sklavin erbeuten lassen, die der Sprache der Einheimischen mächtig war?

  • Ihr werdet nichts tun, was die Indios aufbringt. Tauscht Essen gegen Glasperlen… ja. Aber nicht gegen Gold! 

Grummeln, ein Murmeln wogte durch die Zuhörer, ein empörtes Flüstern. Bevor einer der Männer jedoch laut gegen den Befehl des capitán aufbegehren konnte, hob Cortés die Hand.

  •   Heute geht es um Unzen, morgen um Bergwerke. Bedenkt, was auf dem Spiel steht!

Auf jeden Fall die Peitsche für jeden, der seiner Order zuwider handelte. Soviel stand fest. An den grimmigen Mienen erkannte Cortés, dass sie verstanden hatten. Selbst die, die nur erahnen konnten, was er eben verkündet hatte.

Einen Altar würde er bauen lassen. Ja, und die Priester mussten eine Messe lesen – eine Heilige Messe schien ihm das Richtige zu sein.

Die Begegnung

Eines musste er den Einheimischen lassen: Sie beherrschten es, sich anzuschleichen. Den Anführer der Küstenbewohner bemerkte Cortés erst, als einer seiner Kanoniere rief. Der Indio hatte da bereits mit seinen Leuten den Strand betreten.

Kerzengerade blieb der Anführer in einiger Entfernung stehen; eine Narbe zog sich durch sein rechte Auge. In der Unterlippe steckte ein Stück Stein, grün. Jade? Kein junger Mann, eher in seinem eigenen Alter, vielleicht sogar älter.

Warum Cortés wusste, dass er einen Anführer vor sich hatte? Einmal war es  die Haltung – und ja, der Umhang; reichverziert mit Federn und türkisblau, anders als die einfachen, weißen Wollumhänge der Indios tags zuvor. Blaue Federn schmückten auch sein Haupt, das – glattrasiert – nur einen Zopf trug.

Viel später erst sollte Cortés erfahren, dass bei den Azteken nur Krieger, die sich bereits bewährt hatten, so einen Zopf tragen durften. Auch ein Schild wie jenes, das eben in der Sonne schimmerte.

Noch mehr Einheimische traten aus dem Gebüsch, einige mit Äxten andere mit Früchten, Gebratenem und Fischen in Händen.

Der Spanier winkte die Sklavin herbei – seine Augen unverwandt auf die Besucher gerichtet. Wer weiß, wie viele noch im Gebüsch versteckt waren. Ruhig nickte er dem Anführer zu und kam ihm, der sich nun gemessenen Schrittes näherte, mit der Sklavin und zwei Soldaten entgegen. Wohl wissend, dass die Kanoniere ihn deckten. So trafen die beiden aufeinander – der Gesandte Moctezumas und der Kapitän Karls V.

  • Seid gegrüßt, Fremde! Ihr habt euch Mühe gegeben, über das göttliche Wasser zu kommen. Was führt euch hierher?

sagte der Azteke. Die Sklavin übersetzte, und Cortés? Er begann zu verhandelt.

Augen und Ohren für Moctezuma

Im Innenhof waren die Feuer schon niedergebrannt, als Cuautlipoc endlich heimkehrte. Doch merkte er es nicht – auch sah er Izel nicht, der kniend im Schatten ausharrte, die Arme auf den Rücken gebunden.

Ein Diener sprang sofort auf, schürte die Glut. Die Flammen schlugen hoch, tanzten über die Fresken an der Hauswand. Ein anderer legte auf die Holzbank vor dem Feuer ein Waschbärfell.

Was sollte er Moctezuma berichten? Alles schien von Bedeutung – und doch… Manches musste der oberste Herr sofort und von ihm erfahren. Anderes sollten Berufenere deuten. Ob der Fremde ein Gott war, etwa. Der Krieger lehnte den Speer an die Bank. Damit wollte er sich nicht auseinandersetzen. Aber er musste Moctezuma unbedingt berichten, dass

  • einen das Feuer in Angst versetzt, das die Rohre der Fremden ausstoßen.
  • die fremden Krieger gerüstet kommen – mit Schilden, Lanzen, Holzspießen.
  • jeder auf seinem Kopf ein Haus trägt.
  • die Lanzen mit Eisenspitzen versehen sind.
  • das Kleid der Krieger ganz aus Eisen gemacht ist.
  • einer der Fremden eine Pauke trägt. Er rührt sie, so dass sie erschreckend dröhnt.
  • die Ankömmlinge auf Hirschen reiten.

In Cuautlipocs Augenwinkel flackerte der Widerschein der Flammen; Schatten duckten sich an der Hauswand. Er sah aufmerksamer hin: Itzel, sein Sohn. Kniete. Wartete. Nun – noch war er nicht an der Reihe.

Den obersten Herrn wolle er treffen, hatte der Fremde gesagt.

Seufzend setzte sich Cuautlipoc auf die Bank, seine rechte Hand strich über die Lehne, einen aus Holz gedrechselten Waschbärkopf. Wie sollte er diese Bitte in Worte fassen? In Worte, die seinen Herrn, Moctezuma, nicht beleidigten?

  • Wer ist er, dass er denkt, ein Treffen wert zu sein?
hatte er den Fremden gefragt.

Missverständnis über Missverständnis

Karl V

Carlos V

  • Ich bin Repräsentant seiner königlichen Hoheit, Karl V., dem Herrscher des mächtigsten Reiches der Welt.
  • Wie kann er das sein? Wenn der große Moctezuma, mein Herr, über die Eine Welt herrscht?
  • Das Reich Seiner Majestät, Ihrer königlichen Hoheit Karl V reicht so weit, dass sogar das Meer ihm gehört, als wäre es sein Vorgarten.
    Moctezuma
  • Ist nicht die Eine Welt umschlossen von göttlichem Wasser? Eines dient meinem Herrn als Vorgarten und eines – als Hinterhof. Warum also sollte sich der Mühe unterziehen, dich zu empfangen?
  • Es wird deinem Herrn zum Vorteil gereichen. Denn Karl V ist mächtig, aber auch reich. Er isst von Tellern aus Gold und Silber – ja sogar die Löffel sind aus Gold.

Gold? Was hatte der fremde Kapitän damit gemeint? Auch die Sklavin hatte kurz inne gehalten, so als müsste sie den Sinn der Worte erst erfassen. Als sie schließlich übersetzte, klang immer noch ein Hauch Erstaunen durch. Auch Cuautlipoc suchte den Heimweg lang nach einem Sinn – und noch auf seiner Bank, den abwesenden Blick auf seinem Sohn fand er keine Lösung: Wer brauchte Gold zum Essen?

Anmerken hatte er sich eine Verwirrung allerdings nicht lassen. Diese Blöße wollte er sich nicht geben.

  • Wechselt er auch – wie mein Herr – mit jedem Bissen das Löffelchen?
Die Produktion von Tortillas

Die Löffelchen des Moctezuma. Maler: Diego Riviera, Titel: Mais

hatte Cuautlipoc geantwortet. Bei dieser Erinnerung grinste er. Natürlich ließ er die beiden nicht aus den Augen, während die Frau übersetzte. War der Funken eines Lächelns bei ihr aufgeblitzt? Bewunderung für seine Schlagfertigkeit?

Sie sprach lange, winkte sogar einen seiner Leute herbei, der Maisfladen in einem Korb bei sich trug. Sie brach ein Stück ab, aß es, zeigte dem Kapitän Moctezumas Löffelchen.  Dessen Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln, als er begriff.

Derweilen hatte Cuautlipoc die donnernden Rohre gezählt.

Vom frühen Erwachsenwerden

Will jemand wirklich Handel treiben, wenn er so viele Waffen bei sich führt? Es stand Cuautlipoc nicht zu, diese Frage zu stellen, viel Weisere würden eine Antwort darauf finden müssen.

Krieger MoctezumasDie Entscheidung, ob die Azteken in den Krieg ziehen, lag letztendlich bei Moctezuma – und den Priestern, die alle Vorzeichen beurteilten. Denn Moctezuma trug die Verantwortung für die Familien der mexica; diese Fürsorgepflicht stammte von den Götter.

Die Götter…

Was Cuautlipoc an seine Pflicht erinnerte: Vor dem Feuer stand eine Schüssel, eine Schüssel mit Chilischoten. Hatte er tatsächlich erst heute Morgen befohlen, Itzels Strafe vorzubereiten? Ihm schien eine Mondphase vergangen zu sein…

Wie viele Chilis würden den Göttern genügen? Fünf, sechs Stück? Mehr?

Cuautlipoc musterte seinen Sohn. Er würde ihn über das Feuer halten, in dem Chilischoten verbrannten. Der Junge würde den beißenden Rauch einatmen müssen. Brennen würde sein Schlund in jedem Fall – Cuautlipoc bestimmte nur, wie sehr und wie lange er an den Nachwirkungen leiden würde.

Galt an diesem Abend tatsächlich noch, was am Morgen selbstverständlich gewesen war?

Itzel hatte, so hatte man ihm berichtet, mit dem maquahuitl gekämpft. Nicht mit dem Holzschwert, mit dem die Jungen in der Schule üben, sondern mit einem Schwert eines erwachsenen Kriegers. Eines mit einer Klinge aus Obsidian. Scharf, spitz, tödlich. Doch das war verboten. Er war noch nicht in den Kreis der Krieger aufgenommen.

  • Ungehorsam und unbescheiden

ließen die Lehrer ausrichten. Cuautlipoc hatte ihnen am Morgen geglaubt. Wie an die Eine Welt. Jetzt aber lag ein Tag hinter ihm, ein Tag, an dem der Krieger zu zweifeln gelernt hat.

Zwei. Zwei Schoten mussten den Göttern reichen.

Beitragsfoto von HJPD

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Beitragsbild:  Von Juan de Tovar, ca. 1546-1626 

Saftige Äpfel von einer Hexe
Nebiga

Was will die Hexe im Apfelbaum?

Es war einmal auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz ein Apfelbaum. Der war alt und ließ seine Äste hängen; seine Äpfel machten auch nichts mehr her. Sie waren sauer und ihre Schale hart. Niemand wollte sich an denen die Zähne ausbeißen.

Einmal aber reiften plötzlich saftige, rotbackige Äpfel heran. Sie leuchteten schon von weitem, so dass euch das Wasser im Munde zusammengelaufen wäre, wenn ihr nur damals schon auf der Welt und dort vorbeigekommen wäret. So aber staunte ein Tuchweber und schaute sich das näher an.

Wenn einer nicht widerstehen kann

Hexe im ApfelbaumEi, wie sehr wollte er in einen Apfel hineinbeißen; sich den Saft übers Kinn rinnen lassen. Er konnte nur keinen erreichen. Denn auf den unteren Ästen baumelten keine Früchte – nur dort droben, ganz hoch.

Der Tuchweber entschied sich zu klettern.

Er schwang sich auf einen Ast des Apfelbaums, dann auf den nächsten und dann noch auf einen anderen. Schließlich griff er sich einen Apfel. Schon wollte er hineinbeißen, stellte sich vor, wie er schmecken würde  –

Zinn Zinnoberrot! Was fällt dir ein! Stiehlst mir meine Äpfel, du!

Der Tuchweber fuhr zusammen, als er ein altes Weiblein im Baum hocken sah.

Die Apfelhexe!

hexe am flugSchnell wollte er vom Apfelbaum springen. Denn er hatte schon viel zu viel von ihr gehört:

  • Da war Hans, der Hundefänger, den sie drei Tage in einem Weidenkorb eingesperrt,
  • dann Theodor, der Taschendieb, dem sie die Diebesbeute gestohlen
  • und schließlich Käthe, die Kupplerin, der sie die Nase langgezogen hatte.

Kein Wunder, dass der Tuchweber sich so schnell wie möglich davonmachen wollte. Nur klappte es nicht; er hing nämlich fest!

Die Hexe im Apfelbaum kicherte.

So schnell kommst du mir nicht davon! Zuerst musst du mir die Zeit vertreiben. Erzähl‘ mir eine Geschichte!

Der Tuchweber wunderte sich, wie billig er davonkommen sollte. Er wusste viele Geschichten, war er doch als Handwerksbursch gereist.

Ihr wisst ja –  wer eine Reise tut…

Deshalb wusste der Geschichten… Geschichten… zum Beispiel von der Nachbarin, die den Nagel immer auf den Kopf getroffen hatte. Wie sie dem Handwerksburschen des Tischlermeisters über Nacht gezeigt hat, wie man ein Boot baut. Mit dem sie dann fortsegelt.

Dieses Ende gefiel der Apfelhexe. Sie riss einen Apfel vom Ast ab und gab ihn dem Tuchweber. Kaum hat der einen Bissen davon gekaut und runtergeschluckt, war der Hunger weg. Zum Essen blieb ihm aber auch gar keine Zeit.

Erzähl weiter!

Also erzählte der Mann:

Von der gefräßigen Raupe, die den Obstgarten vertrocknen ließ. Sie entschied sich vor lauter Appetit dazu, sich nicht zu verpuppen und kein Schmetterling zu werden; sie wollte lieber einfach in Nachbarsgarten weiterfressen.

Diese Geschichte mochte die Hexe nicht so. Sie fuhr dem Tuchweber mit ihren scharfen Nägeln übers Gesicht. Das tat weh – doch schon musste er weiter erzählen, weiter und weiter: Den ganzen Tag über redete der Weber. Erzählen musste er – alles von den Leuten im Dorf und den Dörfern ringsum – alles, was er wusste. Wenn es der Hexe gefiel, lobte sie und gab ihm einen Apfel. Aber wehe, wenn nicht. Dann setzte sie ihre Nägel ein.

Als es tiefe Nacht war, sagte sie:

Jetzt denk‘ nach! Morgen will ich Bess’res hören. Wenn nicht, ergeht es dir schlecht!

So grübelte der Weber die ganze Nacht. Kein Auge hat er zugetan. Was nur, was, gab es noch, das der Hexe gefallen könnte? Er wälzte Ideen… waren sie gut genug? Würden sie der Hexe gefallen? Ja, er dachte dort oben im Apfelbaum so lange nach, dass er am Morgen heiser und sein Kopf leer war. Völlig leer.

Dummer Tor

schimpfte die Hexe und warf ihn vom Baum. Der Tuchweber brach sich einen Arm und ein Bein dabei und humpelte davon. Froh, so glimpflich davongekommen zu sein.

Im Apfelbaum versammelt sind…

Kurz danach lief einem Fassbinder das Wasser im Munde zusammen, als er am Apfelbaum vorbeikam. Er kletterte in die Krone. Doch war er maulfaul. Das munkelte man zwar schon länger im Dorf, aber nun erwies es sich: Er konnte den Apfel nicht bezahlen – und so flog er in einem so hohen Bogen aus dem Geäst, dass er alle seine Glieder zusammenklauben musste.

Der nächste war der Dorfpolizist. Auch er konnte dem Lockruf der Äpfel nicht widerstehen! Ihm fielen einige Geschichten ein:

  • von seiner Jagd auf einen Zirkusfloh zum Beispiel. Wie sich der im Hemd der Bürgermeisterin versteckt hat.
  • von der wandernden Vogelscheuche, die sich die Felder aussuchen konnte und dementsprechend heikel war
  • vom Taschendieb auf dem Jahrmarkt von Reichenberg. Der hatte einen Knopf in den Klingelbeutel geworfen.

Dann aber war Schluss. Der Dorfpolizist wusste nichts mehr zu erzählen. Sofort plumpste er vom Baum. Just in diesem Moment kam ein Heuwagen vorbei, sodass er weich fiel. Vielleicht deshalb, weil die Hexe bei allen seinen Geschichten lachen musste.

Von einer, die alles weiß

Der Schneider war der nächste. Er erzählte

  • von der dummen Augustine, die so gerne Königin werden wollte,
  • vom kleinen Ferkel, dem die fünfjährige Tine tanzen lehrte,
  • von der Schustermeisterin, die Pferden Schuhe anpasste.

Am Ende jeder Geschichte wiegte er den Kopf:

So ist es wirklich passiert. So  hat es mir meine Frau, die Schneidermeisterin, erzählt.

Schließlich wurde es der Apfelhexe zu bunt:

Alles hast du von deiner Frau gehört. Wie’s scheint, ist die viel klüger als du!

Was kann man sagen, wenn etwas wahr ist.

Viel klüger! Die weiß alles besser. Weiß, was landauf, landab vor sich geht!

Schick sie her! Sie soll mir die Zeit vertrieben!

Als der Schneider am Abend nach Hause kam, ging sofort ein Donnerwetter auf ihn nieder.

Jetzt erst kommst du? Wo hast du dich herumgetrieben? Immer muss ich alles alleine machen…

War das ein Gezänk und Geschrei! Erst nach einer Weile, in einer klitzekleinen Verschnaufpause, kam der Schneider dazu vom Apfelbaum zu erzählen.

Der trägt Früchte, die sind so süß und saftig, dass du dich nicht satt essen kannst!

eine Schüssel voll ÄpfelMehr brauchte die Schneidermeisterin nicht zu wissen! Äpfel waren ihr Lieblingsobst – und sie wollte einen Apfelstrudel backen. Sie forderte ihren Mann auf, ihr den Baum zu zeigen.

Sich zu zieren, half nichts. Der Schneider musste mit ihr zum Baum gehen. Dort ließ er seiner Gattin galant den Vortritt.

Kaum war die Schneidermeisterin im Geäst, stürzte sie sich auf einen der Äpfel. Ihr wisst ja, wie das ausgeht…

Mehr als wir Anderen wusste die Schneidermeisterin aber auch nicht. Dafür hatte sie allerdings das loseste Mundwerk zwischen dem Jeschken- und Isargebirge. Sie  klatschte d‘rauflos und hört auch heute noch nicht damit auf.

Die Hexe kletterte hurtigst vom Baum herunter. Solch ein Gewäsch hatte sie noch nie vernommen! Die Ohren klangen ihr noch wochenlang davon.

Im Apfelbaum droben blieb die Schneidermeisterin allein hocken. Sie wartet auf jemanden, der sie da runterholt. Weil die Äpfel aber wieder verschrumpelt sind, kümmert sich keiner mehr um den Apfelbaum zwischen Reichenberg und Gablonz.

Und so kommt es wie es kommen muss: Wenn die Schneidermeisterin noch nicht gestorben ist, dann hockt sie noch heute da oben.

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Abschied
Nebiga

Letzte Seite: Wo ein Abschied ist

Mein Liebes, bald ist es soweit! Der Abschied fällt mir schwer, er ist jedoch unausweichlich: Wir werden uns schließlich trennen müssen!

Natürlich ahnte ich von Anfang an, dass es mit uns so einmal enden wird… wir uns auseinander leben und Adieu sagen. In jeder Beziehung steckt ein Abschied. Mittlerweile sagt mir meine Erfahrung, wann für die Trennung der richtige Zeitpunkt ist. Ich weiß es einfach. Zu Ende ist zu Ende.

Jetzt bald ist es soweit. Es dauert nicht mehr lange. Spürst du es auch? Ja? Du willst dich ausruhen, sagst du. Mich aber drängt es weiter. Besser ist, wir gehen unserer Wege. Es soll sich nichts Unausgesprochenes zwischen uns aufstauen.

Doch bevor wir endgültig Abschied nehmen, möchte ich dir danken.

Danke für die gemeinsame Zeit, unsere Reisen, deine Ausdauer! Wir verbrachten eine wunderbare Zeit zusammen, vertrauten uns. Deshalb will ich nicht schweigen, das Unausweichliche abwarten und gehen. Ich will, dass du weißt, was für ein großartiges Wesen du bist. Dass du mit eigenen Augen liest, was ich an dir in unseren gemeinsamen Monaten schätzte.

Die Liste zum Abschied ist lang

Was an dir unvergleichlich ist? Das bist du. Das ist

  1. dein Körper. Natürlich! Sonst wären wir ja gar nicht zusammen gekommen. Mir ist sie gleich aufgefallen deine Statur, deine Haltung, dein Stil – ja, und dein Geruch. Wann immer ich dich roch, dich neben mir spürte, fühlte ich mich zuhause.
  2. deine unerschütterliche  Geduld. Nie hast du dich über Wiederholungen, Routine oder meine Wutausbrüche beschwert. Du hast mich gesehen, wie ich bin. Mich gewähren lassen, mich nur manchmal abgelenkt, so dass ich mich beruhigen konnte.
  3. wie du zuhören kannst. Egal wie absurd meine Thesen waren, du hast sie dir zunächst einmal angehört, um sie zu verstehen, bevor du sie widerlegtest.
  4. deine Hilfsbereitschaft: Du warst immer für mich da, selbst in meinen düstersten Momenten.
  5. deine Kreativität: Manchmal, wenn ich mich rettungslos verrannt habe, hast du eine Idee in mir entzündet. Du hast mich aus jedem Labyrinth rausgeführt.
  6. wie abenteuerlustig du bist! Überall hast du mich hinbegleitet… wir haben die Welt bereist. Nicht ein einziges Mal bist du zurückgeblieben.
  7. deine Widerstandskraft. Ich habe dich der Hitze und Kälte, der Nässe und Trockenheit ausgesetzt. Ein Hund hat dich gebissen. Doch du hast nicht gemurrt, bist stetig an meiner Seite geblieben, hast niemals schlapp gemacht. Unerschütterlich warst du! Heldenhaft!
  8. deine Freundschaft! Du bist ein Freund, ein richtiger Freund! Schweigst nicht still, wenn ich mich selbst verliere; weichst unangenehmen Fragen nicht aus, stellst sie auch dann, wenn du weißt, dass ich dich dafür einen Moment hassen werde.
  9. deine Ehrlichkeit. Ich kann dich alles fragen. Dein Ego beschönigt nicht, du antwortest, wie du es siehst.
  10. deine Toleranz. Anderen leihst du dein Ohr genauso, unterschiedslos: Du hörst wirklich jedem zu.
  11. dass du immer etwas mit dir selbst anzufangen wusstest, wenn ich einmal keine Zeit für dich hatte. Ja, sogar mit anderen unterwegs war.
  12. deine Großzügigkeit. Egal, worum es ging, du hast ausgeholfen. Dir war keine Liste zu dumm, kein Satz zu lang.
  13. dass du niemals Angst vor deiner eigenen Wut hattest. Sie zügeln konntest, spätestens vor der nächsten Seite.

Nun aber ist es soweit!

Ich muss gehen. Das ist unsere einzige Möglichkeit! Auf diese Weise bleiben wir Freunde, zermürben einander nicht. Lass uns lieber darauf freuen, dass wir uns irgendwann einmal wieder sehen. Ich verspreche allerdings nichts: Es könnte Jahre dauern.

Schlag‘ ich dich eines Tages doch noch auf – ja dann… dann schwelgen wir gemeinsam in Erinnerungen.

Das wird mir gefallen. Dir doch auch, oder?

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Meine große Liebe ist Kunterbuch

Kunterbuch? Kunterbunt, meinst du wohl? Nein, ich habe mich nicht vertippt! Meine große Liebe ist einzig und allein Kunterbuch, Die Buchhandlung! Die Größte für die Kleinen mitten im Herzen Wiens.

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Der Eingang am Stubenring im 1. Bezirk, Wien

Ich befinde mich mit meiner großen Liebe in guter und zahleicher Gesellschaft: Kunterbuch wurde mehrmals mit dem Kinderbuchhandlungspreis ausgezeichnet.

Dieser Preis sagt schlicht, dass Kunterbuch die beste Kinderbuchhandlung Österreichs ist.

Kinder aller Altersklassen, Mütter, Väter, Tanten, Onkel, Großmütter und -väter suchen dort Lesestoff und sogar andere, oft kinderlose Erwachsene kommen, um lesbare Mitbringsel zu suchen.

Schuld ist nicht nur die Auszeichnung. Aber eine solche bekommt man halt nicht, wenn man Durchschnitt ist.

Was braucht’s, um große Liebe zu sein?

  1. Kompetenz.

Zwei engagierte Buchhändlerinnen beschäftigen sich mit den Wünschen ihrer kleinen und großen Kunden. Wer auch immer kommt und nach einem Buch fragt, erhält eine fundierte Antwort. Selbst wenn der Autor*innenname knapp daneben liegt, man nicht so genau weiß, für welche Zielgruppe das Buch überhaupt sein  oder wovon es handeln soll:

  • „War etwas mit B am Anfang“, „handelt von einem scheppernden Ritter und einem blauen Hut.“

Buchhändler*innen müssen die Lust am Rätselraten mitbringen. Berufsanforderung.

  • „Ich suche etwas für einen Jungen.“
  • „Wie alt ist er denn?“
  • „Pfft, ist der Sohn von meinem Chef, vielleicht vier, nein eher sechs oder acht. Na ja, so halt.“
  • „Interessen? Hat man die schon in dem Alter? Woher soll ich das wissen?“*
kunterbunt_diedamen

Inhaberin Elisabeth Rippar (r) mit Dagmar Harbich

Egal, ob verwirrte Väter, ahnungslose Großmütter oder gelangweilte Onkels – kompetent wie Elisabeth Rippar oder Dagmar Harbich sind, gehen die zuvor noch Verzweifelten nur wenige Sekunden später aus dem Laden. Mit sich zufrieden UND dem richtigen Buch in der Hand!

Kunterbuch: Was wirklich hinter Kompetenz steckt?

2. Leidenschaft.

Rippar und Harbich lieben Bücher, Geschichten und Illustrationen. Sie wissen außerdem genau, welche Themen ziehen und welche nicht. Sie kennen ihre Kinder und haben einen Blick für die leuchtenden Augen der Kleinen.

Deshalb kommen viele Mütter, Großmütter oder Tanten und  schmökern im Angebot. Sie schauen auch schon einmal nur so am Nachmittag vorbei. Die Kinder verschwinden in der Kuschel- und Spielecke und probieren gleich mal Bücher aus…

die große Liebe das Buch

Fast wie ein Bücherschloß

Wer einfach so vorbeikommt, stöbert, plaudert, fragt, tratscht und genießt, dass auch der Nachwuchs liest.

kunterbunt_Kaffee

Bücher mit Kaffee – was will ich mehr?

Dass es einen Kaffee gibt, der die nahe gelegenen Wiener Kaffeehäuser verblassen lässt, hilft. Und aus einer Viertelstunde wird eine halbe, eine ganze, zwei – und mehr Stunden.

Zeit löst sich auf in diesem kunterbunten Schloß der Bücher.

Nebenbei wächst der Stapel der Wunschbücher mit. Wunschbücher der Großen UND der Kleinen.

Alles gut und schön: Was bedeutet dir das?

  • „Dein Sohn ist doch schon vieeeeel zu alt, als dass du Bücher für ihn findest!“

Stimmt.

Die große Liebe zur Buchhandlung Kunterbuch begleitet mich und meinen Sohn aber schon lange. Mein Sohn ist heute nämlich eine Leseratte unter der Generation Native – also jener Kinder, die mit digitalen Spielen groß wurde. Das verdankt er Kunterbuch. Die beiden begeisterten Buchhändler- und Kinderbuch-Leserinnen haben ihn stets mit Lesestoff versorgt, der ihn fasziniert hat.

Für mich selbst ist die Buchhandlung ein Fundus. Wer spielt denn am meisten mit Märchen? Die Kinderliteratur. Ich berate, diskutiere, finde Vieles und Neues zu Märchen, Fabulieren und Geschichten erzählen.

Bestellen geht übrigens immer!

Außerdem…

das Lächeln im Kunterbuch

Wer – bitte schön – kann diesem Lächeln widerstehen?

  • Buchhandlung Kunterbuch
  • Am Stubenring 20, A-1010 Wien
  • Tel: 0043-1-513 50 93, www.kunterbuch.at
*Fragen wie diese entsprechen der Realität: Ich habe sie dort so gehört!

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Hopi Indianerin: Sonnenblume
Nebiga

Wie die Sonnenblume auf die Welt kam

Vogelfutter, Naschwerk und Öl: Dafür ist sie gut. Im Herbst stellen wir sie noch in einer Vase in die Wohnung oder wir zieren den Garten damit. Landwirtschaftlich wird sie eigentlich nur noch zur Ölgewinnung angebaut. Sie zählt nämlich zu einer der wichtigsten Quellen cholesterinfreien Öls:  Helliantus annus, die Sonnenblume. Dabei kann sie doch viel mehr!

Die Hopi-Indianer nutzen die Sonnenblume schon von alters her auf vielfältigere Weise; die Blume ist neben dem Mais das Kostbarste, was dieser Indianerstamm im Nordosten von Arizona kennt. Ihr Wissen geben die Hopi seit Generationen an ihre Nachkommen auf eine Weise weiter, die das Vergessen unmöglich macht – mit dieser Geschichte:

Das Mädchen, das die Sonne liebte

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein Indianermädchen, das Xochitl – Blume – hieß. Xochitl war in die Sonne verliebt.

Hopi Pueblo

Hopi Pueblo (Dorf) von John K. Hillers, 1843-1925

Wenn die Frauen sich in die kühlen Behausungen zurückzogen, um Mais zu mahlen, huschte das Mädchen so oft es ging hinaus und suchte den grellen Ball am Himmel. Sandte Tonatiuh, der Sonnengott, seine Strahlen noch zur Erde?  Wie lang, wie kurz waren die Schatten geworden? Trübte gar ein Wölkchen seine Kraft?

Abends hockte sie im ockerfarbenen Schein des Abendrots und sah von der Leiter am Eingang ihres Hauses aus traurig zu, wie der Himmelsball hinter den Dünen verschwand. Rief dann die Großmutter, damit sie dem Mädchen die Haare kämmen konnte, schmiegte sich Xochitl an sie und fragte:

  • Großmutter, passiert dem Sonnengott auch nichts – dort hinten, so weit weg?
  • Tonatiuh, kann auf sich aufpassen, ihm passiert nichts. Leg du dich nur beruhigt nieder!
  • Kommt er auch wieder zurück?
  • Er kommt wieder zurück.
  • Gleich morgen, wenn ich die Augen öffne?
  • Wir werden sehen, Kind!

Manchmal schien die Sonne am nächsten Morgen, manchmal aber auch nicht: Letzteres betrübte Xochitl so sehr, dass sie grübelte und grübelte und den Älteren nur noch untätig zuhörte – ohne Mehl zu mahlen oder Körbe zu flechten. Ihre Großmutter machte sich oft Sorgen: Zum Grübeln, fand sie, war das Mädchen viel zu jung! Sie sollte sich lieber auf das Lernen und das Leben beschränken!

Das Jahr als Tonatiuh täglich kam

Doch es kam ein Jahr, da Xochitl glücklich war – Tonatiuh schickte seine Strahlen Tag für Tag, nicht ein einziges Mal trübte ein Wölkchen den Himmel. Nun lernte Xochitl, was Indianermädchen so lernen müssen:

Mehl mahlen natürlich und Farben herstellen: purpur, blau, schwarz und rot; töpfern, Körbe flechten und Stoffe weben; sie fütterte die Vögel, presste Öl aus den Maissamen, kochte Gemüse und half sogar Kräuter zu sammeln und Heilsalben zu rühren.

Rührig war Xochitl den ganzen Tag, weil sie sich so freute, dass Tonatiuh sie begleitete.

Kurz vor Sonnenuntergang aber schnappte sie den Wasserkrug, kletterte über die Leiter hinunter und machte sich auf den Weg durch die Savanne zur Quelle, um den Krug zu füllen. Zwei, drei Mal. Tonatiuhs Strahlen liefen mit ihr mit. Erst wenn die Zisterne voll und nur noch wenige Sonnenstrahlen ihren Schatten begleiteten, hockte sie sich vor den Hauseingang und beobachtete, wie die Sonne endgültig am Horizont verschwand:

Sonnenuntergang

  • Schön war es heute, Tonatiuh. Ich hatte Spaß! Du auch? Komm doch morgen wieder!

Und Tonatiuh kam wieder. Sogar im Juli schien die Sonne täglich – und der August war auch schon fast vorüber… Die Regenzeit dagegen blieb in diesem Sommer aus.

Ohne Regen aber vertrockneten die Felder.

Ein Dorf sucht einen Ausweg

Die Maisstauden ließen ihre Blätter hängen, Bohnen und Melonen wollten partout nicht sprießen. Sogar die Kürbis-Pflanzen trugen nicht.

  • Ayy Großmutter, warum beraten sich die Männer heute schon wieder?
  • Sie planen den großen Tanz, den Schlangentanz, Kind!
  • Aber damit rufen sie doch Tlaloc, den Regengott, damit er Tonatiuh vertreibt. Ich will nicht, dass die Sonne geht!
  • Versteh doch, Kind! Wir haben wirklich nicht mehr viel Zeit. Du weißt doch, Tlaloc schickt seine Kinder nur selten, um ihre Eimerchen auszuschütten.
Moki Snake Dancers

Hopi Schlangentänzer

Kurz darauf machten die Männer sich auf die Suche nach Klapperschlangen. Sie zogen sich mit ihnen in die Steinwüste zurück, um sich auf die beschwerlichen Tanz-Tage vorzubereiten. Neun Tage würden die Männer trommeln, tanzen und um Regen bitten.

Die Frauen stöberten währenddessen sorgenvoll in den Vorräten herum.

Würde es für die nächste Zeit genug geben? Oder mussten sie auf Essensreste zurückgreifen, die sie nach einer guten Ernte in die Asche eingegraben hatten – für schlechte Tage? Würden sie ihre Häuser verlassen müssen? Weiterwandern zu den reicheren Verwandten in der Nähe des Flusses?

Xochitl beobachtete die Mienen der Menschen im Dorf, sah zu, wie die Frauen in der Asche gruben, hörte zu, wenn sie von ihren Sorgen sprachen. Nachdenklich betrachtete sie das schmutzige Wasser in der Zisterne. Schließlich bat sie eines Abends:

  • Tonatiuh, morgen komm nicht. Versteck dich hinter den Wolken, damit die Kleinen des Tlaloc ihre Eimerchen ausschütten können. Ich bitte dich, Tonatiuh. Komm morgen nicht!

Am nächsten Tag – noch bevor die Männer die Trommel schlugen – verschwand die Sonne hinter einer großen Regenwolke. Und es regnete, diesen Tag und den nächsten, diese Woche und die nächste und die nächste…

Die Freude war groß

Die Zisternen füllten sich. Die Bewässerungsanlagen ebenso. Maiskolben sprossen hervor und Bohnen. Die Kürbisse wuchsen, so prall und üppig, dass die Leute im Dorf kaum mit der Ernte nachkamen. Es war eine Freude! Die Menschen konnten sich an der Fülle gar nicht sattsehen, arbeiteten gemeinsam tagtäglich bis tief in die Nacht auf den Feldern, um den Segen zu nutzen.

Die Frauen legten zusätzlich Vorräte an, mahlten Mehl, bis zu 12 Kilo am Tag. Sie schälten Bohnen und trockneten sie, bewahrten die Kürbisse mit Asche bedeckt auf. Sie schleppten schwer, gruben und ernteten. Xochitl war stets unter ihnen.

Lauf zum Tempel der Blumen

Zunächst fiel es nicht auf. Aber nach einer Weile fand die Großmutter, dass das Mädchen schmäler war als noch Tage zuvor. Schwach schleppte es sich vorwärts, schwächer schien es von Tag zu Tag. Jeder Regentag ließ es offenbar müder werden und bleicher.

  • Was hast du Kind?
  • Nichts Großmutter. Ich fühl mich heute nur nicht ganz so gut.

So viel gab es zu tun, dass die Großmutter es auf sich beruhen ließ. Das Mädchen ging ja auch täglich mit auf die Felder, bis es eines Tages am Rand eines Maisfeldes zusammenbrach. Kaum ein Hauch Atem war mehr in ihr; sie würde sterben, gleich… es fehlte nicht mehr viel. Die Großmutter flehte

  • Tonatiuh hilf, so hilf ihr doch!

Da schickte der Gott einen Sonnenstrahl hinter einer der Wolken hervor.

  • Xochitl, lauf zum Tempel der Blumen. Dort kann ich dich beschützen, mach schnell, lauf.

So schwach das Mädchen schien, erhob es sich und ging los – zum Maisfeld hin. Mit jedem Schritt verblasste es mehr und mehr…

Vor den Augen der Großmutter verwandelte es sich in eine leuchtend gelbe Blume. Nur die Mitte blieb dunkel, so dunkel wie ihre Augen und ihr langes Haar.

Seit diesem Tag gibt es sie – die Blume, die im August an den Rändern der Maisfelder wächst und deren Blüten sich  nach der Sonne drehen. Die Hopi nennen sie xochitl tonatiuh: Sonnenblume.

Weil sie aber genau wissen, was eine Hopi-Frau in jungen Jahren lernen muss, wissen sie auch, was diese besondere Blume alles kann.

Warum die Hopi die Sonnenblume verehren

Schon vor zwei- bis dreitausen Jahren verwendeten die Hopis die Sonnenblume in all ihren Teilen. Sie

Sonnenblumen

  • mahlten Mehl aus den Samen
  • kochten den Kopf als Gemüse
  • gewannen aus den Samen blaue, schwarze, purpurne und rote Farbstoffe
  • pressten Öl
  • webten Stoffe aus den fasrigen Teilen der Blätter
  • flochten Körbe
  • rühren aus Kernen Salben für Wunden, Schlangen- und Insektenbisse

 

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Beitragsbild: Hopi Indian woman and her daughter in the village of Oraibi, ca.1901

Als zwei Aborginies sich zeichneten
Nebiga

Als zwei Aborigines einander zeichneten

Weihnachten in Australien ist eine ganz eigene Sache. Es findet im Sommer statt. Am Strand zum Beispiel, wo alle kurze Hosen tragen oder Tücher um ihre Taille geschlungen haben, vor sich hinschwitzen, surfen oder in der Sonne braten. Mancher Europäer hätte Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen, Santa Claus  – den Weihnachtsmann – willkommen zu heißen. Die meisten Australier plagen dagegen keine Bedenken. Außer die Aborigines.

Sie betrachten das weihnachtliche Theater skeptisch: Kurz gesagt, die Ureinwohner Australiens fangen herzlich wenig mit einem Mann auf einem fliegenden Schlitten an.

Von kulturellen Zusammenhängen

Vor allem, weil er zu den Briten gehörte, genau so wie er heute fester Bestandteil der Feiern der heute in Australien herrschenden Bevölkerungsgruppe ist. Der Gruppe, der viele Nomaden nach wie vor zurückhaltend gegenüber stehen. Kein Wunder: Einmal wurden die Aborigines durch die Briten fast ausgerottet. Wie alle indigenen Völker in der kolonisierten Welt starben sie wegen eingeschleppter Krankheiten und gewaltsamer Konflikte mit den fremden Siedlern. Zum zweiten ignorieren oder bevormunden die weißen Australier sie.

Heute gelten die Aborigines jedoch größtenteils als angepasst. Etwa drei Viertel leben in Städten und haben sich – so gut es ging – mit der seßhaften Lebensweise arrangiert. Jahrelang arbeiten sie, schaffen sich ein Heim,  Freunde und Beziehungen. Irgendwann, ganz plötzlich aber, verschwinden sie.

Er ist walkabout gegangen, schimpfen die zurückgebliebenen Kollegen im Job.

walkabout?

Ja, die verschwinden, die werden verrückt.

Ungläubig erzählen sie, wie der Verschwundene nach drei Jahren zurück kam und erwartete, dass seine Arbeit auf ihn gewartet hätte. Verrückt eben!

Die Aborigines sehen das naturgemäß anders. Fragt man einen von ihnen, bedeutet walkabout etwas  Anderes – es bedeutet einfach gehen.

Nach Hause gehen.

Ins Hinterland aufbrechen, um zeremonielle oder familiäre Dinge zu erledigen, heilige Stätten zu besuchen und mit Menschen, die einen verstehen, zusammen zu sein.

Ein lang anhaltendes Weihnachten halt!

Genau deshalb haben wir heute eine Geschichte der Aborigines für euch:

Was Aborigines über Känguru und Dingo erzählen

Lange wanderten die beiden Männer Kubabara und Buruk, bis sie den riesigen Felsen, Tor Rock, erreichten. Die Umgebung gefiel ihnen. Sie beschlossen, sich eine Weile dort niederzulassen.

Einige Zeit verbrachten sie damit, am Fuß des Felsens entlang zu wandern und entdeckten schließlich eine Höhle. Die Wände waren über und über mit Malereien bedeckt.

Schau Buruk, eine Schildkröte!

Und dort ein Emu… ich kann es deutlich erkennen. Auch die Menschen, die den Vogel jagen.

Es gab so viel zu sehen – die beiden verloren sich in den Träumen von Mensch und Tier. Die Sonne berührte fast den Boden, als Buruk vorschlug :

Komm, malen wir uns auch: Du malst mich und ich dich!

Doch dafür wurde es schon zu dunkel. So lagerten sie vor der Höhle.

Kubabara war das nicht geheuer. Sie hatten so lange mit den Zeichnungen verbracht, dass sie der Umgebung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten.

Was, wenn die Seelen der Tiere uns angreifen?

Buruk lachte.

Es sind es nur Seelen. Wir warten, dann können wir fragen, wie es ist, eine Seele zu sein.

Kubabara war nicht so leicht zu überzeugen. Er nahm beim Schlafen vorsichtshalber die Haltung eines Hasen ein: Bereit beim geringsten Geräusch aufzuspringen und zu fliehen. Buruk dagegen kauerte sich zusammen, bereit eine Seele zu beschnüffeln.

In der Nacht aber gab es nur die Geräusche, die es immer gab: die Geräusche des Landes.

Eine Idee setzt sich fest

Am nächsten Morgen wanderten die beiden weiter. Sie wollten auch noch die andere Seite des Felsens erkunden. Darob vergaßen sie die Zeichnungen. Aber nicht für lange Zeit, denn an den Felswänden eines kleinen Bergs fanden sie weitere Felszeichnungen. Kaum entdeckten sie diese, erinnerten sie sich. Doch auch diesmal verschoben die beiden Männer ihr Vorhaben, sich gegenseitig zu zeichnen.

Schließlich gelangten Kubabara und Buruk in eine Gegend, die ihnen außerordentlich gut gefiel. Sie richteten eine bleibende Lagerstätte ein.

In deren Nähe befand sich sogar eine Felswand. Eine, auf der noch niemand gezeichnet hatte. Zu ihr gingen die beiden eines Tages und setzten ihr Vorhaben um – sie zeichneten sich gegenseitig

Native Drawings (kangourou)

Foto von Triton (Eigenes Werk) , GFDL http://www.gnu.org/copyleft

Wie schön, rief Kubabara, als er Buruks Bildnis sah. Er wollte nur noch als dieses Känguru weiterleben.

Auch Buruk gefiel seiDingo444n Abbild – und verwandelte sich sofort in einen Dingo. Genau so wie Kubabara ihn dargestellt hatte.

In dieser Gestalt lebten die beiden noch eine ganze Weile. Nachts schlief das Känguru wie ein Hase auf der Flucht. Der Dingo aber wie ein Hund, der neugierig wartet.

Dies ging so bis zu jenem Tag, an dem Kubabara und Buruk zu ihren Felsbildern zurückkehrten.

An diesem Tag erfüllten sie ihre Felszeichnungen mit Leben. Als Menschen kehrten sie nie mehr zurück.

Beitragsbild: Kata-Tjuta am Morgen. Foto von Dimageau

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